„god hates fags“: warum donald trump gut ist für die lgbt-community

Der Autor Daniel Reynolds vom amerikanischen Schwulenmagazin „The Advocate“ erklärt uns, wie Trumps Hinterwäldlertum die LGBT-Szene vereinen kann und warum das wichtig ist.

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Sep. 5 2016, 10:45am

Als junger Student habe ich eine Rede von Judy Shepard über ihren Sohn Matthew gehört, der aufgrund seiner sexuellen Orientierung umgebracht wurde. Der Saal in Pennsylania war bis auf den letzten Platz gefüllt. Als 18-Jähriger, der sich gerade geoutet hatte, blieb mir vor allem ein Satz in Erinnerung: „Danke Gott für Fred Phelps".

Es war damals verstörend zu hören, dass Shepard den (mittlerweile verstorbenen) Anführer der homophoben Westboro Baptist Church gelobt hat. Mitglieder dieser Kirche standen mit „God Hates Fags"-Schildern auf der Beerdigung ihres Sohnes. Aber wie uns Shepard erklärt hat, ist es viel Wert, wenn man der Schwulenfeindlichkeit ein Gesicht gibt. So sieht die Welt, dass es immer noch Vorurteile gegen Schwule gibt. Dadurch werden Leute vereint, die dann gemeinsam handeln und kämpfen.

In den letzten Monaten hat Donald Trump die Mauern des politischen Establishments überwunden und wurde zum Präsidentschaftskandidaten der Republikanischen Partei. Das hat er—unter anderem—geschafft, weil er die Ängste und Vorurteile der Wähler bedient hat, keine neue Strategie. Die Kampagne zur Wiederwahl von George W. Bush, der Kopf hinter der Kampagne, war Karl Rove und gemanagt wurde sie vom damals noch ungeouteten Wahlkampfmanager Ken Mehlman. Sie haben Bush auf einer Welle der Homophobie 2004 ins Weiße Haus gebracht, im gleichen Jahr, in dem ich die eindrucksvolle Rede von Judy Shepard gehört habe.

Aber Trump hat etwas gemacht, das andere Kandidaten, glattere Kandidaten, vor ihm nicht gemacht haben: Er hat sich selbst die Hände schmutzig gemacht.

Und damit macht er die Dämonen sichtbar und versteckt sich nicht hinter irgendwelchen Phrasen. Er spielt direkt mit ihnen, zum Beispiel mit seinem Vorschlag, eine Mauer an der mexikanischen Grenze zu bauen. Trump äußerte sich transphob, als er gesagt hat, dass die US-Bundesstaaten das Recht haben, sogenannte „Bathroom Bills" zu verabschieden; Gesetze, mit denen einer Person der Zugang zu der Toilette, die ihrer Geschlechtsidentität entspricht, verwehrt werden kann. Trump äußerte sich rassistisch, als er gesagt hat, dass Black Lives Matter eine Bewegung ist, die Polizeigewalt auslöst, anstatt für soziale Gerechtigkeit zu sorgen.

Zudem äußerte Trump sich islamophob, als er ein Einreiseverbot für Muslime vorgeschlagen hat. Und er äußerte sich behindertenfeindlich, als er sich über einen behinderten Reporter lustig gemacht hat. Auf der Bühne des Parteitags der Republikaner wurde seine Heuchelei vor aller Welt deutlich, als er seine Unterstützung für „L-G-B-T-Q"-Amerikaner erklärte, und das in einer Partei, die der LGBT-Community noch nie so ablehnend gegenüberstand. Das war nach Orlando keine Solidaritätsbekundung in unsere Richtung. Das war nur ein PR-Stunt, der die Linie zwischen „uns" und den „anderen" verschieben sollte, damit zwar schwule Amerikaner zu dem „wir" gehören, aber Ausländer und Muslime als Terroristen dämonisiert werden und als „andere" ausgeschlossen werden.

Kurz gesagt: Trump ist zum Gesicht des Fanatismus geworden. Und dafür möchte man ihm danken. Mit jedem hasserfüllten Kommentar mehr von ihm ist auch die Anzahl derer, die sich gegen ihn positioniert haben, gestiegen. Leute haben sich politisch geäußert, von denen ich nie gedacht hätte, dass sie politisch sind. Die Dämonen, die Trump gerufen hat, werden von der Community nicht ignoriert. Stattdessen werden sie wie noch nie zuvor thematisiert, attackiert und kritisiert.

Als Social Media Editor bei der amerikanischen Schwulenzeitschrift The Advocate bekomme ich tagtäglich die Empörung der LGBT-Community und ihrer Verbündeten darüber mit, dass dieser Mann eines Tages Präsident der USA werden könnte. Als Facebook zum Beispiel das neue Feature Reactions eingeführt hat, das genauere Reaktionen wie Schock und Liebe ermöglicht, haben wir unsere Leser nach ihrer Meinung zu einem möglichen Präsident Trump befragt. Die Ergebnisse waren überwältigend negativ: von 8.100 Reaktionen waren über 6.800 wütend.

Dieser Ekel ist eine gute Möglichkeit, die Leute aufzuklären. Jede Woche veröffentlichen wir Artikel, in denen wir Trump als Ausgangspunkt nehmen, um über Probleme zu reden, die die LGBT-Community tangieren, darunter auch Einwanderung, Polizeigewalt, Sexismus und HIV. Der Dialog reicht weit über das Internet hinaus. Ich lebe in Los Angeles, eine Stadt, die—so scheint es—um sich selbst und die Entertainment-Industrie kreist, und weit weniger politisiert wie Washington D.C. ist, wo ich vorher gewohnt habe. Aber auch hier drehen sich private Gespräche nicht mehr nur um die neuesten Marvel-Comic-Verfilmungen, sondern um Trump und seine neuesten Aktionen. Das ist die Chance, um mit heterosexuellen Verbündeten über die Probleme zu sprechen, die sonst nicht angesprochen wären. Das sind gute Neuigkeiten für die Schwulenrechtsbewegung, denn diese Gespräche vermeiden das größte Hindernis für Fortschritt: Apathie.

Es ist noch nicht allzu lange her, dass Apathie für Schwulenrechtsaktivisten das größte Problem war. Im letzten Sommer habe ich über ein Fundraiser-Event für Lambda Legal geschrieben, eine der bekanntesten Organisationen, die sich für unsere Community einsetzt. Zu der Zeit hatte das oberste US-Gericht gerade die Homoehe legalisiert. Zu der Veranstaltung an dem Tag sind aber kaum Leute gekommen. Der Hashtag #WonButNotDone musste also jene erreichen, die nicht da waren. Das war die Realität. Auch wenn wir nun heiraten dürfen, sind immer noch eine Menge anderer Hürden zu nehmen, bevor wir vollständige Gleichstellung erreichen, unter anderem Diskriminierung am Arbeitsplatz und Transgender-Rechte. Nach dem Grundsatzurteil Obergefell vs. Hodges ist die mediale Aufmerksamkeitw schnell verflogen und viele haben sich wieder zufrieden zurückgelehnt. Denn: Die harte Arbeit war getan, oder etwa nicht? Der Rest würde sich schon irgendwie von selbst erledigen.

Trump hat die LGBT-Community daran erinnert, dass unsere Rechte nicht für die Ewigkeit garantiert sind. Die Erfolge, die unsere Bewegung erreicht hat, können ebenso schnell wieder rückgängig gemacht werden, wenn wir nicht einen Verbündeten wie Obama als Präsidenten haben. Es steht so viel auf dem Spiel. Der Equality Act, der Leute aus der LGBT-Community davor schützt, dass sie am Sonntag heiraten und dafür am Montag gefeuert werden, muss erst noch verabschiedet werden. Die Stelle am Supreme Court ist immer noch unbesetzt.

Die Aussicht, wieder in alte Zustände zurückzufallen, ist nicht nur für Mitglieder der Community ein Weckruf gewesen, sondern auch für unsere Freunde und Familien, die genauso zum Handeln aufgerufen sind. Meine eigene Mutter, die über 60 ist, engagiert sich auf neue Weise: Sie unterschreibt Onlinepetitionen für Transgender-Rechte in North Carolina und macht auf Twitter ihren Support für mich und die LGBT-Community öffentlich. Sie war schon immer meine Verbündete, aber Trump hat dafür gesorgt, dass sie jetzt ihre eigene Stimme artikuliert.

Trumps Slogan „Make America Great Again" ist ein Slogan, der diejenigen anspricht, die sich vor Veränderungen, vor der Globalisierung und sozio-kulturellen Veränderungen fürchten. Er impliziert, dass die Dinge nicht mehr wie früher sein können. Wie Michelle Obama in ihrer Rede auf dem Parteitag der Demokraten gesagt hat: Wann war Amerika nicht großartig? Die USA sind ein dynamisches Land mit einer sich verändernden Bevölkerung und sich verändernden Werten und ein Land, das die Union perfektionieren möchte.

Trumps Zynismus hat dafür gesorgt, dass uns die First Lady wieder daran erinnert hat. Und nun sorgt Trump dafür, dass viele, die sich sonst nicht für Politik interessiert haben, ihn jetzt Lügen strafen wollen. Trump hat uns daran erinnert, dass es beim Kampf um Gleichstellung um viel mehr als LGBT geht: Wir teilen das Schicksal von Frauen, von People of Color, von Einwanderern, von Menschen mit Behinderung und von jeder anderen Gruppe, die marginalisiert wurde. Er hat dafür gesorgt, dass wir uns im Kampf gegen Fanatismus solidarisieren und hat in uns die Intersektionalität geweckt. Das ist eine Lektion, die wir nicht vergessen sollten.

Credits


Text: Daniel Reynolds
Übersetzung aus dem Englischen: Michael Sader
Foto: Tony Webster via Flickr Creative Commons