chris niedenthal durfte als einer der wenigen vor der wende in osteuropa fotografieren

Und hat damit ein einmaliges Zeitdokument geschaffen.

von Florian Sturm
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26 Juli 2017, 10:30am

"Ich wollte die Dinge, die sich vor meinen Augen abspielten, so einfach, ehrlich und ungeschminkt dokumentieren wie möglich", sagt Chris Niedenthal. Der 1950 in London geborene Fotojournalist war lange Zeit der erste und einzige akkreditierte Fotograf, der in der ehemaligen Sowjetunion für westliche Medien arbeitete. Nach einem Studium am London College of Printing kehrte er 1973 in das Heimatland seiner Eltern zurück. Seine zahlreichen Fotoreportagen — beispielsweise von der ersten Pilgerreise Papst Johannes Paul II. durch Polen (1979), vom Streik in der Danziger Werft (1980) und dem Fall der Berliner Mauer (1989) — gehören zu den wichtigsten Fotoreportagen aus der Zeit des Kalten Krieges. Sie wurden in Magazinen wie Der Spiegel, Newsweek oder Time gedruckt. 1986 erhielt Niedenthal die Auszeichnung für das World Press Photo of the Year.

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Glück und Intuition hätten gerade in politisch heiklen Zeiten eine wichtige Rolle bei seiner Arbeit gespielt, sagt er. So konnte er nur wegen eines Behördenfehlers der DDR die Leipziger Montagsdemonstration fotografieren. All seine Kollegen mussten unmittelbar nach den Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR wieder abreisen. Und als die Berliner Mauer am 9. November 1989 zu fallen begann, hatte er für den nächsten Tag bereits ein Flugticket nach Schönefeld in der Tasche und konnte sofort im Zentrum des Geschehens fotografieren: "Ich hatte es auf Verdacht schon Wochen vorher gekauft. Für den Fall der Fälle." 

Niemand sonst erlebte die letzten Monate vor dem Ende der Sowjetunion so nah wie der britisch-polnische Fotojournalist. Nun hat er den Bildband 1989 veröffentlicht, in dem er seine wichtigsten Bilder aus dem Wendejahr zusammenfasst.

November 1989, Berlin: Endlich können DDR-Bürger am berühmten Checkpoint Charlie ohne Probleme von Ost- nach Westdeutschland reisen.

Ihre ersten Fotos aus Polen stammen aus 1973, Ihr neues Buch 1989 zeigt die letzten Atemzüge und den Fall des Kommunismus in Osteuropa. Bedeutete der Fall des Eisernen Vorhangs auch einen Perspektivwechsel, wie Sie Polen danach fotografiert haben?
Ja, da gab es definitiv einen Wandel. Ich hatte mein ganzes Berufsleben damit verbracht, erst den Kommunismus, dann den Kampf dagegen und schließlich dessen Untergang zu dokumentieren. Alles, was danach kam, war verglichen dazu irgendwie ernüchternd. Ich musste plötzlich ganz andere Geschichten fotografieren und war damit nicht sonderlich glücklich. Für mich folgten zahlreiche Phönix-aus-der-Asche-Geschichten, also Porträts von normalen Leuten, die plötzlich erfolgreiche Geschäftsleute wurden, indem sie Waren aus dem Westen importierten und von Campingliegen auf den Straßen von Polen verkauften. Durchaus interessant, aber eben nicht dauerhaft.

Sie waren vermutlich der erste (und lange Zeit einzige) akkreditierte Fotojournalist, der Mitte der 1970er Jahre in Osteuropa arbeitete. Die Behörden müssen Sie doch für einen Spion der Westmächte gehalten haben, oder? Wie hat das Ihre Arbeit in der Sowjetunion beeinflusst?
Ich glaube, ich war tatsächlich der erste westliche Fotojournalist in Polen. Mir war natürlich bewusst, dass die Behörden ein reges Interesse an meiner Person hatten und sich fragten, ob ich ein westlicher Spion war. Das ergibt auch ein Blick in die meine Akte des KGB.

Wenn Sie beschattet wurden, wie ist es Ihnen gelungen, Ihre Bilder an Spiegel, Newsweek, Time etc. weiterzuleiten?
Die Fotos zu schmuggeln, war nur im Dezember 1981 nötig, als in Polen das Kriegsrecht eingeführt wurde. Ansonsten war es als akkreditierter Journalist mit dem nötigen Papierkram kein Problem, die Bilder per Luftpost nach New York oder Hamburg zu schicken. Meine größte Schmuggelaktion erlebte ich in den ersten Tagen nach Einführung des Kriegsrechts am 13. Dezember 1981. Polen war damals quasi von der Außenwelt abgeschottet. Nachdem ich die ersten drei Tage heimlich fotografiert hatte — es war verboten, mit der Kamera auf der Straße unterwegs zu sein —, fand ich zum Glück einen Studenten aus Westberlin, der mir helfen wollte. Ich konnte das Land ja nicht verlassen. In Berlin angekommen, kontaktierte er das Bonner Büro von Newsweek, dessen Redakteure die Filme abholten.

10. November 1989, Westberlin: Brandenburger Tor. Der Anfang vom Ende der Berliner Mauer.

Wenn wir uns die politischen Entwicklungen der letzten Monate und Jahre — nicht nur in Polen und den USA — anschauen, inwieweit haben die Fotos in Ihrem neuen Bildband an Gewicht oder gar zusätzlichen Bedeutungsebenen gewonnen?
Ich würde mir wünschen, dass die Fotos von 1989 einige Menschen erinnern und andere lehren, was in diesem außergewöhnlichen Jahr geschehen ist. Es war ein Jahr, in dem Mauern eingerissen wurden, während wir sie aktuell an vielen Stellen wiederaufbauen. Damals war das Ziel, ein geteiltes Europa zu einen. Vielleicht war das Wunschdenken, aber die Leute haben ihre Sache 1989 ziemlich gut gemacht.

Was waren für Sie persönlich die denkwürdigsten Geschichten 1989?
So wichtig die Entwicklungen in Polen auch waren, in Deutschland fühlte sich alles deutlich präsenter an. Da gab es diese riesige Betonmauer in Berlin. Für viele Jahre eine unüberwindbare Hürde. Und plötzlich beginnen die Leute, sie niederzureißen und einfach auf die andere Seite zu gehen. Für mich war das der euphorischste und symbolischste Moment des Jahres.

Merkt man als Fotojournalist, dass sich vor der eigenen Linse gerade Historisches abspielt?
Um ehrlich zu sein, wird mir das erst jetzt richtig klar. Natürlich war mir bewusst, dass ich wichtige Entwicklungen dokumentierte. Die tatsächliche Tragweite erschließt sich einem jedoch immer erst hinterher. Ich bin also nicht morgens aufgewacht und dachte: Heute wird Historisches passieren und ich muss unbedingt dabei sein!

Oktober 1989, Ostberlin: Ostdeutsche Soldaten bereiten sich auf die Ankunft zahlreicher Gäste anlässlich des 40. Jahrestages der DDR vor.

Glauben Sie, dass Bilder die Kraft haben, Politik tatsächlich zu verändern?
In meinen Augen ist es ein Fehler zu denken, die Arbeit von Fotojournalisten könne die Politik beeinflussen. In Einzelfällen gelingt es den Fotografen vielleicht, Grausamkeiten, die meist sehr weit weg geschehen, in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. Viel wichtiger ist jedoch, dass solche Bilder die öffentliche Meinung formen können und die Gesellschaft dann Veränderung von den Politikern fordert. Bilder können lauter sein als Worte und haben demnach auch einen gewissen Einfluss. Das ist ein Anfang.

Wie hat Ihre Arbeit als Fotojournalist Ihren Blick auf das Leben generell verändert?
Hätte ich vor meiner Karriere als Fotojournalist in einem anderen Beruf gearbeitet, würde ich vielleicht eine Veränderung sehen. Eines ist mir durch meinen Beruf jedoch klar geworden - dass wir alle gleich sind, egal ob wir Briten, Polen, Albaner oder Franzosen sind. Natürlich haben wir alle unsere (Meinungs-)Verschiedenheiten, doch im Grunde sind wir die gleichen Menschen, ganz egal wo auf der Welt.

8. Juni 1989, Warschau (Polen): Zahlreiche junge Menschen protestieren vor der chinesischen Botschaft gegen das Tian'anmen-Massaker — die gewaltsame Niederschlagung einer von Studenten gestarteten Demokratiebewegung —, das in Peking am gleichen Tag stattfand wie die polnischen Wahlen.

November 1989, Ostberlin: An der Grenze des geteilten Deutschlands.

 6. November 1989, Schirnding: DDR-Flüchtlinge auf dem Weg von der Tschechoslowakei nach Westdeutschland.

Credits


Text: Florian Sturm
Fotos: Chris Niedenthal
Titelfoto: 10. bis 11. September 1989, Mitternacht. Der ungarisch-österreichische Grenzübergang zwischen Hegyeshalom und Nickelsdorf. Die ersten DDR-Flüchtlinge, die zuvor die Botschaft der BRD in Budapest besetzt hatten, betreten österreichischen Boden. In den Händen halten sie westdeutsche Reisepässe.

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