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triff die junge feministin aus texas, deren körperbehaarung einen shitstorm auslöste

Suraiyas Bauchselfie, auf dem ihre natürliche Körperbehaarung zu sehen ist, löste eine internationale Debatte über Schönheitsideale und Feminismus aus. Horden von Internettrollen wurden von einer noch größeren Unterstützergruppe überrannt. Wir haben...

von Charlotte Gush
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12 Januar 2016, 1:00pm

Suraiya, oder @iranikanjari wie sie auf Twitter heißt, wurde über den Jahreswechsel zur Social-Media-Sensation, nachdem sie ein paar Schnappschüsse von sich mit einem T-Shirt und Unterwäsche mit der Unterschrift „Walmart Underwear Vibes" postete, auf dem ihr Bauch, ihre Oberschenkel und ihre natürliche Körperbehaarung zu sehen sind.

Die 18-jährige Studentin aus Texas, die iranische, indische und pakistanische Wurzeln hat, postete zuvor bereits Body-Positive-Selfies, aber kein Bild löste so viele Reaktionen aus wie dieses. Auch wenn sie viel Negatives und Ignorantes von Twittertrollen lesen musste, wurde Suraiya von vielen Feministinnen unterstützt, die sie für ihre Radikalität lobten. Frauen aus aller Welt dankten ihr dafür, dass sie ihnen gezeigt habe, dass ihr Körper auch schön sei, so wie er ist. 

Suraiya hat das Bild nicht nur online gelassen, sondern sie hat sich auch mit vielen Hasskommentaren, in denen sie unter anderem aufgefordert wurde, sich einen Rasierer zu kaufen, auseinandergesetzt. Ihre Antworten reichen dabei von einem einfachen und frechen Nein bis zu umfangreicheren Stellungnahmen zu Schönheitsidealen. Damit erweiterte sie die Debatte um Themen wie Sexismus, Schönfärberei, kulturelle Aneignung und die Macht von sozialen Netzwerken. Wir wollten mehr wissen und stellten Suraiya daher ein paar Fragen.

Wieso hast du die Selfies gepostet?
Ich habe mich einfach nur süß gefühlt und ich fand meine Figur gut. Ich weiß, dass ich am Körper behaart bin, und ich weiß auch, dass ich normalerweise dafür Kritik einstecke, aber die Fotos gehören zu den weniger provokativen, die ich gepostet habe. Der Grund dafür war, dass ich mich wohl in meiner Haut fühle.

Hattest du eine Ahnung davon, was für eine Kontroverse sich daraus entwickeln würde?
Nein, keine. Als ich nachschaute, wie die Bilder ankommen, und nachdem ich gegen all diese lächerlichen Männer mit ihren Kommentaren vorging, gab es dann über 1000 Likes auf Twitter, was mich gefreut hat. Nichts davon war geplant.

Die weltweite Reaktion ist immens. Wie unterscheiden sich die Reaktionen hinsichtlich Geschlechter, Kulturen oder Gruppenzugehörigkeit?
Der Hass kam hauptsächlich von Männern und traurigerweise von Men of Color. Ich bin an den Hass von Männern aus meiner Community, der südostasiatischen Diaspora, gewöhnt, aber was mich schockiert hat, waren die Kommentare von Männern aus anderen Communitys. Es gab eine ganze Bandbreite an Männern, die lächerliche Dinge dazu loswerden mussten. Die Frauen, die negative Kommentare getweetet haben, kamen meistens aus dem Westen. Es gab hier und da Kritik von Frauen aus meiner Community, aber die Mehrzahl kam von Frauen, die einfach nie dieses genetisch bedingte Problem hatten. Ich denke mir, dass es sie schockiert haben muss. Ich kann es mir einfach nicht anders erklären, außer dass die Beautybranche zu westlichen Standards tendiert. Jeder, der diese Standards akzeptiert, nahm einfach an, dass ich eklig bin. Der Mehrzahl von Support kam von anderen Südostasiatinnen, die mich sahen und sich mit mir identifizieren konnten. Was toll ist. Ich wurde noch nie so unterstützt. Die Liebe war einfach überwältigend, um ehrlich zu sein. Diese Mädchen sind wie ich und sie idealisieren mich. Dafür habe ich den Hass gerne in Kauf genommen.

Deine Familie hat deine neue Social-Media-Berühmtheit nicht so gut aufgenommen. Trotzdem meintest du, dass du deine Mutter überzeugen konntest, dass du zur Emanzipation der Frau beiträgst. Was hast du gesagt?
Meine Mutter reagierte anfangs emotional. Sie hat in Hindi rumgeschrien, dass ich die Familienehre zerstöre. Ich saß da und wollte mit ihr von Erwachsener zu Erwachsener sprechen. Ich erklärte ihr erstens, dass ich mehr anhabe als am Strand, und dass es zweitens dazu dient, Frauen wie mir und ihr zu helfen. Das verstand sie und wir haben uns vertragen. Mein Vater weiß davon nichts. Und ist in Ordnung so. Väter sind Väter und ihnen ist das Leben ihrer Töchter oftmals egal. Ich glaube, dass es ihm aber nichts ausmachen würde. Ich hatte Angst, dass seine Reaktion noch emotionaler ausfallen würde, wenn er es herausfinden würde und mich zurück nach Hause holen würde. Das Ding mit Eltern - besonders Eltern aus Indien - ist, dass blitzschnell die Stimmung kippt. In der einen Minute ist alles in Ordnung und schon in der nächsten drohen sie dir an, dass sie dich zurück nach Mumbai schicken. Ich weiß also nicht, wie das gelaufen wäre. Soweit ist es nie gekommen. Alles ist gut. Letztlich sind es meine Eltern.

Wieso ist Körperbehaarung so ein umstrittenes Thema innerhalb der Body-Positive-Bewegung beziehungsweise unter Feministinnen?
Haare und Haarwachstum sind Themen, die über Sprachbarrieren verstanden und in die jeweilige Kultur übersetzt werden können. Es gibt so vieles, was man mit Haaren machen kann, das macht es zu einem fantastischen Thema. Mein Englischlehrer in der siebenten Klasse sagte mir: „Der Gewinner einer Debatte ist der, der die Bedingungen selbiger festlegt". Und das habe ich mir zu Herzen genommen. Als Behaarung als eklig definiert wurde, habe ich die Spielregeln für mich selbst neudefiniert: Ich bin nicht haarig! Ich sehe mich als Garten, als Wald und als Landkarte meines Heimatlandes. Was diese Männer als abstoßend empfinden, habe ich für mich so definiert, dass der Garten so schön ist, dass Epikur ihn betreten hätte. Eden und Babylon könnten einpacken. Deshalb konnte ich so gut mit den Kommentaren umgehen.  

Du bist ausgesprochen kritisch, was die kulturelle Aneignung durch Weiße angeht. Was muss sich ändern?
Wenn dich meine Körperbehaarung stört und du mich Chewbacca nennst, dann machst du dich nicht nur einfach über mich lustig. Du machst dich über die Frau lustig, die dir die Augenbrauen zupft; die Frau, die dir dein Henna macht; der Typ, von dem du die Hausaufgaben abschreibst; der Mann, der dir ein Chicken Tikka bei deinem Lieblingsinder zubereitet; der Arzt oder der Ingenieur, der mit an der Autobahn gebaut hat, auf der du fährst. Wenn du dich über mich lustig machst, dann machst du dich gleichzeitig über all diese Leute lustig. Du machst uns alle lächerlich und disqualifizierst uns. Du disqualifizierst Leute von der Arabischen Halbinsel bis nach Myanmar. Das ist widerlich. Leute aus diesen Ländern werden nicht so aussehen wie du. Sie sollten nicht dem Erwartungsdruck ausgesetzt sein, irgendwie aussehen zu müssen. Allein der Fakt, dass das überhaupt gesagt werden muss, ist grotesk. Wenn du einen Platz am Tisch unserer Kultur haben willst; wenn du sogar damit anfängst, dass du es verdient hast, bei allem, was wir tun, mitzumachen, dann akzeptiere lieber schnell, dass wir deinen Schönheitsidealen nicht entsprechen. Das müssen wir auch nicht: wir haben unsere eigenen. Es gibt zu viele Leute da draußen, die das Bindi von meiner Stirn stehlen, damit sie es tragen können, während ich mir mein Gesicht rasiere. Was sich ändern muss, ist einfach: Leute außerhalb unserer Community müssen begreifen, dass positive Konvergenz nur durch eine ehrliche Debatte entstehen kann. In diesem Fall bedeutet eine ehrliche Debatte, dass wir nie durch das westliche Raster passen müssen. Ich bin sehr stolz darauf, sagen zu können, dass wir nicht in dieses Raster passen müssen. Es gibt Millionen von Girls aus diesen Ländern, die daran arbeiten, dass wir diese Barriere überwinden - und wir werden nicht verlieren.

Helfen soziale Netzwerke dabei, problematische Schönheitsideale zu brechen?
Das glaube ich. Der Prozess ist langsam voran. Es ist nicht einfach, aber im März habe ich Twitter-Geburtstag und ich kann ehrlich sagen, dass sich die Meinungen in dieser Zeit um 180 Grad gedreht haben. Aktivismus in sozialen Netzwerken funktioniert. Der einzige negative Aspekt dabei ist, dass wir uns oft im Wie verzetteln und die Debatte dann im Sande verläuft. Dabei gibt es so viele Probleme, die angegangen werden müssen. Social Media selbst ist natürlich ein Organismus, der sich ständig im Fluss befindet. Aber es funktioniert tatsächlich.

Gibt es Social-Media-Persönlichkeiten der Body-Positive-Bewegung, die du besonders gut findest?
Ein Shoutout möchte an Dounia und Minahil geben. Beide waren quasi meine Body-Positive-Patentanten. Zwei intellektuelle, wunderschöne und unnachgiebige Women of Colour, die mich täglich inspirieren. Dark Matter, der ich auf Facebook folge, hat auch maßgeblichen Einfluss darauf, wie ich Body-Positive auch auf andere Formen von Aktivismus übertragen kann. Aber alle meine Freunde auf Twitter sind wunderschön und waren hilfreich. Bei jeder Person, die mich unterstützt hat, möchte ich mich bedanken. Vielen Dank.

@iranikanjari

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Credits


Text: Charlotte Gush