Helen Fares erzählt, wie es für sie war, im 'Osten' aufzuwachsen

"Was mich hier hält, ist meine Familie. Meine Familie, die sich hier seit 30 Jahren mitten in der Fremde eine Heimat aufgebaut hat."

von Helen Fares
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22 November 2019, 11:02am

Foto: Michael Collela

Im Osten Deutschlands aufgewachsen zu sein, heißt für mich so viel. Vor allem so viel Konfuses. Ich will nichts beschönigen, möchte ganz roh und ungefiltert all meine Gedanken dazu niederschreiben:

Im Osten Deutschlands aufzuwachsen, heißt für mich Identitätssehnsucht. Heute weiß ich, dass meine Identitätssehnsucht statt 3.000 Kilometer weiter in Syrien, auch 200 Kilometer weiter in Berlin hätte gestillt werden können. Obwohl ich im Süden Leipzigs aufgewachsen bin, immer von Linken umgeben war, war es nicht dasselbe. Als ich älter wurde und die Möglichkeiten bekam, zu reisen und in Berlin zu arbeiten, fiel mir auf, dass Frauen deren Migrationshintergrund dem meinen gleicht, mit einem anderen Selbstverständnis durchs Leben gehen. Sie haben ein Bewusstsein darüber, wer sie sind. Sie sprechen auf den Straßen laut, welche Sprache auch immer sie wollen. Temperament ist bei ihnen, nicht wie in dem Umfeld in dem ich aufwuchs, ein positiv konnotierter Begriff.

Doch die ehemalige DDR war wichtig und gut für meine Familie. Nur durch die politischen Beziehungen zwischen der DDR und Syrien kamen meine Eltern nach Deutschland, um hier zu studieren. Zwar gab das Studium keine Sicherheit, einen akademischen Job zu bekommen oder überhaupt in Deutschland bleiben zu dürfen, aber mit etwas Glück in der 'Ausländerbehörde' und harter Arbeit im Handel – der boomte besonders kurz nach dem Fall der Mauer – konnte man etwas erreichen.

15 Jahre nach der Wende arbeitete mein Vater bis zu 18 Stunden am Tag. Denn hier, im Osten, war der Handel mit sogenannten exotischen Früchten ein Garant für ein etwas besseres Leben. Was ist das schon für ein besseres Leben, wenn man so viel arbeitet. Meine Mutter hat ihre persönliche Theorie, warum wir bleiben durften: Nach der Wende fehlte es an Fachkräften in Ost-Deutschland. Nach ihrer Ausbildung musste sie für ein Jahr nach Syrien zurückgehen, danach fand sie sehr schnell eine Anstellung im Krankenhaus in Leipzig.

"Wenn du dein Leben lang das Gefühl hast, unten zu sein, freust du dich, wenn es jemanden gibt, auf den du herabblicken kannst, der noch schwächer ist als du."

Im Osten aufzuwachsen, heißt für mich, dass wir trotzdem immer die Ausländer bleiben – egal was wir Migranten beruflich, sozial, wirtschaftlich und privat erreichen. Ich erlebe das auch im Rest Deutschlands, aber nicht so intensiv wie hier.

Das ist eigentlich verwirrend, denn im Osten Deutschlands aufzuwachsen, bedeutet Menschen zu begegnen, die Flucht und Migration verstehen sollten. Bevor die Mauer fiel, wollten viele aus der ehemaligen DDR flüchten, andere wiederum zogen direkt nach der Wende in den Westen. Doch es bedeutet auch, Menschen zu begegnen, die sagen: 'Warum soll ich teilen, was ich hab', ich hab' doch selbst so wenig im Vergleich zu denen da drüben.'

"Ostdeutsche" erfahren bis heute überall in Deutschland aufgrund ihrer Herkunft und ihres Dialekts Diskriminierung. Vor allem hier sollte es ein aufgeschlossenes Verständnis geben. Aber nein, wer ausgegrenzt wird, grenzt eben auch aus. Wenn du dein Leben lang das Gefühl hast, unten zu sein, freust du dich, wenn es jemanden gibt, auf den du herabblicken kannst, der noch schwächer ist als du.

Im Osten Deutschlands zu leben, heißt für mich, einen Tag nach dem Anschlag in Halle auf eine Synagoge und einen Döner-Imbiss durch die Straßen Leipzigs zu laufen und alle Feindseligkeit der Welt zu fühlen. Denn die Angst, dass hier jemand diese Taten gutheißen könnte, ist groß. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit, dass das tatsächlich jemand fühlt, eher gering ist und ich das Vorurteil, alle "Ossis" seien rechts, stark ablehne.

"Spoileralert: Ihr seid kein diverses Team wenn zwei von 20 Menschen BIPoC sind."

Hier leben viel weniger Migrant_innen als im Westen Deutschlands. Das bedeutet auch, dass es sich so anfühlt, als wären viele der Deutschen hier ängstlicher uns gegenüber. Es gab immer Migration in die DDR. Aus Kuba, Vietnam und Syrien. Es kamen Menschen hierher, um zu arbeiten oder Ausbildungen zu machen und danach wieder zu gehen – aber eine ehrliche Integration war seitens der Regierung nicht gewollt. Ein Miteinander wurde in den meisten Fällen nicht angestrebt oder gefördert. Und so koexistierten Deutsche in der DDR mit Gastarbeiter_innen. Das führte dazu, dass einige Menschen hier nicht an kulturelle Vielfalt und kulturellen Austausch glauben. Einfach, weil sie es so nicht kennen.

Hier zu leben, bedeutet oft, tokenisiert zu werden. Das passiert dann, wenn einzelne Menschen aus Migrantischen Minderheiten in Gruppen gepackt werden, um den Eindruck zu erwecken, man wäre besonders inklusiv und vielfältig. Das passiert dann, wenn Unternehmen, Marken oder Gruppen versuchen, Vorwürfen der Diskriminierung zu entgehen. Spoileralert: Ihr seid kein diverses Team wenn zwei von 20 Menschen BIPoC sind.

"Ich glaube vielleicht naiverweise daran, dass sich nur etwas ändern kann, wenn viele von uns hier sind und auch hier bleiben."

Die DDR war, wie wir alle wissen, alles andere als demokratisch. Die Menschen in der DDR lebten täglich mit der Bedrohung von politischer Willkür. So war der Tenor der Gesellschaft: 'Die da oben, die machen eh was sie wollen.' Diesen Tenor, dieses Denken, das fühlt man heute noch. Diese Wut nach oben. Die Opferrolle. Die Ohnmachtsposition, die dazu führt, dass Menschen sich zusammentun und nach rechts, nach links, nach oben, nach unten treten und sich auf einmal mächtig fühlen.

Warum ich trotzdem hier lebe? Der Wohnraum ist bezahlbar. Leipzig hat viel Wald und Wasser. Mensch findet immer einen Parkplatz. Aber was viel wichtiger ist: Ich glaube vielleicht naiverweise daran, dass sich nur etwas ändern kann, wenn viele von uns hier sind und auch hier bleiben. Wenn viele von uns den Diskurs besonders mit den älteren Generationen suchen und aufklären. Meine Schulzeit war beschissen. Ich mag mit ein paar Ausnahmen so gut wie niemanden aus dieser Zeit – mit dem Studium sieht es ähnlich aus. Es sind also keine Kindheitsfreund_innen, die mich hier halten. Die meisten meiner Freund_innen sind mittlerweile eh in Berlin. Was mich hier hält, ist meine Familie. Meine Familie, die sich hier seit 30 Jahren mitten in der Fremde eine Heimat aufgebaut hat.

Helen Fares ist Journalistin, Moderatorin, Podcasterin und Psychologin mit Schwerpunkt Wirtschaft. Sie schreibt als freie Journalistin über gesellschaftspolitische Themen und bespricht diese, neben den Themen Hiphop und Wissenschaft, ebenfalls auf Instagram.

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