So erotisch sah die Hippie-Jugend der 80er aus

"Ich suche nach einer gewissen Zärtlichkeit, und auch nach Traurigkeit", sagt James Herbert über seine bewegenden Schwarz-weiß-Bilder.

von Sarah Moroz
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08 September 2017, 2:18pm

Genau genommen ist James Herbert kein Fotograf. Seine sinnlichen Aktfotos stehen immer im Zusammenhang mit seinen Filmen: 1989 hat er zahlreiche Kurzfilme auf eine Wand projiziert und jeden davon systematisch untersucht. Einige Sequenzen hat er dann neu fotografiert und auf 16x20 Abzüge vergrößert. Der heute 79 Jährige hat eine freigeistige Herangehensweise verfolgt, seitdem er als Teenager an der Rhode Island School of Design Kurse in Aktzeichnen belegt hat.


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James war auch in der Kreativszene Georgias aktiv. Während er Zeichnen und Filmgestaltung lehrte, führte er auch bei einigen Musikvideos für R.E.M. und The B-52's Regie, die "mit der gleichen Einstellung von Offenheit, Zufall und Intuition" wie seine erotischen Filme gemacht wurden, sagt er. Im Video zu "Revolution Earth" von The B52's waren neben Kate Pierson lebende Zebras und Elefanten zu sehen. Er erinnert sich noch gut, wie Michael Stipe und er für "It's the End of the World" in einem verlassenen Haus gedreht haben, in dem die Wände teilweise eingestürzt waren, weil sich Kühe dagegen gelehnt hatten.

Heute bemalt der Künstler in seinem Atelier in Bushwick riesige Leinwände mit Motiven von nackten Paaren, die er online findet. Wir haben uns mit dem Künstler getroffen, um mit ihm über Nacktheit, das Experimentieren und die Jugendkultur zu sprechen.

Du wirst bald eine Fotografie-Ausstellung eröffnen, aber hier in deinem Atelier stehen überall Gemälde. Was verbindet diese beiden Medien?
Ich male schon mein ganzes Leben lang, aber ich hatte diese zweite Leidenschaft für Fotografie. Der Film hat gewissermaßen Priorität gehabt. Ich habe abwechselnd neun Monate lang gezeichnet und drei Monate lang gefilmt. Dann hat sich das Verhältnis gedreht. Ich bin ein sehr gut organisierter Mensch und trenne beide Bereiche voneinander.

Eine Sache, die sich aber seit meiner Jugend nie verändert hat, ist die Tatsache, dass die Leute, die ich filme oder zeichne, nackt sind, außer einem sehr hübschen Mädchen in einem blauen Kleid [in dem Film Speedy Boys aus dem Jahr 19996]. Ich war ein Maler, der Filme gedreht hat. Und jetzt male ich seit zehn Jahren nur noch.

Hast du beim Filme Drehen schon geplant, später Standbilder daraus zu vergrößern und zu veröffentlichen?
Nein, diese Idee kam erst später. Zufall und Beliebigkeit spielen in meinen Arbeiten eine große Rolle. Mein Arbeitsprozess ist sehr gut durchgeplant, aber wenn es darum geht, Bilder auszuwählen, gehe ich immer stark nach Gefühl. In ihrer ursprünglichen Form wären die Filme nicht wirklich interessant gewesen, abgesehen von dem voyeuristischen Element. Ich bin also an einem alten Projektor die Filmrollen durchgegangen und habe mir jedes Bild einzeln angeschaut: Dann erst habe ich entschieden, ob ich es dabei haben wollte oder nicht.

Warum hast du die Jugendkultur als dein Hauptmotiv ausgewählt?
Als ich Mitte Zwanzig war, war das gerade die Ära der Hippies, mit viel Nacktheit und Aktionen — die, wie wir jetzt wissen, nicht ganz so schlau waren, wie wir damals vielleicht gedacht haben — , aber die Menschen sahen einfach schön aus. Damals war es einfach, Leute zu finden, die in einem Film mitspielen wollten. Als Teenager habe ich meine Freunde beim Nacktbaden fotografiert. Im Grunde hat sich also mein Interesse für die Jugendkultur entwickelt, als ich selbst ein Jugendlicher war. Und man könnte sagen, dass ich nie wirklich älter geworden bin, zumindest im Kopf [Lacht]. Was auch immer da draußen ist, kann ein mögliches Motiv für ein Bild sein.

Hast du vor dem Fotografieren schon eine bestimmte Vorstellung im Kopf?
Nein, nur eine gewisse innere Einstellung. Ich möchte, dass mir die visuelle Vorstellung während des Prozess' kommt. Dieser beginnt mit purem Interesse. Verlangen bedeutet, etwas zu sehen, was einem gefällt. Das kann eine Birne sein, oder aber ein Mensch. Wenn Künstler sagen, dass Schönheit sie nicht interessiert, glaube ich das meistens nicht. Ich suche nach einer gewissen Zärtlichkeit und Traurigkeit in der Erotik. Und ich glaube, dass sich diese nie direkt vor mir abspielt, sondern in dem Standbild.

Unterscheidet sich die Art, wie du deine Vision in den 80ern ausgedrückt hat, von deiner heutigen Interpretation der Jugendkultur?
Ich glaube, dass die Jugendkultur die amerikanische Sensibilität sehr stark geprägt hat. Beispielsweise könnte Larry Clarks Teenage Lust, in dem im Grunde sehr explizite Nacktbilder zu sehen sind, heute nicht mehr einfach so veröffentlicht werden. Es gab aber mal eine Zeit – die Hippie-Zeit der sorgenfreien Jugendlichen – in der es einen allgemeinen kulturellen Wandel gab. Heute hat Nacktheit eine andere Bedeutung. In der Kunstwelt wird sie definitiv nicht mit Intelligenz assoziiert. Viele meinen ja auch, dass Jugendliche nicht besonders schlau seien. Und doch hat es auch seinen Reiz, sorgenfrei und nicht intellektuell zu sein.

"James Herbert" ist bis zum 4. November 2017 in der Gitterman Gallery zu sehen. Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.