A student being arrested during last year's student protests. Photography Imraan Christian.

die fotos von imraan christian zeigen die neuen gesichter des südafrikanischen aktivismus

Für seine neueste Fotoreihe hat der südafrikanische Fotograf Imraan Christian den Kampf der Generation Z gegen die Spätfolgen des Kolonialismus festgehalten.

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Juli 27 2016, 9:25am

A student being arrested during last year's student protests. Photography Imraan Christian.

Im letzten Jahr wurde Imraan Christian der Weltöffentlichkeit mit seinen Fotos der #feesmustfall-Studentenproteste in Südafrika ein Begriff. Die Proteste zeigen die Auswirkungen der Apartheid auf die „Born Free"-Generation in dem afrikanischen Land. In den Monaten danach wurde der 23-Jährige zu einer prominenten Figur unter den politisch aktiven Kreativen in Südafrika. In jedem ihrer Projekte, ob sie nun kommerziell oder ein privat sind, zeigen sie ihren Aktivismus.

Seine ganz eigene Ästhetik brachte ihm auch viele internationale Fans ein, zu denen auch Little Simz A$AP Rocky zählen. Wir haben mit Imraan über seine neuesten Arbeiten über die neue Generation von südafrikanischen Kreativen und Aktivisten gesprochen. Außerdem hat er uns verraten, warum „politische Gleichgültigkeit nur für die Bourgeois ist."

Du bist in den berüchtigten Cape Flats von Kapstadt aufgewachsen. Was hast du durch diese Atmosphäre gelernt?
Die Hood bringt dir viel bei, aber das wichtigste: dala what you must (Do what you have to). In der sechsten Klasse rieten meine Lehrer und der Direktor meinen Eltern, dass sie mich auf eine andere Schule schicken. Da würde ich mehr gefordert werden, da ich sonst in einer Gang landen würde. Zurückblickend muss ich sagen, dass die Schulzeit ziemlich hart war. Der Fakt, dass ich die Schule wechseln musste, sagt aber mehr über das Schulsystem als über die Gangsterkultur aus.

Meine Eltern haben mich auf eine Model-C-Schule geschickt (ein Post-Apartheid-Begriff für eine hauptsächlich von Weißen aus der Mittelschicht besuchte Schule). Diese Schulen—wie viele andere Strukturen in Kapstadt—haben sich seit dem Ende der Apartheid nicht wirklich verändert. Und auch wenn sich darüber lustig gemacht wurde, wie ich mich anzog, wie ich sprach, wie ich aß, wie ich lebte, ja, wie ich atmete, weil ich als gham (Unterschicht) galt, war ich bereits in meiner Persönlichkeit gefestigt. Ich war ein Sohn der Erde. Und daran kann auch keine weiße Rassistenkultur etwas ändern. Seitdem wurde meine bloße Existenz zum Mittel des Widerstands.

Welchen Einfluss haben die Cape Flats auf deine Arbeiten?
Ich habe mich durch die Cape Flats selbst kennengelernt. Schon von klein auf musste ich mit Gewalt klarkommen. Sie war einfach Realität. So weit ich mich zurückerinnern kann, habe ich gelernt, mich lieber einem Konflikt zu stellen und nicht wegzulaufen. Man trifft diese Entscheidungen unzählige Male, sie werden einfach irgendwann ganz normal. Als ich dann mit der Welt und institutionellem Rassismus und Vorurteilen konfrontiert war, gab es für mich keine Wahl: Ich musste kämpfen, weil es Teil von mir ist.

Dieses Verständnis prägt auf vielfältige Weise meine Arbeiten. Am sichtbarsten wurde es während der Gewalt und Einschüchterung durch die Polizei im letzten Jahr bei den Studentenprotesten. Durch die Cape Flats habe ich gelernt, die Schönheit des Kampfes zu sehen und wertzuschätzen. Arme Leute leiden nicht nur, sie kreieren, sie lieben, sie tanzen und sie sind glücklich. Das ist Teil meiner Lebensmission: diesen ganzen Bullshit, dass die „Cape Coloured" nur Gangster sind, zu ändern. Ich möchte zeigen, dass wir—wie alle Schwarzen—eine Bandbreite an Emotionen, Typen und Talenten haben.

Die Apartheid ist in Südafrika noch spürbar. Für was kämpft deine Generation?
Die wichtigste Sache, für die die jungen Leute heutzutage kämpfen: dass der Kampf eben nicht vorbei ist, geschweige denn gewonnen wurde. Die angebliche Regenbogen-Nation Südafrika ist in Wahrheit Apartheid mit einem Facelift.

Stell dir Südafrika als Person vor. Die Kolonialmächte sind die Vampire, die diese Person immer wieder abgestochen und das Blut über 400 Jahre lang immer wieder getrunken haben. Generation Z möchte das Messer entfernen, die Wunden heilen und auf unseren eigenen Füßen stehen, weil wir frei sind. Durch viele Störfaktoren wie die Medien, Geschichte und die Kultur dreht sich die öffentliche Debatte darum, ob das Messer überhaupt existiert. Und diejenigen, die müde von der Diskussion sind und für sich beanspruchen, auf eigenen Füßen zu stehen, werden als die Bösen dargestellt, als die Radikalen.

Tänzer und Aktivist Jarrel Mathebula. 

#Feesmustfall war ein großer Moment, nicht nur für deine Generation, sondern auch für dich und deine Arbeit. Nachdem deine Fotos international gezeigt wurden, was ist passiert?
Für mich und viele anderen haben diese Proteste eine Radikalisierung bedeutet. Widerstand war nicht länger nur eine theoretische Option, Widerstand fand nicht mehr nur in Deabtten oder in Essays statt, Widerstand wurde eine praktische Handlung. Die Polizei stand nicht länger für Ordnung und Gerechtigkeit. Durch ihre Brutalität wurden die Polizisten zu Gangstern in blauen Uniformen. Unser Parlament war nicht länger ein Ort, der für Gerechtigkeit sorgte, sondern es wurde Teil des Schlachtfeldes. Die Ironie dabei ist, dass wir—unbewaffnete Studenten—für die kostenlose, sozialistische Bildung gekämpft haben, die uns 1994 nach dem Ende der Apartheid versprochen wurde.

Nach den Protesten ging es bergauf und bergab mit meiner Karriere. Für Mainstream- und konservative Marken war ich zu links. Seit den Protesten habe ich mit vielen Kreativen, Künstlern, Aktivisten und Unternehmen aus dem Untergrund zusammengearbeitet, die sich selbst als radikal verstehen.

Du hast eine ziemlich rasante Entwicklung durchgemacht: vom Aktivistenfotograf zum Fotografen von Little Simz. Ist dir das Fotografieren von Musikern und anderen Kreativen genauso wichtig wie deine politische Arbeit?
Für mich ist alles, was man tut, politisch. Denn das Politische existiert nicht neben dem Gesellschaftlichen oder dem Wirtschaftlichen. Die Musik war immer eine wichtige Säule in meiner künstlerischen Entwicklung und Little Simz ist ohne Frage eine Meisterin in ihrem Fach.

Was ich verrückt fand, als in London war: Dass kaum jemand bunte Sachen getragen hat. Jeder war in Schwarz oder Nude gekleidet. Ich habe mit meinen Sachen herausgestochen wie ein bunter Hund.

Lil Simz in Kapstadt.

Glaubst du, dass die Gen Z auf wirkliche Veränderungen in der Welt hinarbeitet oder entsteht durch die Unsicherheit, in der wir leben, Gleichgültigkeit?
Ich finde, dass Gleichgültigkeit ein Luxus der Bourgeoise ist. Wie kannst du dasitzen, wenn das Haus deines Nachbarn in Flammen steht? Wir, die jungen Leute, sind die Anführer von morgen. Wir haben und wir werden auch weiterhin Veränderungen erreichen, einfach durch unsere bloße Existenz, auf ganz kleiner und auf ganz großer Ebene. Um deine Frage zu beantworten: Nein, wir arbeiten nicht auf Veränderungen hin, wir sind die Veränderung.

@imraanchristian

Model und Aktivist Sanele Xaba.

Rapper Dope Saint Jude.

Kunstkollektiv ToneSociety.

Künstlerin Tony Gum.

Die Regisseure und Musiker Lebogang Rasethaba und Spoek.

Rhodes Must Fall Aktivistinnen.

Designer Thabang Rabothata.

@imraanchristian

Credits


Text: Courtney DeWitt
Foto: Imraan Christian