Foto: Barrett Sweger

"Ich wünschte, wir alle hätten die richtigen Menschen zur richtigen Zeit um uns herum"

Zum World Mental Health Day 2018 erklärt Model Lera Abova, warum du aufhören musst, dich selbst zu bemitleiden.

von Juule Kay
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10 Oktober 2018, 10:48am

Foto: Barrett Sweger

Wir kennen sie alle: toxische Beziehungen. Und oft merkst du erst, wie tief du eigentlich darin steckst, wenn es zu spät ist. Es ist ein schleichender Prozess, der, egal wie lange er andauert, verdammt weh tut. Als logische Konsequenz suchst du immer zuerst die Fehler bei dir selbst. Habe ich zu viel gegeben? Oder doch zu wenig? Hätte ich mich anders verhalten oder einfach meinen Mund öfter aufmachen sollen? Du entschuldigst dich unterbewusst für Dinge, für die du eigentlich gar nichts kannst, weil das Leben nunmal andere Pläne mit dir hat. Wir sind unsere größten Kritiker und viel zu oft, viel zu hart zu uns selbst. Dabei braucht es Zeit, um zu verstehen, wie wir wirklich ticken, was uns gut tut im Leben und wovon wir lieber die Finger lassen sollten.

Das musste auch Model Lera Abova lernen, die bereits mit Fotografie-Legende David Sims für die französische Vogue zusammengearbeitet hat und in Kampagnen für Jospeh und Acne zu sehen war. Lera wuchs in einem kleinen Dorf in Sibirien auf, bevor sie mit 13 nach Deutschland gezogen ist und ihren Wohnort mittlerweile alle paar Monate wechselt. Zum World Mental Health Day spricht die 25-Jährige über ihre eigenen Erfahrungen mit diesem Thema und erklärt dir, welcher Art Mensch du lieber aus dem Weg gehen solltest, um glücklich zu werden:


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"Ich war schon immer ein besonderes Kind und hatte eine Energie und Emotionen, die nur schwer zu kontrollieren waren. Von der Liebe bis zum Hass, begleitet von Wut und Aggressionen – es hat entweder nur ein falsches Wort gefehlt oder ein bisschen Mangel an Aufmerksamkeit. Menschen, die wir im Leben treffen, werden oft nicht so verständnisvoll sein, wie die eigene Familie, warum sollten sie auch? Warum müsste dich jemand in diesem Leben aushalten wollen und sich einen psychischen Schaden durch dein Verhalten zufügen?

Ich bin oft ein häuslicher Tyrann. Gleichzeitig trage ich viel Energie in die Welt. Vielen komme ich dadurch lebensfroh und amüsant vor. An schlechten Tagen lasse ich dagegen meine ganze Aggression an Menschen aus, die ich wirklich liebe, damit es ihnen genauso schlecht geht wie mir und sie verstehen, wie ich mich fühle. Ganz schlimm wird es in Liebesbeziehungen. Alles beginnt toll und intensiv, nur dass die Intensität eben auch in negativer Form erscheint – und das nicht selten. Wenn du mit emotionalen Problemen zu kämpfen hast, ziehst du automatisch Menschen an, die eine gewisse Tiefe haben und meistens genauso irre sind, wie du selbst. Du denkst, es sei besser, weil genau diese Art Mensch dich versteht und nicht für krank erklärt.

Jeder Mensch hat verschiedene Gründe, sich zu fühlen, als sterbe man innerlich. In einer so extremen Beziehung liegt das Problem darin, dass beide Partner Halt brauchen – und das wird nie gut ausgehen. Oft wird es zu einem Kampf, wem es gerade schlechter geht. Man denkt oft, so müsste wahre Liebe sein, doch mit dem Alter lernst du zu verstehen, dass wahre Liebe nicht aus psychischer Gewalt bestehen soll. Wenn du nicht komplett blöde bist, lernst du auch, dass dein Partner kein Mittel zum Zweck ist, um glücklich zu werden. Du – und nur du selbst – bist dafür zuständig, deinen psychischen Wahnsinn auf den richtigen Weg zu bringen und Ängste als etwas Positives zu sehen. Ich habe drei Jahre meines Lebens damit verschwendet, allen und allem um mich herum die Schuld für meinen seelischen Zustand zu geben. Ich würde es nie wieder tun, weil es das Einzige ist, das dich jahrelang, wenn nicht sogar lebenslang, auf dem gleichen Fleck stehen lässt.

Ich hasse die Opferrolle und Menschen, die versuchen, sich damit in den Vordergrund zu stellen. Sie lieben es zu leiden, auf eine ganz weinerliche Art. Man kann ihnen nicht helfen – und oft willst du es auch gar nicht. Ich kenne viele psychisch instabile und tolle Persönlichkeiten, die sich einfach nicht helfen lassen wollen. Sie hören nicht auf dich. Ich meine damit auf keinen Fall, dass du dich mit Tabletten vollstopfen musst. Lerne lieber, anderen nicht wehzutun. Hör' damit auf, dich selbst zu bemitleiden und andere dafür zu beschuldigen, warum du in solch einer psychischen Hölle eingesperrt bist.

Foto: Oliver Hadlee Pearch

Mittlerweile gehe ich mit mir selbst ganz OK um und habe immer sehr tolle Menschen an meiner Seite, die viel einstecken und mich runterbringen. Ich glaube an Karma, dadurch habe ich vieles gelernt und an mir geändert, weil ich so mein eigenes Verhalten von einer anderen Perspektive beobachten konnte. Vieles, was mir angetan wurde, habe ich zuvor jemand anderem angetan. Durch den Glauben an Karma konnte ich meine Fehler nicht nur einsehen, sondern wirklich verstehen.

Am Anfang jeder Beziehung habe ich immer gesagt, ich wäre kein Geschenk, weil ich wirklich scheiße sein kann. Keiner hat mir geglaubt. Ich wurde als krank bezeichnet und mir wurde gesagt, ich solle mich einweisen lassen. Gut, dass ich meine Mutter habe. Sie hat mir beigebracht, kein Mitleid mit mir selbst zu haben und nicht auf die Menschen zu hören, die dich noch mehr runterziehen. Deswegen lege ich allen ans Herz: Bleibt weg von toxischen Beziehungen!

Ja, ich hasse diese Welt und mich selbst sehr, aber ich liebe dieses Leben auch wie kein anderer auf dieser Erde. Ich weiß, dass ich selbst sehr toxisch sein kann, aber das letzte, was ich brauche, ist jemand, der mich auch noch in eine Schublade steckt oder mir sagt, das sei alles nur in meinem Kopf. Jeder Mensch hat eigene Gründe, warum es ihm schlecht geht. Es geht meistens darum, wie sensibel wir sind, was wir vom Leben wollen, wie sehr wir uns selbst unter Druck setzen und wie unsere Vergangenheit und Erziehung sich auf uns ausgewirkt haben. Du kannst jemanden treffen, der scheinbar die gleichen Probleme hat und doch zerbricht dein Herz bei Dingen, die sich für den anderen OK anfühlen. Ich könnte jetzt anfangen, alle Diagnosen aufzuschreiben, aber das ist unnötig. Ich hoffe, die Menschen werden verstehen, worum es in meinem Text geht.

Foto: Vitali Gelwich

Meine emotionale Instabilität hatte noch nie negative Auswirkungen auf meine Arbeit als Model. Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich jedes Mal aufs Neue mit so vielen tollen, kreativen Menschen zusammenarbeiten darf. Liebe fasziniert mich. Das Extreme fasziniert mich. Menschen faszinieren mich. Am Ende des Tages würde ich meinen Verstand nie gegen einen anderen tauschen wollen, weil meine eigene Fähigkeit zu lieben, Menschen zu spüren und voller Energie zu sein, etwas ganz Besonderes ist. Das kann mir keiner nehmen. Das ist auch etwas, das ich lernen musste: mich so zu schätzen, wie ich bin und andere nicht dazu zu zwingen, an meiner Seite zu bleiben.

Heute haben sich Menschen daran gewöhnt, dass jemand anderer ihre Probleme löst. Amerika ist ein ganz schlimmes Beispiel, was verschreibungspflichtige Medikamente angeht. Sobald du mit etwas Stress konfrontiert wirst oder dich Liebeskummer plagt, rennst du hier sofort zum Arzt, um dich mit Antidepressiva und Schlafmitteln vollzupumpen. Menschen missbrauchen Medizin, bis sie nicht mehr ohne können. Sie schlucken irgendetwas, um zu funktionieren. Ich habe nie Antidepressiva genommen, weiß aber, dass es deinen Stoffwechsel, deine Hormone und deinen Verstand in den Wahnsinn treiben kann. Das betäubt vielleicht die Probleme, erzeugt aber keine Harmonie zwischen Körper und Geist. Je mehr Ärzte du fragst, desto mehr Diagnosen wirst du bekommen, bis du dich wie ein richtiger Freak fühlst.

Geh' am besten auch Menschen aus dem Weg, die dir die ganze Zeit einreden wollen, wie krank du seist. Lerne, deine Wortwahl in den Panikattacken und Wutanfällen zu kontrollieren. So banal es auch klingen mag, du kannst es nicht zurücknehmen und wirst Menschen, die du liebst, so sehr damit verletzen. Lerne, deine Aggressionen nicht an deinen Mitmenschen auszulassen.

Ich wünschte, wir alle hätten die richtigen Menschen zur richtigen Zeit um uns herum." – @leraabova

Wenn du selbst – oder einer deiner Angehörigen – in einer seelischen Krisensituation stecken solltest und Hilfe brauchst: Es gibt kostenlose Hilfsangebote wie die der TelefonSeelsorge unter 0800/111 0111 oder die Nummer gegen Kummer. Mehr Informationen und Hilfsangebote findest du auch auf der Website der Stiftung Deutsche Depressionshilfe .