Anzeige

wir brauchen utopien – und zwar für die gegenwart

Dieses Wochenende findet in Berlin das Gallery Weekend statt. Die ganze Woche über werden wir euch auf i-D Gallerien und Ausstellungen vorstellen, die ihr nicht verpassen solltet. Für den Anfang haben wir Paula Stuckatz, Mitglied des Realismus Clubs...

von i-D Team
|
27 April 2015, 1:10pm

Mittendrin, fest, starr, scheinbar unverrückbar und unerschütterlich - so besetzen sie ihren Platz im Zentrum der Bilder Iman Issas: ein golden glänzender Bus Stop unter Palmen, ein weiß schimmernder Kiosk in einem gekachelten Durchgang, eine schillernde Platform auf dem Rasen einer Gartenanlage oder ein überdimensionaler, funkelnder Tower inmitten einer urbanen Landschaft.

Iman Issa, Bus Station, 2004 aus der Serie  „Meeting Point", Urheberschaft: Iman Issa und Rodeo, Istanbul/London 

In ihrer Hyperpräsenz sind es nicht nur die funkelnden Oberflächen dieser Architekturen, welche den Blick der Betrachter bannen. Darüber hinaus behaupten die Bauten zugleich eine merkwürdige, irritierende Form widerspenstigen Selbstbewusstseins gegenüber ihrem jeweiligen Umfeld: als hätten sie sich ungefragt, aber mit voller Wucht buchstäblich b-r-e-i-t gemacht in den geordnet wirkenden, menschenleeren Umgebungen, die zweifellos von Menschenhand erschaffen worden sind. Gegen diese unbelebten, zivilisatorischen Biotope heben jene funkelnden Bauten sich in ihrer avatar-artigen Künstlichkeit rigoros ab. Der Titel der vierteiligen Bildserie weist sie als „Meeting Points" (2004) aus. Treffpunkte - doch sind weit und breit keine Personen in Sicht, die diese in Anspruch nehmen könnten. Bedeuten sie insofern eher bauliche Formatvorschläge, die noch offen sind in Bezug auf ihre letztendliche Nutzung?

Sich zu treffen, ob nun zuvor gezielt verabredet oder rein zufällig, ist ein alltäglicher Vorgang - die architektonische Umgebung, in der dies geschieht, ist dem Ereignis in der Regel vorgängig. Sie besteht bereits und empfängt, sie gefällt oder auch nicht, wird aber so gut wie nie grundlegend in Frage gestellt und in den seltensten Fällen im Vorfeld überhaupt in ernsthafter Rückkopplung an die sie später Nutzenden konzipiert. Mit ihren „Meeting Points" interveniert die ägyptische Künstlerin Iman Issa in diese Vorgängigkeit und macht noch nicht besetzte Leerstellen offenbar, die sie gleichsam bereits sehr konkret ausformt und gestaltet. Indem ihre baulichen Angebote sich nicht unauffällig in die jeweilige Umgebung einfügen, sondern betont aus ihr hervorstechen, erscheinen sie trotz ihrer Bestimmtheit als schillernde Möglichkeiten: als konkrete Möglichkeitsausformungen.

Iman Issas „Meeting Points" zählen zum Kreis künstlerischer Positionen, die der Realismus Club für die Gruppenausstellung „Konkrete Utopie", welches in Form eben jener Ausstellung konkretisiert wird: ein altes Postgebäude, das für die temporäre Kunstschau eine Zwischennutzung erfährt. Nichts Dauerhaftes also, keine langfristige Perspektive oder gar Institutionalisierung, die droht. Stattdessen zeitlich begrenzte Experimentierfreude und Multiperspektivität. An einer denkmalgeschützten Tankstelle aus rotem Ziegelstein vorbei, geht es über eine kleine Treppe in die weitläufige Unterwelt dieser ehemaligen Tankstelle und mitten hinein nicht in eine, sondern eine Vielzahl konkreter Utopien. Dort treffen nicht nur diverse künstlerische Positionen aufeinander, sondern sollen sich durch diese auch verschiedene Meeting Points mit und zwischen den Besuchern ergeben.

Die Konzeption und Zusammenstellung der Schau erfolgten entsprechend des Titels in Auseinandersetzung mit Ernst Blochs Gedanken zur Konkreten Utopie. Bloch prägte diesen Begriff in den 1920er Jahren und grenzte ihn sowohl von der romantischen Utopie und deren tragischer Unerfüllbarkeit auf der einen als auch der groß angelegten klassischen politischen Utopie auf der anderen Seite ab. Unter der Bezeichnung „Konkrete Utopie" verhandelte der Philosoph stattdessen kleinere, alltägliche, in gewisser Weise also bescheidenere, aber vielleicht gerade deshalb auch realistischere Utopien. Realistisch im Sinne einer Idee oder Vorstellung von Möglichem, die tatsächlich machbar, umsetzbar und damit anschlussfähig an bereits Gegebenes ist. Folglich sind derartige Utopien als Latenz im Gegenwärtigen schon angelegt, in einem Spannungsfeld zwischen „noch-nicht-realisiert" und „aber-möglich", in einer Art Transitraum von Potenzialität zu Aktualität.

Im Gegensatz zu Haltungen, die sich an Margaret Thatchers berühmt-berüchtigtem, gestrengem TINA-Prinzip („There Is No Alternative.") orientieren, ermutigt der Realismus Club mit seiner Ausstellung vielmehr zu einem facettenreichen und durchaus auch humorvollen Spiel der Möglichkeiten. Die gezeigten künstlerischen Positionen eint dabei der Wille, von alltäglichen Strukturen, zumeist im urbanen Kontext, ausgehend diese Gegebenheiten in neue, alternative Realitäten zu überführen. Dieses Unterfangen weist jedoch jeglichen Anspruch auf eine „Erfolgsgarantie" ausdrücklich von sich und kalkuliert die Option des Scheiterns stets mit ein. Realität wird so im umfassenderen Sinne grundsätzlich beweglich gehalten und als bewusst gestalt- bzw. veränderbar verstanden.

In Anlehnung an Bloch ist diese Sicht auf künstlerisch-schöpferische Handlungspotenziale eine essenziell hoffnungsvolle. So scheint es auch kein Zufall, dass der Aspekt des Lichts die präsentierte Bildserie Iman Issas mit der ebenfalls gezeigten Videoarbeit „Eclipse" (2011) des Künstlerduos Wermke/Leinkauf verbindet: im ersten Falle in der Variante schimmerig-glitzernder Lichtreflexe an der Oberfläche von Issas „Meeting Points", im zweiten Fall als atmosphärisch dichte und eindringliche Inszenierung des sprichwörtlichen Lichts am Ende des Tunnels.

Auffällig an der Arbeit des Künstlerduos Wermke/Leinauf ist, dass der anfangs noch weit entfernte kleine Lichtpunkt, den zunächst keine differenzierbare Architektur, sondern bloße, undurchdringliche Dunkelheit umgibt, den Betrachter gemächlich entgegenkommt. Im Zuge dessen erleuchtet das Licht den Tunnel zusehends und lässt ihn in seinen Begrenzungen klarer zum Vorschein treten. Auf die gesamte Ausstellung übertragen, kann diese demgemäß auch als Einladung des Realismus Club aufgefasst werden, die verschiedenen Positionen internationaler Künstlerinnen und Künstler auf sich zukommen und wirken zu lassen. In dieser besonderen Zusammenkunft liegt dann in Erinnerung an Ernst Bloch und mit einem Seitenblick auf Iman Issa eine kleine, große Hoffnung: einen Treffpunkt vielfältiger konkreter Utopien zu schaffen und darüber letztlich gemeinsam mit den Besucher realistische Handlungsoptionen auszuloten.

Konkrete Utopien, eine Ausstellung des Realismus Club, vom 2. Mai bis 13. Juni in der Alten Post, Hauptstr. 29, Berlin-Schöneberg

@konkreteutopien

Credits


Text: Paula Stuckatz
Foto: Wermke/Leinkauf, Eclipse, 2011, Courtesy the artists und VG Bild/Kunst

Tagged:
Kultur
Meinung
Ausstellung
Ankündigung
Utopien
gallery weekend berlin
gallery weekend
realismus club