Frank Rispol

Hedonismus und High Heels: Das New Yorker Nachtleben der 80er

Frank Rispoli hat während der New-Wave-Welle die Clubszene der US-Metropole festgehalten. Viele der Fotografien wurden zuvor noch nie öffentlich gezeigt — uns hat er die Geschichten dahinter erzählt.

von Hannah Ongley
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14 August 2017, 1:44pm

Frank Rispol

Dieser Artikel erschien zuerst auf i-D US.

"Ich war an sechs Abenden in der Woche da. Die Danceteria war das Epizentrum der Szene", erinnert sich Frank Rispoli an den Nachtclub in Downtown Manhattan, in dem Sade an der Bar und LL Cool J im Aufzug gearbeitet haben — und Madonna ihr Debüt gegeben hat. Der Club hat sich mit seinen Dancefloors nicht nur über vier Stockwerke erstreckt, sondern durch die langen Öffnungszeiten auch ein buntes Publikum angezogen.

Wenn eins sicher war, dann dass man in dem Club fabulöse Outfits und fantastische Schuhe zu sehen bekam. Nachdem Frank seinen Arbeitstag als Design Consultant um 22 Uhr beendet hat, ist er in die Danceteria gegangen, um die Highheels auf den Boxen und in Waschbecken zu fotografieren. Seine Aufnahmen sind faszinierende Zeitdokumente, die den frenetischen Zeitgeist der späten 70er und frühen 80er festhalten, dabei die Identitäten der Frauen nicht verraten und so Raum für Interpretationen lassen. Auch wenn sich der Fotograf an eine beeindruckende Vielzahl von Geschichten erinnert. Die Idee zu der Fotoserie kam ihm durch einen Unterwäschekatalog, den Guy Bourdin für Bloomingdale's als Beilage in der New York Times 1976 geschossen hatte. In seinen Fotografien versucht Frank allerdings nichts zu verkaufen — sie zeigen uns vielmehr, wie vielfältig einsetzbar ein guter Pump tatsächlich ist.


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Die wenigen Male, bei denen der Amerikaner nicht in der Danceteria abgehangen ist, war er auf einem der vielen Konzerte, die die Village Voice vorgestellt hat. Oder er war im Weinladen um die Ecke. "Ich habe meine Kamera überall hin mitgenommen", sagt Frank. "Nur wenn ich geschlafen habe, habe ich nicht fotografiert. Selbst wenn ich nur in den Kiosk gegangen bin, um Milch und Kekse zu kaufen, habe ich die Kamera dabei gehabt. Es hätte immer und überall passieren können, dass ich einer Person begegne, die Highheels trägt. Zu seinen Lieblingsmomenten gehört die Geschichte im BDSM-Club Hellfire, als die Polizei zur Sperrstunde erschien. Einer der Männer, "ein typischer Detektiv aus Brooklyn italienischer Abstammung mit den Namen Vinny", forderte ihn auf, seine Filme herauszurücken – er war auf der Suche nach Drogen –, dann setzte er sich mit Frank hin und besprach mit ihm seine Bilder und sein Portfolio. "Das kann man sich nicht ausdenken. Das ist einfach New York. So ist das Nachtleben hier."

Uns hat er nicht nur einige seiner Lieblings-Aufnahmen zur Verfügung gestellt, sondern auch ein paar der Geschichten dahinter verraten.

"Die Danceteria war so aufgebaut: überall gab es Wohnzimmer mit Fernseher in der Ecke. Das war Anfang der 80er, deswegen gab es auch die trashige Einrichtung. Meine Idee dahinter war es, den Kontrast zwischen der Trashigkeit des Orts und dem Anfang eines neuen Zeitalters in der Mode zu zeigen."

"Die Frau war Leadsängerin in einer Band, die gespielt hatte. Als die Band fertig war, bin ich zu ihr gegangen und habe gefragt, ob sie für mich posieren könnte. Sie hat ihren weißen Mantel aufgerissen und siehe da, sie trug darunter dieses fantastische Outfit."

"Wenn du aus dem Aufzug beim vierten Dancefloor in der Danceteria gestiegen bist, gab es eine Glaswand mit diesem alten Fernseher. Sie haben Videokünstler engagiert, die die Visuals entwickelt haben. Es war eine Halloween-Party, deshalb trägt sie diesen afrikanischen Rock, die schwarzen Heels und Bakelite-Armbänder."

"An der Wand hängen Telefonstrippen. Sie sitzt auf einem alten Vintage-Sofa, öffnet ihren Mantel und alles war zu sehen. Die Strumpfhosen sehen umwerfend aus und dazu diese klassischen schwarzen Pumps."

"Soweit ich mich erinnere, war die Frau aus England. Dieser Kontrast zwischen dem weißen Bouquet und ihrem Outfit ist so gut und dramatisch. Sie steht auf einer alten HiFi-Anlage, so wie eine, die mein Vater 1962 gekauft hat und worauf ich meine Beatles-Platten gehört habe."

"Das Sofa ist mit Velours bespannt und das Design klassisch viktorianisch. Das Material des Jumpsuits sah wie Seide aus. Die Leute haben mich gefragt, warum ich keine Gesichter fotografiert habe, aber mein Fokus lag einfach auf den Schuhen. Wenn ich es noch mal tun würde, mit dem Wissen von heute, dann würde ich auch die Menschen fotografieren. Das wäre eine interessante Fotoserie über die damalige Zeit geworden. Hinterher ist man immer schlauer."

"Die Band heißt Stray Cats. Das Pärchen hat gerade rumgemacht. Sie trug Hotpants und die Heels, es muss Sommer gewesen sein. Dann gibt es links im Bild noch eine Person in Gelb und Orange, das sind meine Lieblingsfarben. So viel beim Fotografieren hängt einfach von Glück ab."

"In der Danceteria gab es überall diese Wände mit goldener Farbe, diese Säulenelemente, Heizungsrohre und ein altes Sofa aus der South Bronx. Die Frau war nicht aus Manhattan, wenn ich mich recht erinnere."

"Das gehört zu meinen absoluten Lieblingen. Die Bildkomposition ist einfach schön. Die weiße Strumpfhose kombiniert mit den weißen Netzstrümpfen und den weißen Highheels auf dem kitschigen, schwarz-gelben Stuhl aus den 40ern. Der Blitz rückt ihre Beine ins Zentrum, dahinter ist alles dunkel."

"Das war in einem S&M Club – natürlich im Keller – im Meat Market District in der 14th Street. Diesen Automaten hatten sie in Schwarz-weiß gestrichen. Die Frau hatte zufällig die passende Hose dazu an und schwarze Heels. Eine perfekte Kombination."

"Je später der Abend, desto interessanter werden die Leute, aber desto fertiger sind die Leute auch. Das hat sich nicht verändert. Die Slipper sind einfach zu schön. Sie sollte sich auf Zehenspitzen auf dem Truck stellen."

"Diese beiden Frauen standen um drei oder vier Uhr morgens vor dem Club Max. Sie trugen Velours und Kunstleder. Der Reflektor am Auto sorgt für ein nettes Detail."

"Das war im Treppenhaus von Leo Castellis Galerie, ein Loft-Gebäude auf dem West Broadway in Soho. Die Gentrifizierung fing damals erst an. Die Leute haben innovativere Galerien eröffnet und Räume jenseits der etablierten Szene auf der 57th Street gesucht. Deswegen sind sie nach Soho gekommen."

"Das war auf der Damentoilette im TR3. Alles war mit schwarzen und roten Kacheln ausgelegt. Das muss 3 Uhr morgens gewesen sein, keine Berührungsängste mehr."

"Als New Wave gerade aufgekommen ist, haben Frauen Vintage für sich entdeckt. Das ist ein dafür typischer Druck auf dem Rock und stammt aus den 50ern. Die roten Highheels haben das Outfit abgerundet. Die Schnappschüsse aus dem TR3 wären perfekt für Albumcover von Rock 'n' Roll-Bands. Darum geht es doch: Den Kopf ausschalten und einfach eine gute Zeit haben."

"Als ich genügend Mut hatte, bin ich auf die First Avenue gegangen, weil es da ein paar Bars gab. Ich war an einem Abend in einer davon und bin rausgegangen. Auf einmal kommt diese Frau vorbei. Ich bin zu ihr gegangen und habe zu ihr gesagt: "Kann ich deine Schuhe fotografieren?". Ihre Antwort: "Absolut." Sie hat sich hingelegt und ihren Rock hochgezogen."

@frankrispoli

Credits


Fotos: Frank Rispoli