"Dirty Kids": Eine Dokumentation über obdachlose Teenager in Hippie-Kommunen

Alice Stein begleitete zwei Jahre lang eine Gruppe von Weggelaufenen, Ausgestoßenen und blinden Passagieren, die für sich und ihre Familien tief im Wald ein Zuhause aufbauten.

von Emily Manning; Fotos von Alice Stein
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24 August 2015, 12:10pm

Filmemacherin Alice Stein traf die Dirty Kids zum ersten Mal 2012 auf dem Parkplatz vor einem Walmart-Supermarkt in Tennessee. Sie kamen in einem türkisfarbenen Pickup-Truck vor dem Supermarkt an, um sich mit Lebensmitteln für ein sogenanntes "Rainbow Gathering" einzudecken. Rainbow Gatherings sind Zusammenkünfte in Wäldern, wo Hippies schon seit den Siebzigern zeitlich begrenzte subkulturelle Communitys bilden. Diese Zusammenkünfte sind von Frieden, Liebe und gegenseitigem Respekt geprägt. Die Mitglieder sehen sich als utopische Alternative zum modernen Kapitalismus. Es gibt dort keinen Strom, kein warmes Wasser und keinen Kontakt zur Außenwelt, manchmal sogar für Monate am Stück.

Diese Rainbow Gatherings stehen allen offen, Alice Stein interessierte sich aber besonders für die obdachlosen Teenager, die zwischen verschiedenen Kommunen in den USA hin- und herpendeln. Sie rauchen Kette, essen aus dem Müll und sind – wie ihr selbstausgewählter Spitzname vermuten lässt – ziemlich dreckig. Viele dieser Dirty Kids kommen aus zerrütteten Familien oder Umgebungen, in denen ihre Andersartigkeit sie zu Ausgestoßenen macht. Für sie sind diese Gatherings Familienzusammenkünfte.


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Zwei Jahre lang lebte Alice mit den Dirty Kids in den Wäldern und dokumentierte dabei, wie sie durch die Gemeinschaft Kraft und neuen Überlebensmut finden. Dennoch hat auch die Rainbow-Gathering-Bewegung in letzter Zeit mit negativen Auswüchsen zu kämpfen. Alice berichtet jedoch von überwältigenden positiven Erfahrungen durch ein Gefühl von Gemeinschaft und Akzeptanz. Wir trafen die Filmemacherin und sprachen mit ihr über ihre Dokumentation Dirty Kids und das Leben in diesem Rainbow Gathering.

Was genau ist ein "Dirty Kid"?
Jeder wird dir eine andere Antwort geben. Aber meiner Erfahrung nach entziehen sie sich dem System; sie sind Ausreißer, Ausgestoßene, Rainbow Kids und blinde Passagiere. Ihnen steht nicht immer eine Dusche zur Verfügung, aber einem Dirty Kid ist das egal.

Was motivierte dich zu diesem Film?
Ich hatte vorher noch nie von einem Dirty Kid oder von einem Rainbow Gathering gehört. Als ich mich dann entschloss, mir das genauer anzusehen, war ich davon überrascht, wie viele jugendliche Ausreißer es gibt. Es fühlte sich an wie das Paradies für verlorene Jungs.

Wie hast du die Protagonisten gefunden? Und wie wieso hast du ausgerechnet diese Gruppe ausgewählt?
Wir trafen diese Gruppe auf einem Walmart-Parkplatz in der Nähe von einem Rainbow Gathering. Sie kamen dorthin, um sich mit Vorräten einzudecken. Ihre Küche beschrieben sie dabei als 'sweeter than yo' momma's box'. Für uns war es der perfekte Moment, um sie anzusprechen. Die wichtigsten Kids in der Gruppe waren Nitrous und M, daneben Jude, Fawn, Shallows, Delay und Mario. Nitrous beschrieb sich selbst als "Wiedergeburt Kleopatras". Sie und M lernten sich beim Gathering kennen und heiraten auch dort, während sie high auf LSD waren. Ich traf Jude als er 17 Jahre alt war und ich habe mit ihm im Verlauf der drei Jahre mal mehr mal weniger zusammen gedreht. Jude wuchs in den Wäldern Floridas auf, er ist ein wahres Rainbow Kid. Sein Engagement für die Familie war beeindruckend. Es hat mich und andere so sehr beeindruckt, dass wir weitergemacht haben.

Welche Probleme haben diese Jugendlichen?
Alle möglichen. Ich kann nicht für alle sprechen, aber diejenigen, die ich getroffen habe, kommen aus zerrütteten Verhältnissen und haben schwierige Beziehungen zu ihren Eltern. Bei vielen waren Alkohol, Drogen und Knast mit im Spiel.

Verrate uns mehr über das Rainbow Gathering.
Das darf ich nicht. Geht einfach selbst hin und erlebt es.

Ich habe woanders gelesen, dass sich alles utopisch anfühlt. Es ist wirklich so abgedreht, wie man es sich vorstellt?
Es ist ziemlich spektakulär. Wenn man dorthin geht, kann einen das als Person wirklich verändern. Die Gatherings bieten für viele Halt, viele sind auf der Reise oder sie sind obdachlos. Die Leute bauen sich ihre eigenen Küchen und sorgen für zehntausende Besucher für drei Mahlzeiten am Tag. Es gibt Regeln, aber wie draußen auch, hält sich nicht jeder daran.

Wie wurden Frauen und Schwarze behandelt?
Jeder wird gleich behandelt. Die Gatherings sind eine der wenigen Ort auf der Welt, bei denen man als Mensch akzeptiert wird und das zählt.

Die Gatherings bieten einen Ort für friedfertigen Menschen, aber kürzlich gab es eine Messerstecherei, über die viel berichtet wurde. Wie hat diese Gewalt die Jugendlichen, mit denen du unterwegs warst, beeinflusst?
Die Messerstecherei war logischerweise nicht besonders hilfreich, weil die Lokalzeitungen darüber berichtet haben und den Leuten geraten wurde, zu Hause zu bleiben und dem Rainbow Gathering fernzubleiben. Ich erinnere mich daran, dass die Kids wirklich traurig waren, weil es ein schlechtes Licht auf ihre Familie geworfen hat. Sie fühlen sich allgemein von der Gesellschaft missverstanden. Der überwiegende Teil der Gewalt tritt in Zusammenhang mit Alkohol auf, der im Rainbow Gathering strikt verboten ist, außer im "A-Camp", das ein bisschen abseits liegt und um das die meisten einen Bogen machen.

Du hast die Protagonisten für zwei Jahre begleitet. Was waren dabei die größten Herausforderungen und was hat sich besonders gelohnt?
Die ersten Tage der Dreharbeiten in den Wäldern stellten die größte Herausforderung dar. Die Leute waren am Anfang ziemlich skeptisch. Ich musste sehr viel Überzeugungsarbeit leisten und sie davon überzeugen, dass ich nicht im Auftrag der Regierung arbeite. Die Beziehungen, die ich zu diesen Leuten entwickelt habe, waren definitiv das Beste. Der Umstand, dass sie mir erlaubt haben, mit ihnen zu filmen, war ein Privileg.

Was sind deiner Meinung nach die größten Probleme oder Herausforderungen, denen sich Jugendliche – und besonders diese Kids – heutzutage beim Erwachsenwerden gegenüber sehen?
Diese Kids stört so vieles an der heutigen Zeit, besonders in den Staaten. Aber das Hauptproblem scheint Akzeptanz zu sein. Viele der Kids kommen aus Kleinstädten mit kleingeistigen Ansichten über Sex, Hautfarbe und Religion, wo man durch Andersartigkeit als Ausgestoßener gilt.

Was erhoffst du dir durch diesen Film?
Für jeden, mit dem ich filmen durfte, empfinde ich nichts als Liebe und tiefen Respekt. Ich hoffe, dass andere auch so sehen werden.

Alice plant den Release der Dokumentation noch für dieses Jahr. Mehr Informationen zur Dokumentation findest du hier.