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die farbenfrohen „radical queers“ von new york

Die New Yorker „Radical Queers“ schaffen durch progressive Politik, Gemeinschaftsgärten, wilde Partys und Performances eine Community, in der alles möglich ist.

von Rory Satran
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02 April 2015, 7:15am

Bizzy Barefoot and Mars Hobrecker

Bruce Jenner bereitet sich darauf vor, seine Verwandlung mit der Welt zu teilen; Sam Smiths Platten erreichen trotz seines subtilen Coming-Outs Platin-Status und LGBT-Charaktere sind zu Storylines in beliebten Fernsehsendungen wie Orange is the New Black und Transparent geworden: homosexuelle und transgender Identitäten spielen eine immer einflussreichere Rolle innerhalb der Mainstream-Popkultur. Doch innerhalb der Szene und abseits vom Mainstream gibt es eine starke und hartnäckige Subkultur, die die Heterosexualisierung der Homowelt ablehnt und nicht vor den Traualtar treten will. Die Mitglieder werden Radical Queers genannt, wobei die Bedeutung des Begriffes nicht fixiert ist und sich ständig weiterentwickelt. Von Gemeinschaftsgärten im New Yorker East Village bis zu Lagerhallen in Bushwick erkundet eine neue Welle von New Yorker Künstlern und Aktivisten - jung und alt -, was es heutzutage bedeutet, queer zu sein.

Vor 20 Jahren schufen Jack Waters und Peter Cramer in Form des Gemeinschaftsgartens Le Petit Versailles einen Zufluchtsort für Schwule. Mit seinen psychedelischen Kunstinstallationen und Freeform-Events ist er ein Stück des alten Stadtteils Alphabet City. Jack und Peter trafen sich 1980 bei einer Veranstaltung des Künstler- und Aktivistenkollektiv ABC No Rio, das immer noch eine Institution in Downtown Manhattan mit Hardcore-Punk-Matinees am Samstag und Gedichtvorlesungen ist.

Beide sind Teil einer losen Community, zu der auch die jüngeren Künstler Michael Bailey Gates (der seine erweitere Künstlerfamilie für diesen Artikel fotografiert hat), Mars Hobrecker und Leah James, Künstler Bizzy Barefoot, Künstlerin und Djane Juliana Huxtable, Künstler und Mitglied des Filmkollektivs Wild Ponies Connor Donahue (aka Blush Cassidy) und Gage of the Boone, Gründer des queeren Kunstprojekts Spectrum, gehören. Natürlich gibt es noch viele andere Leute, die sich regelmässig in Bizzys Wohnung in Brooklyn, beim MIX NYC Queer Filmfestival, im Le Petit Versailles oder im Internet treffen. Wo du sie aber wahrscheinlich nicht finden wirst, ist auf dem jährlichen CSD, den viele als zu kommerziell ablehnen. Was alle Mitglieder der Radical Queers gemein haben, ist ihre Arbeit als Künstler oder als Teil einer Gegenkultur, die für die Umwelt, das Gesundheitssystem und Jugendkultur kämpft. Du könntest sie die Anti-Angepassten beschreiben, die die queere Assimilierung an den heteronormativen Lifestyle ablehnen, oder du hörst dir einfach an, was sie zu sagen haben.

Connor Donahue/Blush Cassidy

Obwohl jede Person, mit der ich gesprochen habe, etwas Anderes unter radikalem Queer-Sein versteht, beschreiben es viele als eine Kritik an der Mainstream-Gesellschaft. So wie Connor: „Radikal queer zu sein bedeutet, radikal kritisch zu sein, und diese Kritik zu verkörpern, zu praktizieren und die Botschaft weiterzuverbreiten. Die strukturellen Mechanismen der Gesellschaft zu hinterfragen und nein zu sagen. Auf die Frage, was die Leute verbindet, die er fotografiert hat, antwortet Michael: „Es geht darum, dagegen zu sein. Das zu machen, was du für richtig hältst."

Mars Hobrecker und Leah James

Ich traf zwei der jüngsten Radical Queers, die Künstler Mars und Leah, in einer frostigen Winternacht in Brooklyn. Beide sind in unzähligen Schichten eingehüllt und sehr zuvorkommend. Leah ist so groß wie Mars klein ist. Sie reden aufgeregt über ihre queere Ikone Flawless Sabrina, deren Salon sie auf der Upper East Side gerade erst verlassen haben. Die blutgetränkten Bandagen auf Mars' Arm sind kaum zu übersehen, das Ergebnis einer Performance, bei der er sich buchstäblich mit Leah zusammengenäht hat. Mars erklärt: „In unserer Kunst geht es darum, eine Gemeinschaft zu schaffen. Es ist eine selbst gewählte Familie, die uns verbindet." „Das ist die Gemeinschaft", fügt Leah hinzu. „Durch die Kunst können wir Wissen über Generationen hinweg weitergeben."

gage of the boone

Während sich Jack und Peter noch an Zeiten erinnern können, in denen sie im East Village nicht ohne ihre Pitbulls als Beschützer entlang spazieren konnten, nutzen die jüngeren Künstler das Internet als Inspirationsquelle und als Austauschort. Michael hat Mars als Tumblr-besessenen Schüler kennengelernt. Ich frage Mars, was er einem jungen queeren Künstler raten würde und er antwortet: „Geh ins Internet. Das ist die beste Quelle. Wenn du vor Ort keine Community findest, dann gründe eine einfach irgendwo anders eine."

Juliana Huxtable

Viele der Radical Queers sind Teil des New Yorker Nachtlebens. Juliana Huxtable startete ihre Partyreihe „Shock Value", damit ihre Freunde einen Ort haben, an dem sie in Ruhe tanzen können. Als Kind entdeckte sie im Internet die Welt von Studio 54 und sah New York als queeren Ort der Sünde. Mit ihren Partys schafft sie einen Ort, an dem es nicht schräg ist, wenn ein Bro neben einem Transmann oder einem Lesbenpaar sitzt. Für Juliana sind diese Feste eine Fortführung ihrer künstlerischen Praktiken, unter denen sich auch Avatar-hafte Selbstporträts befinden, die bei der diesjährigen New Museum Triennale ausgestellt wurden.

Auch Bizzy Barefoot arbeitet im Nachtleben. Sie veranstaltet Untergrundpartys in ihrer Brooklyner Wohnung, die manchmal bis zu 36 Stunden dauern können. „Meine Wohnung ist ein Spielplatz für eine pan-queere Erfahrung", wie Bizzy sagt. Ganz im Geist von Julianas Verpflichtung zu Akzeptanz erklärt Bizzy: „Das Radikale an radikaler queerer Kultur ist, das jeder willkommen ist und es wie so oft zuvor keine Gruppenbildung gibt."

Peter Cramer AKA Peewee NYOB

Vielfalt wird immer wieder erwähnt. Sich radikal anzuziehen ist oft ein Mittel, um das Private politisch zu machen, es mit der Politik der Straße zu verbinden, wie es Connor beschreibt. „Es kann ein Protest sein, einfach nur die Straße entlang zu laufen." Die bunten Kostüme, die einige in Michaels Fotos tragen, zeigen wozu Performance und Drag gemeinsam im Stande sind - ein deutliches und fröhliches Statement zu setzen. Bizzy, die ein surreales, schillerndes Blumenkostüm beim Shooting trug, erklärt: „Alles, was fröhlich, bunt und übertrieben ist, ist ein Zeichen für Aktivismus in einer Welt, die besonders Männer in fröhlichen, extravaganten Kleidern verurteilt. So werden Männer in diesem Land nicht erzogen."

Wie wichtig ist Aktivismus, der junge Queers darin bestärkt, Kunst zu machen, eine Gemeinschaft zu finden und das zu tragen, was sie möchten? Da wäre zum Beispiel die Geschichte des 15-jährigen Larry King, der Teenager aus Kalifornien, der sich als Frau fühlte und von dem Jungen umgebracht wurde, den sie 2008 fragte, ob er ihr Valentine sein möchte. Oder die des 18-jährigen Sasha Fleischman, der engagierte Teenager aus Oakland, der 2013 im Bus angezündet wurde, weil er ein Rock trug. „Kunst rettet queere Jugendliche. Ohne Kunst gibt es keine Hoffnung für die queere Community - oder für die Welt", sagt Bizzy Barefoot.

Jack Waters

Credits


Text: Rory Satran
Fotos: Michael Bailey Gates