Anzeige

im gespräch mit tim blanks über sein leben als modejournalist, kritiker und moderator

„Das System steht vor dem Ende, wir wissen das. Aber wir rasen mit Höchstgeschwindigkeit diesem Ende entgegen. Wir lieben die Achterbahnfahrt des Vergessens.“

von Stuart Brumfitt
|
03 Februar 2016, 2:35pm

In einer Branche voller Schwachköpfe, Schlangen und Langweilern ist der clevere, charmante und erfrischend freche Tim Blanks eine willkommene Abwechslung. Der Modekritiker hat im Laufe seiner Karriere immer wieder vom perfekten Timing profitiert und ist stets mit dem Zeitgeist gegangen: Er wechselte von Print zum Fernsehen, und einige Zeit später zum Online-Business. Als Chefkritiker von style.com („der beste Job meines Lebens"), hat er eine Stimme gefunden, die von anderen Autoren oft imitiert, aber nie erreicht wurde. Der gebürtige Neuseeländer, mit einer Vorliebe für Prints und kurzärmlige Hemden, arbeitet mittlerweile bei Business of Fashion, wo er sich weniger um kurze Schauenkritiken als vielmehr um den aktuellen Zustand der Modeindustrie Gedanken macht.

Tim Blanks bringt also alle Voraussetzungen mit, um online einen Kurs über die Kunst des guten Schreibens zu geben. Auf der Website Mastered geben außerdem Branchenkenner wie Virgil Abloh, Sam McKnight, Val Garland und Nick Knight ihr Wissen an die nächste Generation weiter. Was seine Schüler bei ihm aber nicht lernen werden: eine Anleitung für die optimale Karriere. Er „hat in Amphetaminen gebadet und hat sich angezogen wie Ziggy Stardust", er hat zusammen mit Jerry Hall in L.A. gelebt und hat in den 80ern das Aussehen des 8Kultcartoons Inspector Gadget verantwortet, bevor er schließlich in der Modewelt und als Autor anfangen hat. Profitieren werden seine Schüler sicherlich von seiner Erfahrung, seinen Kontakten und nicht zuletzt seiner Persönlichkeit. „Ich fühle, dass es in diesem Kurs nicht um die Lehre geht", erklärt er bei einem Glas Wein. „Mein Gefühl ist, dass es um Kommunikation und Bestätigung geht." Das Leben als Schreiberling ist hart und es gibt sie leider nicht, diese gut bezahlten Jobs, die Topfotografen und -Stylisten haben, um sich finanziell selbst zu tragen. 

Im Frühjahr soll der Kurs starten (Bewerbungen sind noch möglich!), und zu den Aufgaben werden Aufträge für Interview, V Magazine und Another gehören. Tim Blanks will sich an den Bedürfnissen seiner Schüler orientieren. „Jeder, der diesen Kurs besucht, arbeitet schon in der Branche. Es wird kein Klassenunterricht. Es wird eher ein runder Tisch, an dem ich genauso viel lerne wie die Schüler." Wir sind längst große Fans des Multitalents und haben ihm ein paar Fragen gestellt: 

Wann und wie hast du deine Karriere in der Mode begonnen?
Ich war für das Thema Mode bei Toronto Live zuständig. Ende der 80er wurde daraus eine nationale Sache. Als ich als Autor anfing, gab es noch keine Modeindustrie in dem Sinne, wie wir sie heute kennen. Ready-to-wear war noch weitestgehend unbekannt. Wir haben dem kanadischen Sender CBC Fashion File vorgeschlagen, als die ihren 24-Stunden-Nachrichten-Sender starten wollten.

Was hast du davor gemacht?
Ich war für die Farben und die Artdirektion bei Inspector Gadget zuständig! Davor habe ich komische Dinge gemacht, zwischendurch habe ich dann für Brian Ferry in Los Angeles gearbeitet. Ich bin viel rumgekommen.

Was war dein Durchbruch?
Fashion File kam zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Das war reiner Zufall. Ich habe für ein Modemagazin gearbeitet und dann hat CBC nach Formaten gesucht, um ihr 24-Stunden-Vollprogramm zu füllen. Die wollten billige Formate und wir sorgten für das billige Modeformat. Fashion File waren fünfminütige Episoden, die den ganzen Tag wiederholt wurden. Am Ende der Woche wurden die Episoden zu einer halbstündigen Sendung zusammengestellt, die dann international verkauft wurde. Sie wurde schnell zur international erfolgreichsten Sendung des Senders.

Wie kam es dazu, dass du in all den verschiedenen Medien gearbeitet hast?
Das war wirklich purer Zufall. Ich könnte endlos weiter darüber reden, dass ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Vom Magazin zum Kabelfernsehen in die digitale Welt und schließlich in die ultradigitale Welt. Worauf es letztlich ankommt, und das soll Leuten eine Ahnung geben, worum es im Kurs geht: man muss schreiben können. Es lag nicht daran, dass ich einen Computer bedienen konnte. Es lag daran, dass ich schreiben konnte, im traditionellen Sinne. Ich habe eine Geschichte mit Wörtern erzählt. Ich denke, dass es das ist, was diese Welt—so technologisch sie auch ist—möchte. Die Leute wollen Geschichten, seitdem sie aufrecht gehen können, und das wird sich auch nicht ändern. Tradition und das Neue können ziemlich gut koexistieren.

Damals war Mode noch nicht so zugänglich.
Wir sprechen über die Zeit zwischen 1989 und 1992, gleichzeitig gab es das Supermodel-Phänomen. Die Sendung wurde in die ganze Welt verkauft. Für viele Leute in unterschiedlichen Ländern wurde sie das Tor zur Modewelt. CBC hat sie gehasst, weil sie mehr an ernsthaften Sendungen über Literatur, das Sexleben von Wühlmäusen oder Skifahren mit Gandhi interessiert waren.

Wie war der Wechsel vom Magazin zu Video?
Anita Roddick von The Body Shop hat mich abgeworben und ich ging 1990 wieder nach England, kurz nachdem wir mit Fashion File angefangen hatten. Ich habe das Magazin in Toronto verlassen, aber weiterhin die Sendung gemacht. Für die nächsten zehn Jahre habe ich für Fashion File und für The Body Shop gearbeitet. Das war eine gute Zeit, weil sich die beiden Welten merkwürdigerweise ganz gut ergänzt haben. Anfangs war es schwer, vor Leuten zu stehen und tausend Leute warteten darauf, dass die Sendung beginnt. Das hatte vorher noch keiner gemacht und die Leute waren neugierig. Ich hatte so viel Spaß dabei und ich habe nie Grenzen gezogen und mir gedacht ‚Das werde ich nicht machen und das werde ich machen'. Dasselbe tat ich, als ich mit dem Schreiben anfing. Ich habe für das Magazin von Virgin Trains geschrieben. Ich hatte keinen Stolz. Als ich junge Journalismusstudenten danach gefragt habe, was sie machen wollen, antworteten sie mir: „Ich möchte für Vanity Fair schreiben". Nun, das wird aber nicht passieren. „Aber meine Mutter kennt den Redakteur." OK, na dann. Du wirst auf jeden Fall für Vanity Fair schreiben.

Wieso arbeitest du gerne in der Modebranche?
Die Leute. Ich bin sehr neugierig und es ist eine neugierige Branche. Von 15-jährigen Models, die gerade noch in Usbekistan Teil einer Karawane waren, bis hin zu Karl Lagerfeld: diese Bandbreite gibt es nirgendwo anders. Und dank der Mode kann ich Dinge sehen, die andere Leute nicht sehen. Als ich in Rom für die Chanel-Show war, hatten wir eine Tour durch das verborgene Rom. Wir haben all diese Orte gesehen, zu denen Leute normalerweise keinen Zugang haben. Federico Marchetti gab ein Abendessen in Leonardos Bibliothek und sie haben seine Tagebücher herausgeholt, die sonst niemand sieht. Die Bücher, in die er tatsächlich geschrieben hat! 

Gibt es negative Seiten?
Es gibt nie genügend Zeit. Damit meine ich nicht mal die Anzahl der Schauen, sondern das Chaos und die schlechte Organisation. Als ob sich ein perverser Dämon ein System ausgedacht hätte, dass es gerade genügend Zeit zwischen den Schauen oder Präsentationen gibt, um sich ein paar Notizen zu machen, aber nicht genügend Zeit, um die Sache dann auch zu Ende zu bringen. Zu dieser Jahreszeit wird es auch früh dunkel und man kann auch nicht im Auto arbeiten. Es ist einfach nur dunkel. Ich kann meine Notizen im Auto nicht lesen. Ich habe den Eindruck—unabhängig davon, wie sehr man es auch versucht—alles wird am Tag immer weiter nach hinten geschoben. Dann arbeitet man bis 21 Uhr oder 3 Uhr morgens und dann muss man wieder früh anfangen. Das Zeitproblem gab es schon immer, aber es war noch nie so schlimm wie jetzt.

Was hat sich am meisten verändert? 
Die Geschwindigkeit. Ich hatte immer Zeit für eine Reflexion zwischen meinen Beobachtungen und dem Schreiben an sich. Dieser Zeitpuffer existiert nicht mehr. Jetzt muss alles sofort für jeden verfügbar sein, was auch fabelhaft ist. Ich nehme an, dass man jetzt das Gefühl hat, dass einem die Welt zu Füßen liegt. Das System steht vor dem Ende, wir wissen das. Aber wir rasen mit Höchstgeschwindigkeit diesem Ende entgegen.Wir lieben die Achterbahnfahrt des Vergessens.

Wie verarbeitest du alles?
Alkohol! Die herkömmliche Art und Weise.

Nach welchen Regeln lebst du?
Die Antwort wäre vor fünf, zehn oder fünfzehn Jahren anders gewesen. Früher hieß es ‚Sex, Drugs and Rock 'n' Roll', nur die Reihenfolge war unklar. Das hat sich verändert. Du musst Geduld haben. Das hört sich banal an, aber jeder Moment ist ein Geschenk, denn die Alternative ist einfach scheußlich. Geduld, den Moment schätzen und viel Zeit für sich selbst haben.

Warst du schon immer gerne alleine?
Ich bin sehr gut darin. Restaurants sind mein Hobby. Ich gönne mir einen Besuch in einem unverschämt teuren Restaurant und habe einen wundervollen Abend mit mir selbst.

Wenn dich jemand alleine im Restaurant sieht, dann ist Mitleid fehl am Platz?
Das ist meine Entscheidung. Wenn mich jemand alleine sehen sollte, dann könnte ich mich auch von den Leuten, mit denen ich da war, weggesetzt haben!

Wenn du nicht in der Mode arbeiten würdest, was würdest du dann tun?
Irgendwas unglaublich Faules! Nein, wahrscheinlich würde ich etwas Ähnliches tun, ich würde etwas mit Worten tun. Ich würde es nicht sehr oft machen oder nur widerwillig, aber doch etwas mit Worten.

Beende bitte folgenden Satz: Mode macht …
mich sehr, sehr glücklich.

Writing: Mastered ist ein Talentförderprogramm für bereits ausgebildete Schreiber und wird angeleitet von Tim Blanks. Die Teilnehmerzahl ist beschränkt. Der Kurs soll im Mai 2016 beginnen. Bewirb dich jetzt hier.

Credits


Text: Stuart Brumfitt