"Die Überzeugung, dass du das Richtige tust, ist größer als die Angst vor Konsequenzen"

Zwei Seenotretterinnen erzählen, warum sie trotz der Kriminalisierung ihrer Arbeit weiter Menschen helfen.

von Dana Hajek
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23 August 2019, 10:42am

Foto: Meklit Fekadu Tsige

Wenn wir wollen, dass die Welt nicht nur überlebt, sondern besser wird, müssen wir alle unsere Stimme erheben. Die Generation vor uns hatte ihre Chance – jetzt sind wir dran. Hier stellen wir Menschen vor, die ihre Stimme bereits gefunden haben. Die Frustration in Aktivismus gewandelt haben. Sie alle haben unterschiedliche Anliegen und Wirkungsbereiche, doch was sie vereint, ist der Glaube an eine gerechte und freie Zukunft. Wir sind laut, wir sind viele. Jetzt sind wir dran.

Haidi Sadik und Sophie Tadeus wollen das Richtige tun. Also helfen sie Menschen, die in ihrem Heimatland katastrophalen Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt waren. Sie helfen Menschen, ohne ein Preisschild vor den Wert eines Lebens zu hängen. Auch wenn Seenotrettung zukünftig härtere Konsequenzen haben soll, bleibt das die Überzeugung der Sea-Watch-Aktivist_innen. Denn Menschenrecht ist keine Frage der Moral, sondern eine bindende Konvention – und zwar für jeden.

Die private Seenotrettung Sea-Watch lebt von mehr als 500 freiwilligen Aktivist_innen, die seit 2015 weit über 37.000 geflüchtete Menschen vor dem Ertrinken im Mittelmeer gerettet haben. Besonders große, internationale Aufmerksamkeit bekam die Organisation, als sich die Kapitänin Carola Rackete Ende Juni nach wochenlangem Warten dazu entschlossen hat, ihr Schiff mit 53 geretteten libyschen Geflüchteten – trotz Verbots – in den Hafen von Lampedusa zu lenken.

Die Niederländerin Haidi ist seit über zehn Jahren in der humanitären Hilfe tätig und sowohl auf dem Land, als auch auf See für die Medienarbeit der Organisation zuständig. Sophie war ursprüngliches Gründungsmitglied von Jugend rettet, deren Schiff 2017 auch das erste gewesen ist, das von der Kriminalisierungswelle betroffen war, unter der neuere NGOs damals leiden mussten. Mittlerweile arbeitet sie bei Sea-Watch in der Airborne Operation Moonbird, wo sie auf mehrstündigen Flügen versucht, mithilfe der Behörden verlorene Boote zu finden.

i-D hat sich mit den beiden Aktivistinnen über Herausforderungen von Seenotrettung, politische Überzeugung und den Wert des Lebens unterhalten.

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Haidi Sadik. Foto: Meklit Fekadu Tsige.

Wart ihr schon immer politisch aktiv?
Haidi: Ich bin seit zehn Jahren in der humanitären Hilfe aktiv. Es ist ein wesentlicher Teil meiner Persönlichkeit. Und auch mein Background hat mich zu dieser Arbeit bewegt: Ich habe ägyptische Wurzeln, bin in den Niederlanden aufgewachsen, habe lange in London und jetzt in Berlin gelebt – politisch engagiert war ich immer und überall.

Sophie: Während meines Soziologie- und Philosophiestudiums habe ich vor sieben Jahren angefangen, mich aktiv für Politik zu interessieren. Das war sozusagen die logische Konsequenz, die du ziehst, wenn du dich mehr mit Themen wie Migration, Umwelt oder Feminismus beschäftigst. Irgendwann brannte es mir förmlich unter den Nägeln oder – theatralisch ausgedrückt – hätte ich so einfach nicht weiterleben können.

Bei jeder Mission verbringen 22 Freiwillige bis zu drei Wochen auf dem Schiff. Was haben diese Menschen für einen beruflichen Hintergrund und wie werden sie für eine Mission vorbereitet?
Haidi: Viele Leute an Bord sind Profis: Matros_innen, Kapitän_innen, Sozialarbeiter_innen, Journalist_innen, Offiziere, humanitäre Helfer_innen, Ärzt_innen und Mechaniker_innen. Bevor eine tatsächliche Rettung stattfindet, hast du eine ausführliche Einweisung und Schulung, in denen dir erklärt wird, wie du das Rettungsboot einsetzt, jemanden richtig aus dem Wasser ziehst und wie besonders gefährdete Gäste psychologisch betreut werden müssen. Wenn es zur Rettung kommt, weißt du, was zu tun ist.

Sophie: Einige sind seit Jahren dabei und haben sich ein unfassbares Wissen angeeignet. Sie wissen genau, welche Geflüchteten-Boote, aber genauso auch Militär- und Handelsschiffe auf den internationalen Gewässern verkehren. Das ist wichtig, um die Migrations- und Fluchtbewegungen genau auf dem Schirm zu behalten und zu entscheiden, ob gewisse Handlungen Sinn machen oder nicht.

Welche Reaktionen bekommt Sea-Watch vonseiten der Bevölkerung?
Haidi: Negative und positive Reaktionen sind ausgewogen. Es ist ein politischer Wille da: Viele Städte in Europa zeigen sich uns gegenüber solidarisch und setzen sich für die Entkriminalisierung der rettenden und geretteten Menschen ein. Sogar Bürgermeister, die bekannt gaben, dass Menschen unseres Schiffs in ihrer Stadt willkommen wären. Genauso bekommen wir aber eine Menge Nachrichten von wütenden Bürgern, die uns schreckliche, hasserfüllte und gewalttätige Dinge sagen. Ich kenne zwar keine Aktivist_innen, die körperlich verletzt wurden, aber unsere Freiwilligen setzen sich definitiv einem Risiko aus, wenn sie sich auf eine Rettungsmission begeben. Dabei ist es keine leichte Aufgabe, auf solchen Widerstand und Hass zu stoßen.

Sophie:
Bei Carolas Fall gab es tatsächlich Morddrohungen aus dem rechtsextremen Milieu. Gerade, wenn du viel mediale Aufmerksamkeit bekommst, befeuert das Rechtsextreme Hassmails und -briefe zu schreiben. Bei Jugend rettet haben wir einmal einen Hate-Slam veranstaltet, in dem wir uns die lustigsten und absurdesten Hassnachrichten gegenseitig vorgelesen haben, das war unsere Art mit entsprechenden Reaktionen umzugehen.

Und was sagt das eurer Meinung nach über politischen Aktivismus in Deutschland aus?
Haidi: Ich erkenne an den Reaktionen auf unsere Arbeit, dass politischer Aktivismus in Deutschland extrem polarisierend ist: Auf der einen Seite extreme Solidarität und Zustimmung, auf der anderen rechtsextreme, populistische Hassnachrichten. Das ist nicht nur ein Symptom Deutschlands, sondern vieler Gesellschaften in Europa. Propaganda und Übersimplifizierung der Narrative, um Angst zu schüren. Es geht so weit, dass Leben und Tod politisiert und verhandelbar werden.

Sophie: Alleine dadurch, dass Bewegungen wie Seebrücke, Extinction Rebellion und Fridays for Future entstanden sind, sehe ich trotzdem allgemein eine größere Aufmerksamkeit für Klima- und Migrationspolitik. Junge Leute finden Anschluss, um politisch aktiv zu werden. Gerade für sie ist es toll, eine Plattform zu haben, damit aufzuwachsen und zu merken: "Hey, ich bin ein politisches Objekt und es geht auch um mich und meine Zukunft." Differenzierter betrachtet, fehlt es in den Bewegungen – da spreche ich auch von meiner Bubble – leider ein bisschen an Diversität. Es sollte auch für diejenigen Menschen anschlussfähiger gemacht werden, die aus nicht-Weißen und nicht-akademischen Kontexten kommen.

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Sophie Tadeus. Foto: Meklit Fekadu Tsige.

Ihr habt bereits den Fall um Carola Rackete erwähnt. Wie habt ihr die mediale Berichterstattung um die Kapitänin der Sea-Watch 3 wahrgenommen?
Haidi: Das mit Carola war ein symbolischer Moment – aber Einschüchterung und Kriminalisierung von Menschen, die in der Seenotrettung arbeiten, ist auch nichts Neues. Was mir fehlte, waren die Nuancen und Facetten in dem öffentlichen Diskurs. Die Probleme, die wir ansprechen wollen, sind weder über Carola noch über Sea-Watch. Es geht um die Menschen, die gezwungen sind, aus ihrem Land zu fliehen und die keine andere, sichere Alternative haben. Es ist extrem schwer diesen Menschen, die wir jeden Tag retten, in der Öffentlichkeit Gehör zu verschaffen.

Sophie: Ich glaube generell ist Seenotrettung ein schwieriges Thema, was kolonial-rassistische Bilder und Sprache angeht. Die Organisationen sind eben mehrheitlich Weiß und selbst wenn die Organisation darauf achtet, dass solche Narrative nicht bedient werden, schwingt es trotzdem mit. Dann siehst du in den Medien eine Seenotretterin mit einem geretteten Schwarzen Baby im Arm, was dieses White Savior-mäßige durchsickern lässt. Mit unserer Medienarbeit versuchen wir aber, gegen solche Narrative zu steuern.

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Foto: Meklit Fekadu Tsige

Rechtliche Konsequenzen sind leider trotzdem eine reale Bedrohung...
Haidi: Rechtliche Konsequenzen gab es einige, auch vor Carola Rackete: Da gibt es eine verhaftete Kapitänin, der eine 20-jährige Haftstrafe droht, gegen eine andere Kapitänin wird ermittelt, ein Schiff wurde konfisziert und strengere EU-Sicherheitsregelungen eingeführt. Nur gibt es trotzdem einen Grund dafür, dass wir immer noch existieren und diese Arbeit tun: Es ist notwendig und – entgegen einiger Behauptungen und Diskreditierungsversuche – völlig legal. Wir wissen, dass wir keine Gesetze gebrochen haben und dass das, was wir tun, gänzlich im Sinne der internationalen maritimen Gesetze und der Menschenrechtsgesetze ist. Daher werden wir Wege finden, um unser Vorhaben durchzusetzen. Wenn unser Schiff in den nächsten Wochen freigegeben werden sollte, sind wir definitiv bereit zu segeln – wir lassen uns nicht einschüchtern.

Sophie: Im Grunde genommen muss sich jeder aktivistische Mensch, der zum gegenwärtigen Zeitpunkt den Fuß auf ein Schiff gesetzt hat, mit den teilweise willkürlichen, juristischen Maßnahmen auseinandersetzen. Bei Jugend rettet wurden extreme Überwachungsmethoden eingesetzt. Unsere Schiffsbrücke wurde verwanzt, Telefone abgehört und polizeiliche Ermittlungen gegen Crew-Mitglieder eingeleitet. Im ersten Moment war es ein totaler Schock, aber die Überzeugung, dass du das Richtige tust, ist größer als die Angst vor Konsequenzen.

Was macht die Einsätze auf dem Meer kompliziert?
Haidi: Das zentral-mediterrane Gewässer ist ein schwarzes Loch, in dem wir wie in einem Vakuum operieren. Es gibt dort überhaupt keine Autorität, die Ohren und Augen auf das Geschehen hat, die politische Verantwortung für das Problem wird eher von Europa weggelenkt. Es fühlt sich an, als würde die Zivilflucht komplett alleine gelassen.

Sophie: Fehlende Rettungsstrukturen und Zeug_innen sind auch der Grund, warum die Dunkelziffern an Toten – alleine die Anzahl an Leichen, die an die tunesische Küste gespült worden sind – deutlich angestiegen ist. Früher haben auch größere Handels-, andere NGO- oder Militärschiffe und Küstenwachen gerettete Menschen aufgenommen, die sich jetzt aber alle aus dem Prozess herausgezogen haben. Als Vergleichswert konnten wir mit Jugend rettet an Ostern 2017 hunderte von insgesamt über 8.000 Menschen retten, die an zwei Tagen über das Mittelmeer flohen, wohingegen es sich jetzt bei Sea-Watch gerade mal um 53 Personen handelte.

Hattet ihr jemals das Gefühl, die Hoffnung zu verlieren?
Haidi: Bei Sea-Watch sehe ich zum ersten Mal in meinem Leben konsequenten und beständigen Aktivismus. Du lernst Menschen mit völlig unterschiedlichen Karrieren, Altersgruppen und Fähigkeiten kennen, die seit zwei Jahren auf See oder seit vier Jahren still an Land mitarbeiten: Das ist kein Hype, das ist echte Überzeugung.

Sophie: In den letzten Jahren hatten wir negative Entwicklungen in der Seenotrettung, aber für mich hat das keinen Einfluss, ob ich weitermache oder nicht. Für mich ist klar: Unsere Forderungen sind aktueller denn je und jeder gerettete Mensch ist den Aufwand wert. Solange nicht alle Schiffe in Ketten liegen, werden wir weiter versuchen, unsere Arbeit zu machen.

Was bedeutet Freiheit für euch?
Sophie: Bewegungsfreiheit. Die Möglichkeit selber zu entscheiden, wohin ich gehe und wo ich bleibe. Das sollte für alle Menschen gelten.

Haidi:
Freiheit ist mehr als Frieden. Freiheit ist auch nicht nur das Fehlen von Krieg, Gewalt oder Gefangenschaft. Freiheit bedeutet autonom über dein eigenes Leben entscheiden zu können.

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Foto: Meklit Fekadu Tsige

Credits


Fotografie: Meklit Fekadu Tsige