Martine Fougeron fotografiert die umwerfendsten Teenager überhaupt: ihre Söhne

Die französische Fotografin hat in den vergangenen zehn Jahren die Leben ihrer beiden heranwachsenden Söhne in persönlichen Bildern festgehalten.

von Rory Satran
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22 September 2016, 8:05am

Photography Martine Fougeron

Was, wenn eure Mutter nach eurem Abschlussball mit euch und euren Freunden in den Jacuzzi steigen würde? Die Fotografin Martine Fougeron hat ihre Söhne in Momenten wie diesen abgelichtet und die Bilder in Teen Tribe zusammengestellt, was bald in Buchform von dem Steidl Verlag veröffentlicht werden soll. Ihre äußerst persönlichen Fotos zeigen ihre Jungs und deren Freunde beim Essen, Baden, Rumalbern, Lesen, Rauchen, Flirten und Schlafen.

Fougeron lebt in einem Teil der Bronx, den man auch mit Navi nicht so leicht findet. Bereits seit sechs Jahren wohnt sie mit ihren beiden Söhnen Nicolas und Adrien in einem schönen Haus in dieser etwas abgelegenen Gegend. Zusammen mit ihrer vorigen Wohnung im New Yorker Stadtbezirk West Village und einem Sommerhaus in Südfrankreich sind das die Orte, an denen sie die komplexe, emotionale und lebhafte Jugendzeit ihrer Söhne dokumentiert hat.

Obwohl Martines Arbeiten bereits in zahlreichen Ausstellungen, zwei Büchern und sogar im The New Yorker und in der New York Times zu sehen gewesen sind, ist die Fotografin relativ spät zur Fotografie gekommen. Als Creative Director für Parfums hat sie zum Beispiel an der Komposition von so ikonischen Düften wie Cliniques „Happy" mitgearbeitet. Doch dann wurde ihr der Bereich zu vorhersehbar und festgefahren. „Ich war zu jung, um mich auf der Arbeit zu langweilen", erklärt sie. „Auch wenn ich ein super Gehalt und eine tolle Position hatte, war es einfach nicht das, was ich wirklich wollte." Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 schrieb sie sich am International Center for Photography für einen Fotografie-Kurs ein und begann, Fotos von ihren Söhnen aufzunehmen.

Zu Beginn plagten sie jedoch Selbstzweifel. „Ich wollte nicht die sonderbare Mutter sein, die zur Schule geht und ihre Kinder fotografiert", sagt sie. Doch das änderte sich schnell. „Offensichtlich waren das meine besten und intimsten Bilder. Ich denke, es hat mir eine Menge kreative Kontrolle gegeben, etwas zu Hause machen zu können, und mir wurde klar, dass es dabei um weit mehr ging. Es ging auch um die vollkommene Kontrolle über die Motive und das Interesse an ihnen."

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Martine ist nicht die einzige nennenswerte weibliche Fotografin, die den Prozess des Erwachsenwerdens ihrer Kinder dokumentiert. Tierney Gearon tut es, und auch Sally Mann ist durch ihre tiefgründigen als auch kontroversen Fotos ihrer Kinder berühmt geworden. In einem aufschlussreichen Artikel im New York Times Magazine beschreibt Mann, wie sie die Bilder ihrer Kinder zusammen mit ihen bearbeitet und ihnen Mitspracherecht gegeben hat. Fougeron geht genauso vor.

Sie sieht auch das Positive an einigen Bildern, die zunächst vielleicht Unbehagen auslösen können. „Es gab dieses eine Foto von meinem Sohn [Adrien]: er liegt auf einer blauen Couch und sieht sehr androgyn aus. Die Leute fragten ‚Wer ist dieses hübsche Mädchen?' Als Adrien es zum dritten Mal hörte, rastete er aus, sagte ‚Ich bin kein Mädchen' und ging zum Friseur und ließ sich die Haare abrasieren. Es war ein Lernprozess für ihn: Er merkte, dass er nicht so aussieht, wie die anderen ihn sehen." Ebenso fand Nicolas die Fotos, auf denen er mit glasigen Augen beim Spielen von Kriegsspielen zu sehen ist, ziemlich verstörend und versuchte daraufhin, sich etwas weniger von der Außenwelt abzugrenzen.

Martine hat eine wilde Mähne drahtiger Haare, immer eine Zigarette im Mund und eine entspannte, aber dennoch leicht reizbare Art. Man fühlt sich wohl in ihrer Gegenwart und kann gut nachvollziehen, warum Martines Söhne ihr hundertprozentig vertrauen und sie auch während ihrer Teenager-Jahre so stark an ihrem Leben haben teilnehmen lassen. In der Zeit, in der ihre Jungs noch nicht in Bars gehen oder durch die Straßen streifen konnten, wurden ihre Bilder zu einer Art Lockmittel, das die Jungs immer wieder nach Hause zog. „Meine Kinder hatten einen Ort, an den sie immer wieder zurückkamen, und das war ihr Zuhause. Ich druckte die Bilder, sie schauten sie sich an und tatsächlich waren sie es, die mich dazu ermutigten, weiterzumachen. ‚Du zeigst uns so, wie wir wirklich sind.' Die Bilder stellten einen Teil ihres Lebens dar, der ihnen wichtig war."

„Ich versuchte immer, mich so unsichtbar wie möglich zu machen", sagt Martine. „Viele Bilder wurden abends gemacht, als es schon dunkel war, sie konnten mich also sowieso nicht so gut sehen. Auf Partys blieb ich immer nur etwa 20 Minuten. Wenn ich danach kein gutes Bild hatte, ging ich nach Hause. Sie wussten also, dass ich sie nicht den ganzen Abend beschatten würde."

Und was hielten die anderen Eltern von den Einblicken in die Leben ihrer Kinder? Sie wussten nicht wirklich darüber Bescheid, sagt Martine, bis die Bilder in einem Film und einer Ausstellung zu sehen waren. Und dann? „Sie waren sogar ein kleines bisschen eifersüchtig, glaube ich. Ich war für die Kinder wie eine Tante oder eine Vertraute. Die meisten anderen Eltern hingegen haben ihre Töchter und Söhne strenger erzogen, und waren nicht ganz so eng mit ihnen verbunden."

Dennoch war Martines Haus alles andere als ein Schauplatz wilder Teenie-Orgien. „Ich habe Regeln aufgestellt, ziemlich strenge Regeln." Kinder, die sich nicht benommen haben, wurden nach Hause geschickt, die Parties durften nur bis zu einer bestimmten Uhrzeit dauern. Drogendealern war der Eintritt untersagt. Und vor allem sollten die Kinder, ihre als auch die anderen, die zu Besuch kamen, sie nicht anlügen. Ein Junge tat es und durfte daraufhin nicht mehr wieder kommen.

Sobald die Regeln geklärt waren, konnte Martine sich ihre Kamera schnappen und das bittersüße Dasein der Jugendlichen beobachten. Und sie ist eine leidenschaftliche Beobachterin: „Ich finde, es ist ein tolles Alter, und ich wollte es auf meinen Bildern festhalten. Ich glaube, dass die Jugend eine Zeit ist, in der alle Träume und das Identitätsgefühl so richtig aufblühen können."

Abgesehen davon hält Martine die Teenager-Jahre für eine beinahe magische Zeit der kreativen und sexuellen Energie. „Sie stellen sich selbst immer so metaphysische Fragen", erklärt sie. „Es ist unglaublich, was während der Gehirnentwicklung und emotionalen Entwicklung vor sich geht, es sind tiefgründige metaphysische Themen, die mit sexueller Kreativität gepaart sind. Die Sexualität ist im Grunde eine kreative Stärke, die in dieser besonderen Zeit zum Vorschein kommt."

Was verstehen viele Leute laut Martine nicht an ihren Arbeiten, nun da die Bilderreihe „Teen Tribes" weltweit von immer mehr Leuten angeschaut wird? „Eine Sache, die mich ärgert, ist, wenn die Leute sagen ‚Sie sind so schön.' Ich meine okay, zufällig sehen meine Söhne recht gut aus, aber wenn die Leute das so über meine Fotos sagen, fühle ich mich ein bisschen beleidigt. Ich freue mich natürlich, dass sie sie schön finden, aber meiner Meinung nach geht es in den Bildern nicht um ihr Aussehen. Das ist ein Nebeneffekt, aber nicht die Kernaussage." Vergleiche mit, sagen wir, Hedi Slimanes Fotos von berühmt-berüchtigten Models für Saint Laurent oder mit Glen Luchfords Bildern von androgynen Männern für Gucci sind also verständlich, aber unerwünscht. 

Martines Söhne sind vor kurzem von der Uni zurückgekommen und wohnen wieder zu Hause. Sie sind nun selbst Künstler und Martine fotografiert sie immer noch. Das Alter Anfang zwanzig soll jedoch das letzte Kapitel des Projekts sein. Sie ist davon überzeugt, dass Teen Tribe ihre Familie zusammengeschweißt hat. „Was mich sehr glücklich macht, ist die Tatsache, dass wir durch mein ständiges Fotografieren so stark miteinander verbunden sind. Es hat mir dabei geholfen, mehr zu sehen, zu erkennen, wie einzigartig jeder der beiden ist und jeden dementsprechend zu erziehen." 

Credits


Text: Rory Satran
Fotos: Martine Fougeron

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