henrik schwarz tauscht seine regler gegen ein orchester

Der innovative Berliner DJ verwandelte seine Techno-Produktionen in klassische Kompositionen.

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21 April 2015, 10:40am

Henrik Schwarz ist einer der bekanntesten Namen der Technoszene. Über HipHop fand das Elektro-Urgestein zur Musik und seitdem kennen seine musikalischen Entdeckungsreisen keine Grenzen. Er wollte sich immer weiterentwickeln, machte den logischen Schritt von Plattenauflegen zur Produktion, dann ging es mit Liveshows weiter und jetzt ist er für sein neuestes Projekt Instruments bei der Klassik angekommen. 

Nach vierjähriger, intensiver Arbeit mit dem 24-köpfigen Tokyo Secret Orchestra ist nun neue Musik von ihm erschienen. Mithilfe des klassisch ausgebildeten Musikers Johannes Brecht arrangierte er einige seiner besten Arbeiten, einschließlich „Walk Music" und „Marvin", neu, die dann im Tsukiji Honganji Tempel in Tokio aufgeführt und aufgenommen wurden. Indem er seine Musik auf die Kernelemente reduzierte und lediglich mit Holzbläsern und Streichinstrumenten arbeitete, rekontextualisierte er Club-Musik und schuf für seine elektronischen Werke eine neue Gefühlswelt und Umgebung, in der man sie auf eine neu Art erleben kann. Wir sprachen mit Henrik Schwarz darüber, wie das Projekt zustande kam, welche Herausforderungen er im Laufe der vier Jahre meistern musste und fragten ihn, ob er immer noch HipHop-Fan ist.

Wie kam Instruments zustande?
Ein Stuttgarter Orchester rief mich an und sie sagten mir am Telefon, dass sie einen freien Platz bei einem Jazzfestival hätten, und da dachten sie sich „Lasst uns einen DJ engagieren und etwas mit ihm machen". Ich wollte nichts Kitschiges produzieren, also habe ich sie gefragt, ob sie mir jemanden schicken könnten, der Noten schreiben kann und weiß, wie ein Orchester funktioniert. Eines Tages stand Johannes Brecht vor meiner Tür und wir haben uns sehr gut verstanden. Wir haben dann für ein paar Wochen zusammengearbeitet und sind dann schließlich mit einem über 2000 Seiten starken Buch mit Noten für jedes Instrument von Stuttgart zurückgekehrt.

Im Wesentlichen hast du die Beats aus deiner Musik entfernt. Wie hast du den Rhythmus erzeugt? Welche Instrumentation hast du dafür verwendet?
In der ersten Version verwendete ich immer noch ein Schlagzeug und einen E-Bass, weil ich dachte, dass es eine gute Art wäre, die Lebendigkeit zu erhalten, aber als ich dann das Ergebnis hörte, dachte ich mir, dass es nicht passt. Als ich dann entschied, dass es keine Trommeln geben würde, mussten wir dafür Ersatz finden und fanden ihn in musikalischen Akzenten. Also setzen wir auf bestimmte Noten Akzente, damit eine Art Puls entsteht. Das macht es für die Musiker noch schwieriger zu spielen!

War das die größte Herausforderung bei dem Projekt?
Nein.

Was dann?
Die Leute und das damit verbundene Drama. Es gibt so viel Drama, weil Künstler zusammenarbeiten müssen. Viele von ihnen sind super nett, großartige Leute mit unglaublichen Fähigkeiten und Wissen und es war aufregend mit ihnen zuarbeiten, aber dann gibt es auch solche, die nicht so offen für Neues sind. Die wollen ihren Bach, was sie in der Schule gelernt haben und nichts Anderes spielen.

Denkst du, dass es heute in der Dance-Music weniger musikalisches Können gibt?
Mit Sicherheit, weil der Computer alles für dich machen kann. Das ist an und für sich vielleicht kein Problem, weil ich auch in derselben Situation war. Wir benutzen Maschinen, weil wir keine Instrumente verwenden, aber das heißt nicht, dass man deswegen nicht kreativ sein kann. Das Problem liegt vielmehr darin, dass man mit dem Computer nur ein paar Knöpfe drückt und dann denkt, dass das Musik sei. Dabei klingt es nur wie Musik, es gibt keinen musikalischen Inhalt, es hat keinerlei Bedeutung. Viele Leute lernen überhaupt nicht, dass Musik auch eine Bedeutung haben sollte. Es geht nicht um den Sound, es geht um die Bedeutung.

Denkst du, dass du mit diesem Projekt Leute motivieren kannst, wieder mehr Live-Instrumente in ihrer Musik zu verwenden?
Ich weiß es nicht. Ich würde es auch nicht empfehlen, denn ich habe vier Jahre sehr intensiv daran gearbeitet. Aber ich hoffe, dass andere davon inspiriert werden und etwas Ähnliches machen.

Welcher Song-Transformation hat dich am meisten überrascht?
„Marvin", weil er eine neue Energie entfaltet hat. Durch die Wiederholung weiß man, dass es aus der Technoecke kommt, aber doch in der Interpretation sehr weit weg davon ist. Das ist etwas, was ich mag, es wurde auf gewisse Weise abstrakt.

Wie fühlt es jetzt an, dass deine erfolgreichsten Tracks von so vielen Musikern gespielt werden?
Ich habe gelernt, stolz zu sein. Das war bis jetzt nicht so. Ich arbeitete und arbeitete und konnte mich nie über irgendwas freuen. Als wir das Werk in der Berliner Philharmonie aufgeführt haben, saß ich im Publikum, ich musste nichts machen, ich konnte einfach nur zu hören. Das war der Moment, als ich realisierte, dass das was Großes ist und ich stolz sein kann. Das war ein toller Moment.

Woran arbeitest du momentan?
Ich musste tatsächlich ein Album, an dem ich vor zwei Jahren gearbeitet hatte, für eine Weile auf Eis legen, weil Instruments so viel Zeit in Anspruch genommen hat. Ich wollte nicht zwei Dinge gleichzeitig beenden. Aber jetzt ist das Album fast fertig. Dafür habe ich auch mit Musikern zusammengearbeitet, es wird wieder elektronischer. 

Welche Musik hörst du privat? Ich habe gelesen, dass du über HipHop zur Musik gekommen bist.
Absolut. Alles andere lief im Radio und ich hatte daran kein großes Interesse, aber dann kam HipHop und ich fing an, Platten zu kaufen. Was gerade in der Musik abgeht, weiß ich jedoch nicht. Ich höre momentan sehr viel klassische Musik.

Hörst du auch viel moderne Klassik?
Ich würde sagen, aus den letzten 100 Jahren. Ich arbeite mich von hinten nach vorne durch, also von heute bis damals, und jetzt bin ich im Jahr 1900 angekommen. Zwischen 1900 und 1940 gab unglaublich gute Musik.

Werden zukünftige Projekte von dir mehr klassische Elemente enthalten?
Ja, ich denke bereits an ein neues Projekt. Ich hoffe, dass es nicht wieder vier Jahren dauern wird, aber ich habe schon angefangen, daran zu arbeiten. Aber nach den ganzen Jahren mit klassischer Musik, genieße ich den harten Elektro wieder mehr.

henrikschwarz.com

Instruments ist bei Sony Classical erschienen.

Credits


Text: James Hutchins