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künstlerin violet overn fordert mit ihrem eigenen körper den male gaze heraus

Die junge Künstlerin provoziert mit ihrem Körper.

von Michael Valinsky
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28 September 2016, 9:08am

Die Künstlerin Violet Overn hat in den vergangenen fünf Jahren Arbeiten geschaffen, die keine Grenzen anerkennen. Mit Fotos, Videokunst und öffentlichen Installationen zeigt sie ihren Körper verletzbar, nackt und entblößt ihn. Sie stand bereits halbnackt an einer der verkehrsreichsten Kreuzungen in Manhattan. Sie hat sich vor Burschenschaftshäuser auf den Rasen gelegt. Sie tobte vor der Kamera, um sich mit der weiblichen Opferrolle auseinanderzusetzen. Als Tochter der legendären Performance-Künstlerin Karen Finley—die unter anderem dafür berühmt ist, sich nackt im Honig geräkelt zu haben—ist Violet in einem subversiven, kreativen Umfeld aufgewachsen. Sie arbeitet aus ihrer Wohnung in East Village und ihrem Studio auf Long Island City aus und hat es sich zur Aufgabe gemacht, die all zu üblichen gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten anzuprangern—vor allem die gegenüber Frauen. Wir haben uns mit Violet getroffen, um mit ihr über weibliches Empowerment, Performance und die New Yorker Punkszene der 80er zu sprechen.  

Wie sprichst du in deinen Arbeiten Frauen an?
Das kommt ganz von alleine. Ich habe bereits versucht, etwas zu machen, das nicht mit der weiblichen Form oder meinem Körper assoziiert wird, aber es hat sich nie richtig angefühlt und war auch nicht wirklich gut. Der Kampf, dem Frauen jeden Tag ausgesetzt sind, sei es auf der Arbeit oder in einem Café, ist ein wichtiges Thema, über das wir viel mehr sprechen sollten. Meine Kunst ist der Wegbereiter, Auslöser, Anstoß und Provokateur.

Du sprichst diese Themen in deinen Fotos und Filmen an. Wonach wählst du das Medium aus, mit dem du arbeiten willst?
In letzter Zeit habe ich viel mit digitaler Fotografie gearbeitet, aber mein Favorit ist eindeutig die Filmfotografie. Die Dunkelkammer ist mein Lieblingsort. Die Fotoreihe Milestone habe ich mit dem an mein iPhone angeschlossenen Selbstauslöser geschossen. Ich wollte einfach das einzig wahre Medium des modernen Selbstporträts nutzen. Eines Tages würde ich gerne Lentikularbilder aufnehmen, aber ich habe dafür noch nicht das richtige Projekt gefunden.

Welche Künstler haben deine Arbeiten inspiriert?
Die New Yorker Punkszene der 1980er hat mich am meisten beeinflusst. Ich bin inmitten von starken Frauen aufgewachsen, für die die Stadt ihre Kulisse war. Das machte mir klar, dass meine Kunst wertvoll ist. Ich hatte Glück, in einem künstlerischen, experimentellen und politischen Haushalt groß zu werden. Ich konnte dabei zusehen, wie meine Mutter und alle anderen Mütter aus New York unermüdlich arbeiteten, um Projekte zu Themen zu erschaffen, an die sie glaubten. Das ist meine Motivation, die mich antreibt, Männer weiterhin und stärker zu provozieren.

Du provozierst sie in deiner Fotoreihe Fraternity House, in der du umgeben von leeren Plastikbechern vor einem Burschenschaftshaus liegst. Was für Reaktionen hat es darauf gegeben?
Es hat sehr viele unterschiedliche Reaktionen gegeben: Männer, die mich kontaktierten und mich für meine Arbeit kritisierten, weil sie meinten, dass es sie polarisieren würde, oder dass es unnötig sei, weil sie selbst in der Gemeinschaft der Studentenverbindung nie Probleme erlebt hätten. Andererseits kamen auch viele Frauen auf mich zu, die sexuelle Gewalt erlebt und mir gedankt haben. Sie ermutigten mich, weiter zu machen. Die Reaktionen haben meine Aussage nur bestätigt, und die Männer, die ihre Unsicherheiten auf meine Fotos projiziert haben, spornen mich nur dazu an, meine Arbeit fortzuführen.

In deinem Video Body of Text stehst du in einem Bikini vor dem CNN Gebäude. Auf deinen Körper werden Zeitungsartikel projiziert. Was hast du dir von diesem Projekt erhofft?
Ich wollte die Reaktionen der Männer sehen. Ich wollte meinen Körper mit Text bedecken, damit die Fußgänger an meinem nackten Körper vorbeischauen mussten, um die Nachrichten darauf zu lesen. Die Männer haben aber stattdessen Fotos von und mit mir gemacht, und keiner hat sich wirklich dafür interessiert, was auf meiner Haut stand. Ich habe gehofft, dass die Leute auf ihrem Nachhauseweg darüber nachdenken würden, wie uns Nachrichten und Medien präsentiert werden. 

Warum spielen Städte in deinen Arbeiten eine wichtige Rolle?
Ich arbeite gerne in der Öffentlichkeit, weil die Menschen hinschauen müssen. Ich bin einfach da. Mein Körper kann auch als gewaltloser Protest verstanden werden, ein Sitzstreik gegen eine männlich dominierte Institution.

Bei dem Video The Scream - Hurts so Good fühlt man sich beim Zuschauen extrem unwohl ...
Ich habe Szenen aus Horrorfilmen und aus Pornos genommen, in denen Frauen schreien und den Ton einfach getauscht. Normalerweise haben die Schreie perfekt ins jeweils andere Video gepasst, was schon an sich irgendwie ziemlich erschreckend ist. Wir sehen diese Art von Bildern so oft, dass ich sogar glaube, dass ich mit diesem Projekt keine Grenzen verschiebe … vor allem, weil es gefundenes Filmmaterial ist. Alle Szenen stammen aus Mainstream-Filmen. Einige sind als FSK 18 eingestuft. Die viel wichtigere Frage ist aber, warum es so unangenehm ist, die Szenen anzuschauen, wenn die Bilder so normal sind. 

An welchen neuen Projekten arbeitest du jetzt?
Aktuell arbeite ich an Kontaktkopien. Ich habe etwa 200 Porträts von mir als weiblicher Star aufgenommen. Die Fotos verändern sich plötzlich; ich werde hysterisch, fange an zu weinen und raste richtig aus. Aus der Perspektive des Fotografen möchte ich die Fetischisierung des weiblichen Opfers thematisieren, denn in diesem Fall ist das Opfer der Einflussnehmer und der Beeinflusste zugleich. 

Credits


Text: Michael Valinsky
Alle Fotos und Video mit freundlicher Genehmigung von Violet Overn