Die verborgene Welt der Chemsex-Partys

Immer mehr schwule Männer nehmen an Chemsex-Partys teil. Das sind Sexorgien, die das ganze Wochenende gehen können und bei denen harte Drogen genommen werden. Wir sprachen mit Co-Regisseur William Fairman über seine Dokumentation "Chemsex".

von Noor Spanjer
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25 November 2015, 10:55am

Einer der kontroversesten Filme dieses Jahres ist die von VICE produzierte Dokumentation Chemsex, in der die Geschichten von mehreren Männern geschildert werden, die in dieser Szene unterwegs sind. Chemsex ist nicht nur unter Londoner Schwulen ein immer größer werdendes Phänomen. Bei Chemsex-Sessions haben Männer Sex mit Männern und injizieren sich oder anderen Crystal Meth, GHB, Mephedrone und andere Drogen. Diese Orgien können ein ganzes Wochenende dauern und mit der Verbreitung von Grindr und anderen Gay-Dating-Apps findet man schnell neue Leute, die mitmachen wollen. Viele verzichten dabei auf Kondome, womit die HIV-Raten und die Anzahl der Neuinfektionen mit Geschlechtskrankheiten immer weiter steigen.

In der Anfangsszene der Dokumentation sieht man einen Mann, wie er sich Drogen spritzt, sofort geil wird und auf Grindr nach einem Typen sucht, mit dem er Spaß haben kann. William Fairman zeigt die ungeschminkte Realität dieserFil drogenabhängigen Männer und begleitet sie auf ihrer Suche nach Intimität an Orten, wo sie entfernter nicht sein könnte. Wir sprachen mit dem Co-Regisseur über die Entstehung der Dokumentation und wollten mehr darüber wissen, wieso er über so ein schwieriges Thema einen Film machen wollte.


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Haben die Männer, die in der Dokumentation vorkommen, den Film selbst schon gesehen?
Ja, fast alle. Einer ist gerade noch auf Entziehungskur. Er versucht, seine Drogenabhängigkeit in den Griff zu bekommen. Der Film könnte ein Trigger sein. Also haben wir entschieden, dass es besser ist, wenn er ihn gerade nicht anschaut. Ich war während des Screenings sehr nervös, weil es in der Dokumentation um die extremsten und privatesten Aspekte im Leben dieser Leute geht. Aber glücklicherweise stehen alle einhundert Prozent hinter dem Projekt.

War es schwierig, Männer zu finden, die Teil dieses Films werden wollten?
Viele der Männer kamen auf uns zu. Wir haben zusammen mit dem Beratungszentrum in der Dean Street und mit dem dortigen Betreuer David gearbeitet. Dort haben wir Flyer verteilt. Wir haben angefragt, ob es irgendwelche Männer geben würde, die bereit wären, ihre Erfahrungen und Erlebnisse mit uns zu teilen, um die Debatte über Chemsex anzustoßen.

Der Film zeigt nicht nur die Chemsex-Partys, sondern erzählt auch die persönlichen Geschichten der Beteiligten. War es nicht schwer, sich die Geschichten anzuhören?
Ich habe natürlich mit ihnen mitgefühlt, als es sehr emotional wurde. Meine Rolle als Filmemacher ist es aber, eine offene und sichere Umgebung zu schaffen, sodass sie ihre Geschichten erzählen können. Aber die Beteiligten haben dabei immer die Bedingungen vorgegeben. Wenn sie eine Szene abbrechen wollten, dann wurde sie abgebrochen. Anfangs hatten die meisten Angst davor, für das, was sie tun, verurteilt zu werden. Letztlich haben viele mehr preisgegeben, als sie ursprünglich wollten. Das macht ihre Geschichten so ergreifend.

Diese Männer gehen damit an die Öffentlichkeit. Ihre Kollegen, ihre Freunde und Eltern werden es sehen. Hat das eine Rolle gespielt?
Wir wollten nie eine weichgespülte Version der Realität zeigen. Das würde nicht funktionieren. Von Anfang an war klar, dass wir es so darstellen, wie es ist - vom Einstieg in die Szene über die Abhängigkeit bis zum Zusammenbruch und dem Ruf nach Hilfe. Nach den Dreharbeiten haben wir jeden noch einmal gebeten, über ihre Teilnahme an diesem Filmprojekt nachzudenken, und sie erhielten die Chance, aus dem Projekt auszusteigen. Jeder der Beteiligten gab uns aber seine volle Unterstützung. Ich fühle mich für das Wohlergehen der Männer verantwortlich, nicht aber für ihr gesamtes Leben.

Wieso wollten du und dein Kollege Max Gogarty diesen Film drehen?
Es ist ein kontroverses Thema. Wir wollten eine Debatte darüber anstoßen und das Tabu, nicht darüber zu sprechen, brechen. Der Film ist den Leuten der Chemsex-Community, den Leuten im Film gewidmet.

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