Minh Thu Tran (links) und Vanessa Vu (rechts). Fotos: Meklit Fekadu Tsige

'Rice & Shine' ist mehr als ein politischer Podcast

Die Journalistinnen Minh Thu Tran und Vanessa Vu erzählen, wie sie mit ihrem gemeinsamen Projekt Sichtbarkeit schaffen und eine Community aufbauen.

von Dana Hajek
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02 Oktober 2019, 8:03am

Minh Thu Tran (links) und Vanessa Vu (rechts). Fotos: Meklit Fekadu Tsige

Wenn wir wollen, dass die Welt nicht nur überlebt, sondern besser wird, müssen wir alle unsere Stimme erheben. Die Generation vor uns hatte ihre Chance – jetzt sind wir dran. Hier stellen wir Menschen vor, die ihre Stimme bereits gefunden haben. Die Frustration in Aktivismus gewandelt haben. Sie alle haben unterschiedliche Anliegen und Wirkungsbereiche, doch was sie vereint, ist der Glaube an eine gerechte und freie Zukunft. Wir sind laut, wir sind viele. Jetzt sind wir dran.

Sie sind zwei Menschen mit zwei Leben, zwei Biografien und doch verbunden durch ein ganz besonderes Projekt. Die Journalistinnen Minh Thu Tran und Vanessa Vu wurden zum Sprachrohr der deutsch-vietnamesischen Gemeinschaft. Mit ihrem Podcast und Community-Projekt Rice & Shine sind sie seit Februar 2018 online und brachten eine unglaublich wichtige Bewegung ins Rollen.

Rice & Shine ist ein unterhaltsamer, intelligenter, politischer Podcast. Das Konzept so einfach wie genial: eine unmittelbare Konversation zwischen Freundinnen, die über die Themen sprechen, die junge Vietnames_innen und Deutschvietnames_innen beschäftigen. Sie sprechen über Alltagsrassismus, wie es sich anfühlt in Deutschland ständig als 'Vorzeige-Minderheit' angesehen zu werden oder auch den Niedergang des Bubble Teas – und das alles ohne jemals trocken zu sein. Die beiden haben keine Angst davor, mit Klischees zu spielen und sorgen so für einen lockeren Umgang. Minh Thu und Vanessa überzeugen mit ihrem Wissen und dem gelebten Verständnis für die Probleme, über die sie sprechen.

Es geht um die längst überfällige Repräsentation: Obwohl Vietnames_innen mit 170.000 Menschen die größte asiatische Community in Deutschland bilden, werden sie von vielen Menschen, genau wie in der deutschen Medienlandschaft, kaum wahrgenommen – ebenso wenig ihre Geschichten und Lebensrealitäten. Doch genau das ändern Minh Thu und Vanessa mit ihrem Podcast, den Community Events und ihrem fortwährenden Einsatz, politische und gesellschaftliche Debatten voranzutreiben.

i-D hat die beiden getroffen und mit ihnen über Podcasts of Color, Thilo Sarrazin und die Bedeutung von Zusammenhalt gesprochen.

Euch verbindet sowohl eine berufliche als auch freundschaftliche Beziehung. Wie habt ihr euch überhaupt kennengelernt?
Minh Thu: Auf der Journalistenschule in München. Das war auch das erste Mal, dass wir jeweils eine andere Deutschvietnamesin in derselben Bubble getroffen haben.

Und dann habt ihr euch dazu entschlossen, Rice & Shine zu gründen?
Minh Thu: In den deutschen Mehrheitsmedien fehlten uns Personen, mit denen wir uns identifizieren konnten und die wirklich Dinge thematisiert haben, die uns beschäftigten. Sowohl in unserer Jugend als auch heute noch. Deswegen haben wir uns vor eineinhalb Jahren entschieden, unsere Stimme öffentlich zu machen und mit Rice & Shine zu beginnen.

Identität spielt in eurem Podcast eine entscheidende Rolle. Wann habt ihr begonnen, euch mit dieser Thematik auseinanderzusetzen ?
Minh Thu: Ich denke, dass sich jede Person mit Migrationshintergrund, die in Deutschland aufwächst, in irgendeiner Form damit beschäftigt. Allein Fragen wie 'Wie deutsch oder vietnamesisch bist du?' spiegeln dir von außen: 'Wohin gehörst du jetzt eigentlich?' Ich habe mit 15 in der Schülerzeitung ein Gedicht veröffentlicht, in dem ich meinte: 'Hey, schaut mal, ich bin nicht nur 50 Prozent das Eine und 50 Prozent das Andere, sondern beides und das schließt sich gegenseitig nicht aus.' Für mich war das Thema damit auch irgendwie abgeschlossen.

Vanessa: Bei mir war das ein bisschen anders, weil ich die einzige Asiatin oder Person mit sichtbarem Migrationshintergrund auf der gesamten Schule war. Daher fühlte ich mich meine Jugend hindurch etwas einsam. Und wie es in dem Alter eben so ist, suchst du die Fehler bei dir selbst. Das änderte sich dann, als ich in die Großstadt gezogen bin und viele andere nicht-weiße Menschen kennengelernt habe.

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Foto: Meklit Fekadu Tsige

Worin unterscheidet sich eure Arbeit beim Podcast zu eurer anderen journalistischen Arbeit?
Minh Thu: Bei der Arbeit brauchen wir einen nachrichtlichen Aufhänger, wenn wir Themen aus der vietnamesischen Community vorschlagen, da wir sie einer mehrheitlich weißen Redaktion verkaufen. Das ist bei Rice & Shine nicht so. Würden wir außerdem solche Themen bei unserer 'richtigen' Arbeit machen, müsste man gefühlt bei Adam und Eva anfangen.

Vanessa: Wir behandeln auch Themen aus unserem richtigen Job wie Rassismus zum Beispiel. Während der Ton bei der Arbeit entweder sehr trocken oder stark betroffen ist, gehen wir im Privaten humorvoll damit um, lachen darüber. Es ist eine ganz andere Art, darüber zu sprechen, wenn wir unter uns sind als vor tausenden weißen Leser_innen und Hörer_innen.

Was habt ihr seit dem Start eures Podcasts über euch, über eure Community gelernt?
Minh Thu: Du lernst wahnsinnig viel dazu. Wir wissen, wer wir beide sind, aber wir kennen natürlich nicht alle Menschen aus unseren Communitys, die über den Podcast zu uns kommen. Viele von ihnen teilen neue Perspektiven mit uns. Ich weiß zum Beispiel nicht, wie es ist, queer und asiatisch zu sein oder bin nicht in Ostdeutschland aufgewachsen. Unser Blick auf die Community hat sich total geweitet.

Habt ihr mittlerweile auch eine eigene Rice & Shine-Community aufgebaut?
Vanessa: Wir machen sehr viel mehr, als nur ins Mikro zu sprechen. Wir sind auch ein Community-Projekt. Wir planen Events, bringen Leute dazu, ihre eigenen Geschichten zu erzählen, in dem wir sie beispielsweise als Gast zum Podcast einladen.

Minh Thu: Außerdem organisieren wir relativ regelmäßig Picknicks, Kinoabende und Film-Screenings, bei denen wir unsere Hörer_innen und generell Menschen einladen, die einen Austausch zu asiatisch-deutschen Personen suchen.

Die gesamte vietnamesische Community besteht aus knapp 170.000 Menschen, von denen die meisten nach 1991 in Deutschland geboren sind. Findet ihr, dass es in Deutschland genug repräsentative Plattformen gibt?
Vanessa: Momentan entdecken wir unsere Stimmen, gehen raus in die Öffentlichkeit und professionalisieren uns. Wir haben studiert, haben viele Ideen und tolle Berufe erlernt und sind da, wir stehen vor der Tür. Und genau da liegt das Problem: Wir kommen nicht richtig rein. Wenn man beispielsweise Filme, Theater oder vor allem Kunst macht, stößt man gegen gläserne Decken – am Ende reicht es nur für eine große migrantische Produktion. Sobald es zwei verschiedene asiatische Produktionen sind, ist es eine zu viel. Es wird so getan, als gäbe es allein einen Kuchen und nur ein ganz kleines Stück ist für alle Menschen of Color reserviert.

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Foto: Meklit Fekadu Tsige

Häufig werden Deutschvietnames_innen als 'Vorzeige-Minderheit' bezeichnet. Wie ist es euch selbst mit diesem Klischee ergangen?
Minh Thu: Wenn man die Berichterstattung über Vietnames_innen aus den Jahren um 2010 betrachtet, gab es viele Artikel und Reportagen über vietnamesische 'Musterschüler_innen'. Auch Thilo Sarrazin hat in seinem ersten Buch von Vietnames_innen als Vorzeige-Migrant_innen gesprochen, um andere Minderheiten zu diskreditieren. Ich war 17 und hatte es davor nicht richtig verstanden, aber das Narrativ hat uns beide danach ziemlich politisiert.

Vanessa: Und dann kommt ja auch noch das positiv gelobte Leistungsdenken hinzu. Die Existenzberechtigung und Liebenswürdigkeit von vielen Menschen in Deutschland ist sehr eng mit der Leistungsfähigkeit verknüpft. Wenn du gut in der Schule bist oder hart arbeitest, bist du willkommen. Aber du bist es nicht, weil du einfach nur Mensch oder ansonsten korrekt bist. Am Ende resultiert dieses Verhalten in einem toxischen Selbstbild.

Seitdem ihr mit Rice & Shine begonnen habt, sind mittlerweile viele andere Podcasts von Menschen of Color auf der Medienlandschaft erschienen. Wie erklärt ihr euch diese wichtige Entwicklung?
Vanessa: Es fühlt sich fast so an, als wäre es abgesprochen. Ich glaube, es muss nur eine Person damit anfangen und andere merken, dass das Erzählte empfehlenswert ist. Und dann machen sie es einfach auch. Generell ist es eine kollegiale, schöne Atmosphäre unter den Macher_innen von Podcasts of Color. Wir tauschen uns über gute Technik aus, helfen uns mit Protagonist_innen und Gästen, promoten uns gegenseitig. Wir selbst hatten nie das Gefühl, dass wir ein kleines Stück Kuchen aufteilen müssten – es ist nur die Mehrheitsgesellschaft, die so tut, als gäbe es keinen Platz. Ich finde es so toll, andere Geschichten zu hören.

Was wünscht ihr euch für die Zukunft?
Minh Thu: Wir wollen seit Ewigkeiten ein Podcast of Color-Festival machen, aber die Organisation gestaltet sich recht schwierig, weil wir das alles neben unserer Hauptarbeit machen. Ich glaube, wir sollten auch insgesamt ein bisschen netter zu uns selbst sein und das, was wir machen, gerade einfach mal als genug ansehen.

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