Jacques de Bascher posing for his brother Xavier de Bascher. Photo courtesy of Xavier de Bascher

Die skandalöse Geschichte des Jacques de Bascher, Karl Lagerfelds Ex-Freund

Eine neue Biographie wirft Licht auf den Mann, der Yves Saint Laurent, Karl Lagerfeld und viele andere namhafte Pariser verführt hat.

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08 Juni 2017, 2:50pm

Jacques de Bascher posing for his brother Xavier de Bascher. Photo courtesy of Xavier de Bascher

Im Jahr 2008 ist zusammen mit der Veröffentlichung des Buches Beautiful People von Alicia Drake – einer beeindruckenden Geschichte über vier Jahrzehnte der Pariser Modewelt und den Aufstieg von Karl Lagerfeld und Yves Saint Laurent – eine vergessene Figur mit Engelsgesicht aus der Vergessenheit auferstanden – Jacques de Bascher. Dieser erhabene, unwiderstehliche Dandy war 18 Jahre lang Karl Lagerfelds Lebenspartner, und sein dekadenter Lebensstil sollte seine größte Errungenschaft sein. Er war ein perverser, dunkler Engel, der Yves Saint Laurent verführt und somit den Zorn von Pierre Bergé auf sich gezogen und zur Kluft zwischen den Lagerfeld- und Saint-Laurent-Clans geführt hat. Mit ihm ist die Ära des unvorstellbaren Exzess' gestorben, der die 70er und frühen 80er Jahre geprägt hat – eine vergangene Zeit, die dennoch Teil der Modegeschichte ist, und über der Jacques de Bascher, der sagenhafte Gigolo, wie ein böses Omen lauert.

Und genau er ist der Charakter, mit dem sich die Journalistin Marie Ottavi in ihrem neuen Buch, das in Frankreich veröffentlicht wurde, genauer beschäftigen wollte. Biopics wie Jalil Lesperts Yves Saint Laurent und Bertrand Bonellos Saint Laurent haben de Baschers Person überzeichnet, deswegen wollte Ottavi neues Licht auf ihn werfen. Sie hat diejenigen, die ihn gekannt und mit ihm verkehrt haben, interviewt und somit das am besten gehütete Geheimnis der Pariser Modewelt gelüftet – und die Biographie eines verabscheuungswürdigen und gleichzeitig unwiderstehlichen Charakters nachgezeichnet, dessen Leben vom Hedonismus und von mangelndem Ehrgeiz geprägt war.


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Ein allgegenwärtiger Geist
Was, wenn Jacques de Bascher nie existiert hätte? Was, wenn er am Ende nur ein fiktiver Held, eine Kreuzung zwischen einem Proust'schen Dandy, einem Fashion-Socialite und Zeugen einer vergangenen Ära gewesen ist – kurz gesagt, ein Geist? Das ist die Theorie, die Marie Ottavi in Betracht zieht: "Wie erzählt man die Geschichte einer Person, die keinerlei Spuren hinterlassen hat, die nichts mit ihrem Leben angefangen, nichts erschaffen hat? Es war eine spannende Herausforderung. Erstens, weil mir zu Beginn alle gesagt haben, dass sich aus Angst vor den Reaktionen von Karl Lagerfeld oder Pierre Bergé niemand mit mir über ihn unterhalten würde, und zweitens, weil ich damit einem Charakter Tiefe verleihen musste, der der Meinung vieler Leute nach gar keine hatte. Ich erinnere mich noch daran, wie mich jemand fragte: Warum willst du dir die Mühe machen und ein Buch schreiben, das wahrscheinlich nur von 200 Schwulen in Paris gelesen wird? Dieser Kommentar hat mich den gesamten Schreibprozess über begleitet. Ich habe mir selbst gesagt, dass ich dieses Buch nicht schreibe, um soundsoviele Stück davon zu verkaufen, sondern um die Geschichte dieses Mannes zu erzählen. Und um zu beweisen, dass diese Geschichte mehr Leute interessieren wird, als man zunächst vielleicht vermuten würde.

Ein unwiderstehliches Sexsymbol
"Er war der eleganteste Franzose, den ich je gekannt habe", erinnert sich Karl Lagerfeld in dem Buch. Zum allerersten Mal hat sich Lagerfeld dazu bereit erklärt, eingehend über den Mann zu sprechen, der sein Partner und die einzige Liebe seines Lebens gewesen ist. "Jacques de Bascher als junger Mann, das war ein Teufel mit dem Gesicht von Garbo [...]. Er hat sich anders als alle anderen gekleidet; er war allen um Welten voraus. Er hat mich öfters als alle anderen zum Lachen gebracht. Er war das genaue Gegenteil von mir. Gleichzeitig war er aber auch unmöglich und verabscheuungswürdig. Er war perfekt. Er hat schreckliche Eifersuchtsdramen ausgelöst." In seiner Jugend, nachdem er einen seiner Lehrer verführt hatte, ist de Bascher klar geworden, dass sein Auftreten und seine Schönheit, die sowohl Frauen als auch Männern den Kopf verdrehte, ihm in einer Welt, in der Perfektion gefeiert wurde, als wertvolle Waffe dienen würden. Dieses Kapital würde ihm all die Türen öffnen, die ihm andernfalls verwehrt geblieben wären. "Als er feststellte, dass er eine gewisse Macht über andere Leute hatte", erklärt Ottavi, "hat er eine Chance für sich erkannt, und wusste, dass er dank seiner Persönlichkeit und Schönheit immer erfolgreich durchs Leben gehen würde."

Ein welterfahrener Jäger
Der schöne, junge, kultivierte, intelligente, wohlerzogene und gut gekleidete de Bascher – der seinen adretten Look irgendwann gegen eine äußerst elegante Garderobe eingetauscht hat – konnte sich inmitten der damaligen frivolen, reichen und schicken Elite schnell einen Namen machen. In den 1970er Jahren konnte man ihn oft im Café de Flora antreffen, einem Hotspot der damaligen Intellektuellen und dem Treffpunkt der Gigolos, oder im 7, einem Schwulenclub in der Rue Sainte-Anne, der von Fabrice Emaer eröffnet worden war (der später für die Eröffnung des Nachtclubs Palace weltberühmt werden sollte), in dem Leute aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten aufeinander trafen – reich und arm, jung und alt, schwul und hetero, alt oder jung. Im 7 wurde de Bascher schnell Teil des Nachtlebens und des Mode-Jetset-Lifestyles. Er freundete sich mit Warhol und seinen Bekannten an, die gerade zufällig in Paris waren, und hat dann Karl Lagerfeld und Yves Saint Laurent und ihre Entourage umschwirrt – beeindruckende Männer und Frauen, deren Lebensinhalt daraus bestand, gut auszusehen, zu tanzen, zu lachen, sich gut zu kleiden, und natürlich sehr viele Drogen zu nehmen und sehr viel Sex zu haben …

Ein Proust'scher Dandy
"Jacques de Bascher war der Archetyp des Dandys. Seine Gleichgültigkeit gegenüber der Welt war spektakulär. Und obwohl er sich in der Gesellschaft zurechtfand, war er immer sehr bedacht darauf, niemals ihren Verpflichtungen zu erliegen. Geld, Arbeit und ganz alltägliche Dinge haben ihn nicht interessiert", schreibt Ottavi. De Baschers Treffen mit Lagerfeld - der damals noch nicht zum Kaiser der Modewelt avanciert war – würde sein Schicksal besiegeln und seine Faulheit und seinen Hedonismus weiter verstärken. Lagerfeld wurde sehr schnell verrückt nach de Bascher und ernannte ihn schon bald zu seiner Muse. 18 Jahre lang haben de Bascher und Lagerfeld ein ungewöhnliches, modernes Paar abgegeben, ein unzertrennbares Duo, für das Sex kein Thema war (Lagerfeld behauptet, die beiden hätten nie miteinander geschlafen), bei dem es keinen Raum für Eifersucht oder Besitzdenken gab und das nach dem Motto "Wer das Geld hat, zahlt" gelebt hat, um es mit Lagerfelds Worten zu beschreiben. "Wer sagt sowas heutzutage noch?" fragt sich Ottavi. "Karl ist kein Sozialist, das hat er öfters bestätigt, aber ich kenne nur wenige Linke, die so großzügig sind."

Ein Mann der unersättlichen Lust
Sex hat in de Baschers Leben eine wichtige Rolle gespielt. Er hat sowohl mit Frauen als auch mit Männern geschlafen, und sich nie zurückgehalten. Damals ging es sowieso gerade überall um die sexuelle Befreiung, die Pille war auf den Markt gekommen, und die Feminismus- und Schwulenbewegungen waren in aller Munde. Er war nie ein Aktivist, aber in einer Zeit, in der viele ihre sexuelle Orientierung noch geheim gehalten haben, hat er an seiner Homosexualität keine Zweifel gelassen. Er hat die Karten auf den Tisch gelegt und fand es amüsant, andere während edler Abendessen mit Geschichten über seine Eroberungen zu schockieren. "Er musste sie alle in seinem Netz haben", erklärt Ottavi. "Den Polizisten, den ehemaligen Pfarrer, den Tennisspieler, den Schauspieler mit Schnauzbart, den Besitzer des Reitclubs und die gesamte Feuerwache." Er hat auf der Straße ganz offen mit anderen geflirtet und Orgien bei sich zu Hause veranstaltet, wo die Seitenspiegel seiner brandneuen Harley Davidson nach oben gedreht waren, damit man von ihnen Koks ziehen konnte. Man konnte ihn oft in den Darkrooms Paris' antreffen, die damals gerade entstanden. Er ist extra nach New York geflogen, um im Mineshaft, dem legendären Schwulenclub, in dem Cruising gedreht wurde, Sex zu haben. Hier lernte er auch Michel Foucault kennen. Ihm gefielen sowohl die schicken als auch die weniger glamourösen Ecken New Yorks; er war der Typ Mann, der sich sowohl an Tom Selleck wie auch an einen verheirateten Polizisten, der ihm gerade einen Strafzettel verpasst hatte, ranmachen würde.

Doch wer kann es de Bascher verdenken, dass er die sexuelle Freizügigkeit der damaligen Zeit so schamlos ausgelebt hat? Was er jedoch nicht wusste, war, dass genau diese Freizügigkeit später zu seinem Tod führen würde, und zwar in Form des HIV-Virus, das in den frühen 80er Jahren in der Schwulencommunity auftauchte. 1989 starb er im Alter von 38 Jahren. Sein Name stieß zu einer langen Liste von Leuten, die dem Virus zum Opfer fielen. Gegen Ende seiner Krankheit isolierte er sich komplett von der Außenwelt, weil er seinen körperlichen Verfall nicht ertragen konnte. Doch Lagerfeld ist nie von seiner Seite gewichen und hat sich nie so richtig von de Baschers frühem Tod erholt.

Ein narzisstischer Perverser
Schon früh wurde de Bascher klar, dass er Sex nicht nur als Mittel für körperliches Vergnügen, sondern auch und vor allem dafür benutzen konnte, noch mehr Macht über die Leute auszuüben. Es war ein perverses Spielchen, das sich auf verschiedene Weise äußerte und mit dem er an die Grenzen der Provokation ging. Sein Black-Moratorium-Abend ist nur ein Beispiel dafür: Am 24. Oktober 1977 haben sich 1.500 Leute, einer versnobter als der andere und alle wie in der Einladung gewünscht in schwarz gekleidet, bei ihm zu Hause eingefunden, um Zeugen des ersten Fist-Fuckings zu werden. "Er war total versaut", sagt ein Zeuge in dem Buch. "Er hatte auch einen außergewöhnlichen Körperbau, der schon alles über ihn aussagte." De Bascher hat die Dekadenz in all ihrer Pracht geliebt, ob nun in Form von Drogen, Sex oder Alkohol, den er täglich in Unmengen getrunken haben soll. Er war von der schwulen S&M-Szene, von unterwürfigen Beziehungen und von Sex als Mittel zur Machtgewinnung fasziniert. "Jacques hatte viele Liebhaber", sagt Philippe Heurtault, ein Fotograf, der ihm sehr nahe gestanden hat. "Aber ich frage mich oft, ob es ihm bei alledem nicht nur um Sex gegangen ist, sondern vielmehr um die Eroberung. Je mehr etwas außerhalb seiner Reichweite lag, desto stärker faszinierte es ihn." Es war wahrscheinlich eben dieser Hang zur Überschreitung gewisser Grenzen, der dazu beigetragen hat, dass er Yves Saint Laurent verführen und zu seinem Liebhaber werden konnte und damit bei Bergé und Lagerfeld die Eifersucht an die Oberfläche gebracht hat, die sich schon lange zwischen den beiden angestaut hatte. Die Modewelt, in der man bislang fröhlich miteinander gefeiert, getanzt und geschlafen hatte, wurde entzweit, und die beiden Seiten hassten einander. De Bascher verabschiedete sich mit ausgestrecktem Zeigefinger gerade zu dem Zeitpunkt, als die freizügige Zeit sich dem Ende zuneigte, und die, die übrig blieben mit dem Ausbruch von AIDS kämpfen mussten. Mit den Worten eines der Zeitzeugen: "Unser Universum verdunkelte sich. Unsere Leben wurden von Angst überschattet. Es hatte zu viel Sex, zu viele Freiheiten, zu viele Drogen und zu viele Partys gegeben." Und die Party musste enden.

Jacques de Bascher für das Vogue Magazine, fotografiert von Alex Chatelain. Foto mit freundlicher Genehmigung von Alex Chatelain

Jacques de Bascher und Karl Lagerfeld 1979 in Paris. Foto mit freundlicher Genehmigung von Guy Marineau

Im Bains Douches, 1978. Foto mit freundlicher Genehmigung von Philippe Morillon

"Jacques de Bascher, dandy de l'ombre" von Marie Ottavi ist auf Französisch bei Editions Séguier erschienen. Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der französischen Redaktion.