wie punk zu einer sexuellen revolution geführt hat

In dem neuen Bildband „Showboat: Punk / Sex / Bodies“ geht es um die progressive Punk-Einstellung zu Sex und Sexualität, in einer Zeit, in der Queersein und Penisse noch nicht zum Mainstream gehörten.

von Paige Silveria
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18 August 2016, 12:58pm

„Zu meiner Punkzeit gehörten Musik, Amphetamine, Bier, Sex, Konzerte und Kunst, in keiner bestimmen Reihenfolge", sagt uns Toby Mott, Künstler, Modedesigner und als Besitzer der The Mott Collection gehört ihm auch das wohl größte Skinheadarchiv auf der Welt. Im September erscheint in Zusammenarbeit mit Dashwood Books das umfangreiche neue Punkbuch Showboat: Punk / Sex / Bodies. „Der Titel Showboat spielt auf den auf Außenwirkung bedachten Teil extravaganter Punk-Exhibitionisten an. Punk hatte einen mutigen, ausgefallenen und theatralischen Zugang zu Sex und Sexualität ", so Toby Mott zu i-D. 

Aus seiner Sammlung hat Toby Mott Punk-Ephemera, Poster und Albumcover beigesteuert und unterstützt wurde er mit Beitragen von 60 Leuten, darunter Richard Prince, Paul Cook von den Sex Pistols und der berühmte Rockfotograf Bob Gruen. In dem Buch geht es um das Verhältnis von Punk und Sex in den letzten 40 Jahren. „Für viele Punks war Sex eine Schocktaktik gegen Establishment, gegen das rebelliert wurde. Punk war anti-Liebe und anti-Hippie. Der Status als Subkultur bedeutete, dass Punks dem Thema Sex völlig frei, ohne Zensur durch den Mainstream begegnen konnten", erklärt Mott. „Diese sexuelle Offenheit gibt dem Material eine einmalige Authentizität."

Wir haben mit Mott über das sexuelle Vermächtnis von Punk, die Zukunft von Subkulturen und den Unterschied zwischen Punk in den USA und in Großbritannien gesprochen.

Was ist in deinen Augen das sexuelle Vermächtnis von Punk?
Punk hat den Ausgangspunkt für eine progressivere Denkweise geboten und damit für einen offenen Dialog gesorgt. Ich glaube nicht, dass sich junge Leute heutzutage von Gender und dergleichen schockieren lassen. Die Leute haben mehr Sicherheit, sie selbst zu sein. Dass man damals als Opfer hingestellt wurde, nur weil man schwul ist, ist hoffentlich eine Sache der Vergangenheit. Punk war eine der ersten Subkulturen, die unterschiedliche Ansichten über Sexualität akzeptiert hat. Zwar gab es davor in den 60ern die sexuelle Revolution, die war eine ziemlich heterosexuelle Sache. Erst durch Punk wurde die Sache vielfältiger. Das entwickelte sich dann zu einer queeren Kultur und sorgte für das S&M-Element in den amerikanischen und britischen Punkszenen. Die Frauen waren emanzipiert. Mich haben einfach die Anfänge sehr interessiert. So hat sich das Projekt langsam entwickelt und wurde zu diesem umfassenden Überblick.

Worin unterscheiden sich der britische und amerikanische Punk?
Das sind zwei getrennte Kulturen, die den gleichen Namen teilen und ungefähr zur gleichen Zeit entstanden sind. Amerikanischer Punk war eine Reaktion auf die vorherrschende Kultur, wohingegen britischer Punk sehr politisch war. Großbritannien war sehr heterosexuell und verklemmt. Der ganze sexuelle Aspekt des Punks war dort ein größerer Aufreger. Vivienne Westwoods und Malcolm McLarens SEX-Shop in London spielte mit Bondage- und S&M-Bildern. Ich bin mir nicht sicher, ob der Shop in New York, wo amerikanischer Punk herkommt, als ähnlich schockierend empfunden worden wäre. 

Gibt es eine Subkultur, die heute das System auf vergleichbare Art und Weise zersetzt?
Es wird immer eine Reaktion auf den kommerziellen Mainstream geben. Früher hießen die Bands The Osmonds, heute heißen sie One Direction. Und es wird immer einen Underground und eine Gegenreaktion zur dominierenden Mainstream-Kultur geben. Heutzutage wird die Entwicklung aufgrund des Internets sogar schneller gehen. Die Leute können schneller miteinander kommunizieren. Die Fan-Zines wurden durch das Internet und Blogs ersetzt. Zu meiner Zeit gab es die Leute in meiner Stadt. Oder man traf sich an Orten wie dem New Yorker CBGB, zu denen all diese Kids gegangen sind. Heute sind diese Orte im Internet. Der Underground wird immer existieren, aber eben immer wieder anders und neu. Wie die Art Book Fair in New York. So etwas gibt den Kids Hoffnung. Ich war eines dieser Kids, nur vor vor 40 Jahren.

Kann man Leute heutzutage überhaupt noch schockieren?
Das ist eine gute Frage. Zwar ging es den Punks darum, die heterosexuelle Mainstream-Gesellschaft zu schockieren, aber letztlich haben das die Punks für sich selbst gemacht.Punk hat sich nicht wirklich mit der Außenwelt beschäftigt. Es war eine Welt für sich. So wollten die Punks das eben. Aber natürlich, einige werden Transgender heutzutage schockierend finden. Man muss sich doch nur mal das Phänomen Trump anschauen. All diese Leute haben Angst vorm Fortschritt und fühlen sich ausgeschlossen. In Großbritannien gibt es den Brexit. Die Mentalität ist die gleiche: Die Vergangenheit gilt als das goldene Zeitalter, in dem es noch moralische Maßstäbe gab und eine Zeit, in der es Sicherheit und Halt gab. Amerika und Großbritannien teilen das. Für progressive Menschen wie uns sind das erschreckende Zeiten.

Aber die Zeiten sind nicht nur schlecht. Große Marken rücken Transgender-Models immer mehr in den Vordergrund.
Absolut. Wenn sich Dinge zu sehr, sagen wir, nach rechts entwickeln und die freien Künste unterdrückt werden, entsteht ein unglaublich kreatives Potenzial. Wenn Leute mit faschistoiden Ansichten regieren, blüht der Underground auf. So war es unter den Nazis, und unter Thatcher und Reagan. Es gab tolle kreative Bewegungen. Wir sollten Trump dafür natürlich nicht feiern, aber er polarisiert und ist eine Figur, gegen die man sein kann und die Gegenreaktionen hervorruft. Das wird im Buch deutlich. Und ich glaube, wir werden etwas Ähnliches bald wiedersehen, weil wir in dunklen, politischen Zeiten leben.

Showboat: Punk / Sex / Bodies

erscheint am 1. September bei Dashwood Books. Hier kannst du das Buch vorbestellen.

Credits


Text: Paige Silveria
Fotos: Courtesy of Toby Mott

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