die männliche beauty-revolution: warum immer mehr männer make-up tragen

Eine endgültige Definition, was ein moderner Mann ist, wird es wohl nie geben. Aber nirgends ist die Veränderung spür- und sichtbarer als beim wachsenden Trend unter Männern, sich zu schminken. Findet eine gesellschaftliche Veränderung statt oder ist...

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Juli 14 2016, 9:18am

Noch vor zehn haben die meisten Männer beim Thema Feuchtigkeitscremes gelacht. Heute sieht das komplett anders aus. Das Thema Schönheitspflege geht für junge Männer heutzutage über das bloße Eincremen hinaus. Sie schminken sich, um ihre Persönlichkeit darzustellen, anstatt damit nur ihre Pickel zu überdecken.

In Japan schon längst bekannt und verbreitet: die Genderless Kei. Boys färben sich ihre Haare, sie benutzen farbige Kontaktlinsen, Nagellack und Make-up. Und der Trend nimmt immer mehr an Fahrt auf. Die jungen Beauty-Experten haben tausenden Followern. Beste Beispiele dafür sind der 16-jährige Looking for Lewys oder der 17-jährigen Barbiegutz, die beide für einen neuen und experimentellen Zugang zu Kosmetikprodukten stehen. 

Auch der Mainstream-Beauty-Markt für Männer-Produkte wächst. Der Onlineshop MrPorter.com, der alles von Tom Ford Beauty Concealer For Men bis zu System Deep Cleansing Brush von Clinique für Männer verkauft, hat 2015 ein Wachstum um 300 Prozent bei seinen Schönheits- und Pflegeprodukten gemeldet. In China steigen die Ausgaben für männliche Pflegeprodukte jährlich um mehr als 20 Prozent.

Männliche Schönheitspflege ist längst kein Tabuthema mehr. Der Fokus der Debatte hat sich nur sichtlich verschoben. Es gibt einen großen Markt für innovative Produkte. Plattformen wie Instagram und YouTube, die schon jetzt Millionen von Leuten aus der ganzen Welt miteinander verbinden, helfen dabei diese Ästhetik, die vor allem unter der Generation Z verbreitet ist, ohne Zweifel wichtiger und normaler zu machen. 

„Es gab schon immer Jungs und Männer, die sich geschminkt haben, nur eben im Untergrund", sagt uns Modedesigner Matty Bovan, der selbst eine Feuchtigkeitscreme, Concealer, Lidschatten, ein buntes Spektrum an Mascara, Rouge, Lippenstift und einen Schönheitsfleck benutzt. „Es wird durch die Smartphones alles dokumentiert. Die Leute sehen das, es inspiriert sie, das ist doch positiv."

Doch es bleibt nicht nur beim Make-up. Viele gehen noch weiter und experimentieren mit Decora- und Kawaii-Styles. Der in Berlin lebende Fotograf Jakob Kasimir, der irgendwann von der erfolglosen Suche nach seinem perfekten, verrückten und männlichen Model genug hatte, kreierte die Figur Candy Ken: ein Rapper mit Hello-Kitty-Sticker, pinken Kontaktlinsen und bunten Augenbrauen. Ein Look, den Nicola Formichetti und Jeremy Scott lieben.

„Durch das Internet werden alle offener, weil man nichts verstecken kann", erklärt er uns. „Ich bin mir sicher, dass es schon immer Männer gegeben hat, die sich gerne geschminkt haben, die es aber nicht ausleben konnten. Durch Instagram und anderen Social-Media-Plattformen können wir diese Leute endlich sehen und das genießen. Das hilft jedem und motiviert die, die es bereits mit Leidenschaft tun."

Bovan und Candy Ken ernten auf der Straße zwar hin und wieder einen schiefen Blick für ihr Erscheinen und leider auch den einen oder anderen negativen Kommentar im Internet, aber große Brands haben längst entdeckt, welche Bedeutung diese Early Adopter haben—sei es für die Entwicklung neuer Produktlinien oder um ihr öffentliches Standing zu verändern. Die kanadische Kosmetikmarke M.A.C hat mit den New Yorker It-Boys Peter und Harry an einer neuen Angebotspalette für Männer aus neutralen Lidschatten, Concealern, Lipstain und Contour-Bürsten gearbeitet. „Unser Motto ist All Ages, All Races, All Sexes", so Karen Buglisi Weiler, Global Brand President bei MAC.

Der Kosmetikgigant hat außerdem Dokumentationen über Probleme der Trans-Community unterstützt und Spenden für die Community gesammelt. Caitlyn Jenner hat ihren eigenen MAC Lippenstift, den Finally Free. 100 Prozent der Erlöse gehen an die Transgender Initiative des MAC AIDS Fund.

Matty Bovan

„Es geht darum, die Grenzen zwischen dem Maskulinen und dem Femininen zu verwischen", sagt MAC Cosmetics Director of Artistry, Terry Barber, und weist auf die Genderneutralität in den Kollektionen dieses Jahr bei den London Collections: Men hin.

Designer wie Sibling, J.W. Anderson und Charles Jeffrey mischen ihre Mens- und Womenswear oder interessieren sich einfach nicht für herkömmliche maskuline und feminine Kleidung. Stattdessen sehen sie männliche und weibliche Schönheit als eine Einheit. „Die Verdichtung der Augenbraue, dunkle Augen und rote Wangen haben einen neuen Typus von geschlechterneutraler Schönheitspflege hervorgebracht", erklärt uns Barber. „Schöne Boys und hübsche Girls."

Um die nächsten Trends in Sachen Männer-Make-up ausfindig zu machen, muss man sich nur bei den Frauen umschauen. Dort geht es laut den Influencern längst nicht mehr um das perfekte Aussehen. Make-up wird immer mehr zu einem Mittel der Selbstdarstellung. „Make-up funktioniert jetzt eher wie Schmuck auf der Haut oder vorrübergehende Tattoos" sagt Barber. „Frauen konzentrieren sich auf die Augen, die Wimpern und die Lippen. Aber Make-up ist auch eine Verzierung und dient zum Ausdruck der Persönlichkeit, die ist geschlechterlos."

Nicht jeder wird sich über Nacht plötzlich für leuchtenden Lidschatten interessieren. Aber wer dachte vor ein paar Jahren, dass Manscaping bei Männern zu einem Ritual wird?

Selbst Make-up-Artist und Beauty-Vlogger Jordan Liberty hat auch seine Zeit gebraucht. „Ich habe in der Schule angefangen, Concealer zu benützen. Ich hatte schlimme Akne", erzählt uns Liberty. Das habe sein Selbstbewusstsein gestärkt. „Ich trage in meinen YouTube-Videos viel mehr Make-up als im echten Leben, aber ganz ohne gehe ich nicht auf die Straße."

Laut Liberty würden sich auch immer mehr heterosexuelle Männer für Make-up und Kosmetika interessieren. „Das ist doch toll", sagt Liberty. „Es ist schön, dass sich unsere Einstellungen zu Maskulinität verändert haben und dass sie sich von den klassischen Klischees loslöst. Selbstdarstellung ist nicht länger mehr nur für Weicheier, sondern für alle."

Aber ein großes Problem gibt es für die Männer, die sich für Kosmetik interessieren, dann doch. „Ich werde ständig gefragt, welche Farbe man am besten mit einer Augenfarbe, einem Hautton oder einem bestimmten Outfit kombiniert", erklärt uns der Make-up-Artist. Sein Ratschlag: „Um ehrlich zu sein, sage ich immer, dass es bei Make-up um 90 Prozent Persönlichkeit und um 10 Prozent Auftragen geht."

Sogar Shiseido, die als etwas konservativer geltende japanische Marke, hat mit dem Video High School Girl? für Aufsehen gesorgt. Die perfekt gestylten und geschminkten Schülerinnen entpuppen sich bei genauerem Hinsehen als Jungs. Etwas Grundlegendes verändert sich hier. Männliche Schönheitspflege für den Massenmarkt besteht schon lange nicht mehr nur aus Seife und Wasser. Oder anders gesagt: Make-up-Tragen gilt längst nicht mehr als eitel oder unmännlich.

„Wir bemerken natürlich die Veränderungen im Markt. Entweder werden Produkte gekauft, die an das andere Geschlecht vermarktet werden, oder es werden gleich ganz geschlechterneutrale Produkte erworben ", sagt Rintaro Okamura, seines Zeichens Head of Product bei Shiseido Men. „Wir sehen das nicht als kurzfristigen Verbrauchertrend in der Kosmetikbranche, sondern als Ausdruck einer tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderung."

Okamura weißt auf die Megatrends hin: Das gestiegene Interesse von Männern an Mode in den letzten zehn Jahren, die Emanzipation der Frauen und ihre damit immer größere Repräsentanz im Arbeitsleben. „Je mehr ein Mann täglich von Frauen umgeben ist, desto mehr wird er auf sein Aussehen achten", erklärt uns Okamura. „Frauen haben mehr Kontrolle über ihre Partnerauswahl. Die Männer müssen jetzt mehr dafür tun, um attraktiver zu wirken. Dazu gehört auch, mehr für ihr Aussehen zu tun."

Dass viele heterosexuelle Männer mit Make-up experimentieren, zeigt, dass eine neue Männlichkeit Form annimmt, vielleicht sind es sogar die ersten Anzeichen einer echten geschlechterlosen Zukunft, in der künstlerische Aspekt gefeiert wird und Panikmache wegen Falten endlich der Vergangenheit angehört. Jeder kann sich selbst darstellen und seine Persönlichkeit ausdrücken.

„Dass man so sein kann, wie man will, ist doch toll", sagt uns Candy Ken. „Das ist schön, das macht Spaß und das ist unglaublich befreiend. Jeden Tag gleich auszusehen, ist doch langweilig."

Credits


Text: Maks Fus-Mickiewicz
Foto: Benjamin Ehrenberg