british style at its best: die stylischsten exzentriker der insel

Ob Federn und Gesichtsschmuck, Mu’umu’us oder vom Mittelalter inspirerte Looks, ob DJs, Steuerberater oder Anwälte, die Porträts von Fotograf Anthony Lycett sind extravagant.

von Sarah Moroz
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26 Januar 2016, 10:05am

Das bevorzugte Format vom britischen Fotografen Anthony Lycett ist die Porträtfotografie. So gab es in der Vergangenheit bereits eine Serie über ältere Frauen mit wunderschönen grauen Haaren und über Rothaarige. In seiner am längsten bestehenden Fotoreihe geht es um die zahlreichen wie unterschiedlichen Vorstellungen, was Stil ist: sicheres Auftreten gepaart mit Extravaganz und Theater. Seit sieben Jahren gibt es seine „Self-Styled"-Fotoreihe nun schon. Die aktuellsten Aufnahmen entstanden im Dezember 2015 und stellen die Tages- und Nachtoutfits der Fotografierten gegenüber. Seine Arbeiten sind momentan in der Pariser Galerie Isabelle Gounod zu bestaunen.

Zu sehen sind Avantgarde-Looks, die alles andere als langweilig und zurückhaltend sind. Diese bunten Vögel drücken ihre Persönlichkeiten durch die Wahl ihres Outfits aus: Gesichtsschmuck, übergroße Fliegen, ausladende Kimonos, bunte Schminke, Lego-Kleider, von Iris Apfel inspirierte Brillen und Puffärmel aus dem Mittelalter. Die Ausstellung stellt Leute vor, die inspirierend sind und von denen man sich einiges abschauen kann. Da wir Lycetts Arbeiten lieben, haben wir mit ihm über seine Abneigung gegen Modeblogs, den Mythos „Pariser Chic" und seine Faszination für Leute, die selbstbewusst in aller Öffentlichkeit ihren persönlichen Style präsentieren, gesprochen.

Wie bist du zur Fotografie gekommen?
Ich habe keinen Fotografie-Hintergrund. Auf unseren Familienfotos waren die Leute nie richtig drauf oder die Belichtung war zu stark. Als wir die Bilder nach dem Entwickeln zurückbekommen haben, klebten oft Sticker mit Kommentaren wie „Schlecht ausgeleuchtet" oder „Besser mit Blitzlicht" auf den Fotos. Im Fotografiestudium habe ich mich dann aber interessanterweise mit dem Medium sehr wohl gefühlt.

Du hast mit „Self-Styled" 2008 begonnen. Was hat dich dazu bewogen?
Ich habe damals mehr Mode fotografiert und wir waren immer auf der Suche nach Charaktermodels. Sie kamen und sahen einfach so unglaublich gut aus. Da wollte ich mehr über sie erfahren. Wir haben sie dann in die Labels gesteckt, weil wir mussten, weil sie Werbepartner des Magazins waren. Das verwässerte aber den Stil der Leute.

Ich wollte das wahre Ich der Menschen einfangen. So fing ich an, ein paar Freunde und Freunde von Freunden zu fotografieren. Das ist jetzt sieben Jahre her und ich tue es immer noch. Ich finde immer neue Leute - besonders in London. Die Stadt ist einem ständigen Wandel unterworfen und es gibt hier eine unglaublich kreative Energie. In der Fotoreihe geht es darum, das einzufangen, was den Leuten das Selbstbewusstsein gibt, so aufzutreten.

Hört „Self-Styled" nie auf?
Ich könnte ewig weitermachen, und das nur in London. Aber es gibt auch andere Städte, wo ich gerne hinmöchte: New York zum Beispiel. Das wäre eine ganz andere Welt. Ich weiß, dass die Energie dort ähnlich ist wie in London. In Städten wie Paris ist es natürlich anders. Die Stadt ist sehr konservativ im Vergleich.

Das ist wahr. Paris hat dieses durchgestylte Image durch die Modeindustrie. Aber in Wahrheit geht es sehr gediegen zu.
Man denkt immer an die Geschichte dieser Stadt. Alles ist très chic und genau das wollte ich auch einfangen. Aber es ist echt schwierig. Wenn du auf den Straßen Londons unterwegs bist, siehst du diese Leute überall. In Paris musst du dich dagegen nachts in den Bars aufhalten. Diese Leute zeigen sich tagsüber in Paris nicht. Das Klima ist dort aggressiver gegenüber alternativen Lebensstilen. Durch die Vielfalt in London werden die Leute, die anders aussehen und sind, einfacher akzeptiert. Es kommen Leute aus der ganzen Welt nach London. Du kannst blaue oder pinke Haare haben, keiner wird dich angaffen. In Paris reagieren viele sehr negativ auf jeden, der anders ist. Ich glaube, dass die Franzosen insgesamt einfach keine Veränderungen mögen.

Die Reaktionen der Franzosen auf die Ausstellung war wirklich interessant. Genauso wie es diesen konservativen Vibe gibt und die Leute die ganze Zeit sehr unauffällig sein wollen, gibt es aber auch gegenteiliges Feedback wie: „Wir würden solche Leute nicht ablehnen, wenn wir sie sehen, aber es gibt nicht genug von ihnen." Für die Franzosen ist das typisch für England, ob man das nun als Exzentrik oder nicht bezeichnen kann. Ich denke nicht, dass man exzentrisch sein muss, um blaue Haare zu haben. Wenn sich mehr Leute trauen würden, einfach ihre Persönlichkeit auszuleben, dann würden es auch mehr machen. 

Wie gut kennst du die Leute, die du fotografierst? Hilft eine persönliche Verbindung?
Nicht wirklich. Ich schon habe Leute fotografiert, die ich am Tag des Shootings kennengelernt habe. Ob sie nun lauter auftreten oder ruhiger sind, ich kann nur das einfangen, was sie mir anbieten. Es ist schwierig, jemanden vor eine weiße Wand zu stellen und zu sagen: „Sei natürlich!" Mich faszinieren Menschen in ihren Räumen, in ihren Grenzen, in denen sie sich wohlfühlen, wo sie alles haben, was sie brauchen. Bei „Self-Styled" geht es aber einzig und allein darum, den Betrachter auf den Charakter, auf die Details aufmerksam zu machen.

Das Wichtigste ist das Gespräch danach. Wir wählen zusammen die Bilder aus. Es ist eben nicht so, dass sie verschwinden und ich wähle die Bilder allein aus. Wir sehen uns die Aufnahmen an und wir sprechen über das Verhältnis zwischen Tag- und Nachtoutfits.

Interessant finde ich, dass du die Berufe der Abgebildeten erwähnst. Es gibt natürlich die naheliegenden Berufe wie DJ, Kostümdesigner, Performer und Künstler, die sich interessant anziehen. Darunter mischen sich aber auch ab und zu ein paar Steuerberater, Anwälte und Ärzte. Wie sehr beeinflusst der Beruf den eigenen Look?
Ich liebe es, wen ich diesen unerwarteten Widerspruch finde. Es ist schwieriger, diese Leute zu finden. Wenn ich sie dann doch finde, bin ich überrascht, dass sie die gleiche Begeisterung wie etwa Stylisten oder Modestudenten haben. Du musst kein Performer sein, um deine eigene Stimme zu haben.

Streetstyle-Blogs haben die Art und Weise, wie Leute über Style denken, verändert, oder zumindest sind sich Leute darüber bewusster. Beeinflussen Styleblogs deine Arbeiten?
Ich lese mir nie Styleblogs durch. Ich möchte nicht, dass Leute diese Fotoreihe in die Schublade Fashion einordnen. Für mich bilden meine Motive einen Stamm. Ich schneide die Fotos zu und zeige fast nie den ganzen Körper. Denn es geht weniger um die Mode, sondern mehr um die Charaktere und wie sie sich dann anziehen, ist eher sekundär. Es gibt viele, die Mode so verstehen und es gibt Tausende Styleblogs, die keine Seele haben. Die betrachten nur die Oberfläche und die interessiert mich nicht.

Wer beeinflusst dich?
Dieses Projekt wurde beeinflusst von Richard Avedons Porträts von Leuten aus dem amerikanischen Westen, über die die Leute nicht sprechen wollen oder die sie nicht wahrhaben wollen: Landstreicher, Drogenabhängige und Leute in Psychiatrien. Im Gegensatz zu den Prominenten und Politikern, ging es ihm in den Porträts um den Charakter der Menschen. Mit sehr einfachen Methoden fotografierte er Porträts mit einer hohen Dynamik. Er benutzte nur weiße Hintergründe und das Tageslicht. Leider lebe ich im falschen Land, um mit Tageslicht zu arbeiten.

Self-Styled

ist noch bis zum 27. Februar in der Galerie Isabelle Gounod in Paris zu sehen.

@self_styled_london

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Credits


Text: Sarah Moroz
Fotos: Anthony Lycett

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