Sian Davey fotografiert Teenager und ihre erste große Liebe

Die britische Fotografin fängt junge Menschen in ihren ersten Beziehungen ein. Wir haben mit ihr über die verliebten Kids gesprochen.

von Alice Newell-Hanson
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27 September 2016, 8:06am

Sian Davey ist von diesem kleinen Zeitfenster zwischen dem Moment, in dem man als Jugendlicher realisiert, dass man eigentlich nicht mehr tun muss, was einem die Eltern vorschreiben, und der Entscheidung, dass man sich langsam vielleicht doch lieber zusammen reißen sollte, fasziniert. "Du hast den Eindruck, als seien die Jugendlichen völlig losgelöst und frei", sagt sie. "Du hast als Teeanger keine wirklichen Verantwortungen. Du kannst dich besaufen und auf die Straße kotzen, wenn du gerade Lust hast." Die meisten ihrer Motive sind in genau diesen späten Teenager-Jahren.


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In ihrer neuesten Fotoreihe "Martha" dokumentiert sie ihre Stieftochter – wie sie durch Felder streift, sich zum Ausgehen fertig macht oder ins sanfte Licht der Morgensonne getaucht wird – auf Fotos, die sich sowohl auf magische und alltägliche Weise sehr britisch anfühlen, gleichzeitig aber wie ein universelles Porträt dieser verwirrenden Übergangszeit anmuten. Zwei Fotos aus dieser Reihe wurden gerade für die renommierte Taylor-Wessing-Portrait-Prize-Ausstellung ausgewählt und werden diesen November in der Londoner Nationalgalerie zu sehen sein. Im vergangenen Jahr schaffte es ein Bild aus Daveys früherem Projekt "Looking for Alice" ebenso in die engere Auswahl. In dieser Reihe dokumentierte sie die frühen Jahre mit ihrer jüngsten Tochter Alice, die das Down-Syndrom hat, und auch ihre eigenen Erfahrungen als ihre Mutter.

Doch es waren Daveys Sohn Luke und seine damalige Freundin Amy, die die Fotografin zu ihrer längsten Reihe, "First Love", inspiriert haben. Ein Foto des jungen Pärchens zählt zu den allerersten Bildern, die Davey gemacht hat, als sie begann, mit ihrer Kamera zu experimentieren. Seitdem hat sie über 20 Pärchen "im Bann" der ersten Liebe fotografiert. Davey hat sich mit i-D in einem Telefongespräch über ihre eigenen Erinnerungen an die erste Liebe und darüber, wie ihr früherer Beruf als Psychotherapeutin ihr beim Fotografieren hilft, unterhalten.

Wie ist es zu dieser Fotoreihe gekommen?
Sie hat nicht wirklich als Reihe begonnen. Ich hatte einfach damit angefangen, meinen Sohn mit seiner Freundin zu fotografieren, was mein Interesse an Fotografie erst entfachte. Ich nutzte es also als Mittel, um die Fotografie als erzählerische Form zu verstehen. Ich hatte gerade erst begonnen, zu fotografieren und unterschiedliche Dinge mit der Kamera auszuprobieren. Auf gewisse Weise verlor ich mich in ihnen. Die Fotos dieser ersten Liebe hatten etwas an sich, das mich tief berührte. Das Gefühl ist so stark, schmerzhaft und nichts scheint unmöglich. Es gibt keine Grenzen und man fühlt sich unsterblich.

Hat es dich an deine erste Liebe erinnert?
Nein, [meine erste Liebe] war schrecklich und hoffnungslos! Vielleicht lag es daran. Ich beschäftigte mich mit etwas, dass ich selbst nicht erlebt hatte. Nicht auf voyeuristische Weise. Mir wurde bei den Fotos nur dieses Gefühl so extrem bewusst. Für manche Leute ist die erste Liebe schmerzhaft. Man macht sich extrem verletzbar und oft endet es in einer Katastrophe.

Sind die beiden immer noch zusammen?
Nein. Es gibt nur etwa zwei Pärchen aus der Reihe, die auch jetzt noch zusammen sind. Aber ich denke, dass das zu erwarten ist, wenn man erst 16 oder 17 ist.

Wie hast du die anderen Pärchen kennengelernt?
Viele davon sind Freunde meiner Kinder. Am Anfang wollte ich einfach nur Fotos schießen, also habe ich die ganze Zeit wie verzweifelt nach neuen Motiven gesucht. Es ist definitiv das schwierigste Projekt. Jedes Foto war ein echter Kampf. Es sind nämlich echte Beziehungen. Um diese zwei jungen Menschen abzulichten, lade ich mich selbst in eine Welt ein, die eigentlich nicht für Erwachsene gedacht ist, das ist also die erste Hürde. Dann kann ich die Jugendlichen auch nicht unter der Woche fotografieren, weil sie in der Schule sind. Am Wochenende wiederum trinken sie sich alle fast bewusstlos und wollen natürlich am nächsten Morgen ihre Ruhe. Und weil ich nur bei Tageslicht fotografiere, gibt es nur selten die Gelegenheit, innen zu shooten. Hier, wo ich wohne, scheint die Sonne nicht so oft. Bis wir uns also mal für einen Termin verabreden konnten, war es oft auch schon zwischen den beiden vorbei. Für mich war es aber jedes Mal sehr außergewöhnlich, für kurze Zeit ein Teil dieser besonderen Welt zu werden.

Auf den Bildern sehen alle so entspannt aus. Man würde nicht auf die Idee kommen, dass es so kompliziert war.
Es war harte Arbeit, dieses Ergebnis zu erreichen. Aber dafür durfte ich mit ihnen abhängen. Normalerweise hat ein Shooting etwa ein, zwei Stunden gedauert. Wir versuchten, miteinander warm genug zu werden, um zusammenzuarbeiten. Ich habe davor viele Jahre als Psychotherapeutin gearbeitet, ich bin also ganz gut darin, Leute dazu zu bringen, mir zu vertrauen und sich in meiner Gegenwart wohl zu fühlen.

Gibt es deiner Meinung nach Ähnlichkeiten zwischen den Eigenschaften, die einen guten Fotografen und einen guten Therapeuten ausmachen?
Ich denke, es gibt eine wichtige Eigenschaft, die ein Porträt-Fotograf mitbringen sollte: er muss Menschen mögen. Man muss wissen wollen, was in ihnen vorgeht. Ich war schon immer von Natur aus neugierig. Die Psychotherapie hat mir einen Einblick in das menschliche emotionale Innenleben gegeben, ich weiß also, wie ich mit inneren Grenzen umgehen und wo in ihrem Beziehungsumfeld ich mich positionieren muss. Die Grundidee ist, dass die Pärchen so sein können, wie sie sind, und nicht so, wie sie denken, dass ich sie gerne darstellen würde.

Hattest du das Gefühl, dass sie manchmal eine Art Fassade errichten wollten? Und falls ja, hast du versucht, diese abzubauen?
Ja, aber ich kann das nur bis zu einem gewissen Punkt machen. Sie haben alle ein bestimmtes Selbstverständnis und eine Vorstellung darüber, wie sie gesehen werden wollen. Die Mädchen wollen für ihr Profil ein perfektes Foto mit ihrem Freund. Und das ist auch wichtig. Man kann versuchen, das abzubauen, aber das ist heute eben Teil der Welt der Jugendlichen. Fast jedes junge Mädchen möchte so gut wie möglich aussehen und gesehen werden. Manche wurden richtig sauer, weil ihr Freund sich nicht so liebevoll verhielt, wie man es von einem archetypischen, perfekten ersten Freund vielleicht erwarten würde. Ich habe für alle sehr großen Respekt, schon alleine deswegen, weil sie mich überhaupt in ihr Zimmer gelassen haben. Manche Jungs hatten bei den Shootings Spaß, andere hingegen sahen aus, als würde man sie bei lebendigem Leib häuten.

Was für eine Geschichte sollen die Fotos als Fotoreihe erzählen?
Ich habe da keine bestimmte Vorstellung. Ich hoffe, dass jedes einzelne Foto seine eigene Geschichte erzählt. Aber wenn sie eine Botschaft vermitteln sollen, hoffe ich, dass sie dieses Gefühl der tiefen, unsterblichen ersten Liebe vermitteln.

Deine Motive werden für immer eine wunderschöne Erinnerung an ihre erste Liebe haben. Aber irgendwann in der Zukunft könnte das gleiche Foto sie auch sehr traurig machen.
Genau. Einmal sprach mich jemand an und sagte zu mir: „Das war mal meine Freundin. Meine Freundin ist jetzt mit jemand anderem auf diesem Foto." Es gab auch zwei schwule Pärchen in der Fotoreihe. Einer der Jungs hat sich seiner Familie gegenüber nicht geoutet. Das Bild ist drei, vier Jahre alt, also habe ich ihn gefragt, ob es in Ordnung wäre, wenn es veröffentlicht wird. Und er meinte daraufhin nur „Aber ich sehe darauf so gut aus", oder etwas ähnliches—es war ihm egal. Er wollte einfach gesehen und als schön befunden werden.

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