boheme und die fantasien der andersartigkeit

Im Jahr 2015 ist der Begriff Boheme vielleicht etwas abgenutzt. Caroline Busta, Chefredakteurin von „Texte zur Kunst“, erklärt vor der Veröffentlichung der neuen Ausgabe am Dienstag, warum sie sich trotzdem diesem Thema angenommen hat.

von i-D Team
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27 Februar 2015, 10:50am

Constant Nieuwenhuys, „Espace en destruction,“ 1972

Ausgabe #97 von Texte zur Kunst steht unter dem Thema „Bohème/Bohemia". Eng verbunden mit dem Begriff Boheme sind Fantasien der Andersartigkeit. Im Jahr 2015 hat sich der Begriff vielleicht etwas abgenutzt. Wir haben uns dennoch dafür entschieden, weil es innerhalb der Kultur immer noch die Tendenz gibt, von einer bohemehaften Zone zu sprechen, man schlägt aus seinem persönlichen Kontext soziales Kapital und erzielt Profit aus den Abweichungen, die in diesem Kontext entstehen.

Mehr noch als ein Aufruf zu Selbstreflexion stellt diese Ausgabe die Frage, wie sich die Wahrnehmung der Boheme vor der Jahrtausendwende in den letzten Jahren verändert hat.

Wie hat zum Beispiel die Verteidigung von geschlossenen Subkulturen Platz für durchlässigere Strukturen geschaffen und wie kann der Mainstream als Ort für Kunst gesehen werden? Stimmt es, dass das Streben des 20. Jahrhunderts nach einem Ausstieg aus der bürgerlich-kapitalistischen Existenz in den letzten Jahren durch Versuche, der Vertreibung aus ihr zu entgehen, ersetzt wurde?

Eckhaus Lattas Spring / Summer 13 

Eine Inspirationsquelle war Eckhaus Lattas Spring / Summer 13 Kollektion. Wie nennt man den Raum, der sich jetzt artikuliert? Es ist nicht „Bohemia", trotzdem gibt es enormen Druck durch die Generation X, irgendwie Boheme in die kulturellen Codes hineinzulesen. Und dennoch sind die Codes vom Mainstream geborgt. Das vermitteln sie sehr gut in ihrer Kollektion und sie machen kein Geheimnis daraus. Wie bringt man diese zwei Welten in Einklang?

Ein anderes Bild, das uns beeinflusst hat, ist dieses pre-Richard Prince @nightcoregirl gram

In der Ausgabe findet man Textbeiträge von Diedrich Diederichsen, Saskia Sassen, Cornelia Koppetsch, Stephan Dillemuth, Philipp Ekardt, Douglas Coupland, Daniel Keller & Ella Plevin, Caroline Busta und Noura Wedell, eine Bildstrecke von der in London lebenden Künstlerin Morag Keil und Ausstellungs-Reviews aus New York, Paris, Berlin, Bonn, München, Wien und Taipei.

Vor der Veröffentlichung am Dienstag, hier ein Auszug aus AM ENDE DER ALTERNATIVEN - Ein Interview mit Cornelia Koppetsch, in dem die in Berlin lebende Soziologin Koppetsch erklärt, auf welche Weise sich unsere Gesellschaft in den letzten Jahren geändert hat, so dass das Außenseitertum sein Romantisierungspotenzial verloren hat: 

In Ihrem Buch „Die Wiederkehr der Konformität" beschreiben Sie, wie heute Ängste vor sozialem Abstieg die Mitte der Gesellschaft in Deutschland wieder attraktiver erscheinen lassen: Ein Leben im Einklang mit den Werten und Normen, doch vor allem den Sicherheiten der Mittelschicht, scheint zum neuen Ideal geworden zu sein. In dieser Ausgabe von Texte zur Kunst betrachten wir einen Sehnsuchtsort, der gewissermaßen die andere Seite der Medaille darstellt: Ob man heute noch von einer realgesellschaftlichen Bohème sprechen kann, ist fraglich, als Fiktion oder romantisierte Vorstellung lebt sie nach wie vor weiter. Wie lassen sich aus Ihrer Sicht diese beiden Sphären zueinander ins Verhältnis setzen? Was hat sich verändert?
Im Vergleich zu den 70er oder 80er Jahren gibt es definitiv Unterschiede in den kulturellen Szenen. [...] Das hat verschiedene Ursachen, die mit der Kommerzialisierung zu tun haben, aber auch mit Kulturförderung und Stadtmarketing. Häufig wird das Kunst- und Kulturschaffen heute weniger als Ausdruck einer Szeneidentität oder einer kollektiven Identität verstanden, sondern man geht professionell damit um, um in diesen Feldern Karriere zu machen.

Ist dies nicht auch einfach eine stärkere Verzahnung? In der das Kunstschaffen sowohl Teil eines Lebensentwurfs ist, man sowohl Teil einer Szene ist, dies aber gleichzeitig auch auf finanziellen Erfolg ausgerichtet und auf den Wunsch, davon leben zu können?
[...] In Berlin habe ich beobachtet, dass oft auch eine Art Anbindung oder Status vorgetäuscht wird - eine Mimikry-Existenz geführt wird von Leuten, die von ihrer Kunst, Kultur oder Wissenschaft nicht leben können. Vor 20 Jahren wäre es nicht notwendig gewesen, das vorzutäuschen; da konnte man das ganz offen zugeben. Und auch wenn man geerbt hat oder von den Eltern unterstützt wird, wird das heute tendenziell verheimlicht, weil es peinlich wäre, zuzugeben, dass man von seiner Tätigkeit nicht leben kann. Man täuscht nach außen Normalität vor, fingiert eine Scheinexistenz, was ein interessantes sozialwissenschaftliches Phänomen ist. Ansatzweise haben wir das in unserem Projekt („Wenn der Mann kein Ernährer mehr ist", mit meiner Kollegin Sarah Speck) entdeckt. In dem Projekt haben wir heterosexuelle Paarbeziehungen, bei denen die Frau die Haupterwerbstätige ist, auf ihre Geschlechterrollen hin untersucht. Im akademisch-individualisierten Milieu fanden wir trotz des Anspruchs auf Gleichberechtigung eine klare Rollendifferenzierung: Die Frauen verdienen nicht nur den gemeinsamen Lebensunterhalt, sondern sind verantwortlich auch für die Hausarbeit und die Kindererziehung. Die Männer verdienen zwar kein Geld, beharren aber auf ihrer Identität als Künstler oder Wissenschaftler, der sie ihre ganze Zeit widmen und von der sie behaupten, dass sich diese in naher Zukunft auch wirtschaftlich einlösen wird. Das spricht ja schon dafür, dass es so etwas wie eine Bohème-Existenz gibt, zumindest für Männer - also, zugespitzt gesagt, jenseits jeglicher Verantwortlichkeit ein Leben zu führen auf den guten Glauben hin, man wäre ein künstlerisches oder intellektuelles Genie. Andererseits resultieren daraus wiederum emotionale Probleme, Depressionen.

Ich finde es jedenfalls erstaunlich, aber gleichzeitig kennzeichnend für diese Gesellschaft, dass es keine Verliererkultur mehr gibt, wie Heinz Bude einmal gesagt hat. Es gibt also nicht nur die Bohème nicht mehr, es gibt auch keine kollektive Selbstverständigung mehr über die Frage, wo man hingeht, wenn man in dieser Gesellschaft durchs Gulliraster gefallen ist. Keinen Ort, wo man mir auf die Schulter klopft und sagt: Es ist nicht dein Problem, sondern du hast einfach Pech gehabt, oder es ist eine schwierige Zeit, und wir nehmen dich hier auf und versuchen, etwas für dich zu tun. Wie früher die Sozialdemokratie oder eigentlich auch wie die Kirche. Der erste Reflex, den ich in meinen professionellen Befragungen oder auch privat immer wieder mitbekomme, ist, dass nach den Fehlentscheidungen des Individuums gefragt wird. Wenn es Leuten gerade in der Großstadt dreckig geht, können sie teilweise nicht einmal ihre eigenen Freunde um Unterstützung bitten, sozialmoralisch oder vielleicht auch materiell. Und das zeigt sich sicherlich auch in den Künstlermilieus: dass man die Anbindung oder den Erfolg fingieren muss, damit man überhaupt noch eine Chance hat, den Kopf über Wasser zu halten und nicht ganz abgehängt zu werden.

Und andererseits wird immer noch dieses Bild vom „armen Künstler" fetischisiert, als Relikt. Es kommt hier natürlich stark auf die Szene an, aber in vielen Feldern hat man doch den Eindruck, dass der Künstler eigentlich nicht mehr arm sein darf, zumindest gewisse Status- bzw. Zugehörigkeitssymbole wie Mode, das neueste Smartphone etc. unverzichtbar sind.
Genau. Das ist ein Widerspruch, eine Romantisierung und gleichzeitig eine Ausgrenzung.

Texte zur Kunst No. 97 „Bohème/Bohemia" ist ab dem 3. März erhältlich. 

Credits


Vorwort: Caroline Busta
Text: Auszug aus AM ENDE DER ALTERNATIVEN - Ein Interview mit Cornelia Koppetsch von Hanna Magauer
Foto: 
Constant Nieuwenhuys, Espace en destruction,1972 über Mark Wigley, „Constant's New Babylon. The Hyper-Architecture of Desire,"(Witte de With, Rotterdam, 1998)
Eckhaus Latta Spring / Summer 13 via Eckhaus Latta 
Pre-Richard Prince @nightcoregirl gram via Texte zur Kunst 

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