für sein calvin-klein-debüt entwickelt raf simons eine alternative version von amerika

Für seine erste Kollektion beim amerikanischen Kultlabel hat sich der gefeierte belgische Designer Unterstützung bei Sterling Ruby geholt, sich für den Soundtrack von David Bowie inspirieren lassen und Anzüge und Cowboystiefeln auf den Laufsteg...

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Feb. 13 2017, 10:00am

Letzte Woche vor der Präsentation seiner ersten Kollektion als neuer Creative Director hat Raf Simons seine erste Calvin-Klein-Kampagne veröffentlicht. Die in Zusammenarbeit mit Fotograf Willy Vanderperre und Stylist Olivier Rizzo entstandenen Fotos zeigen die Models in Jeans und Unterwäsche vor Kunstwerken von, unter anderem, Andy Warhol, Christopher Wool und Richard Prince. Designer Calvin Klein hat sein Modeimperium auf diesen Kleidungsstücken aufgebaut, indem er deren Image gedreht hat: Alltagskleidung hat er in luxuriöse und sexy Statussymbole verwandelt. In einem Foto der Kampagne stehen drei junge Männer in engen weißen Unterhosen vor einem großen Sterling-Ruby-Kunstwerk, das an die amerikanische Flagge erinnert. Die Kampagne hat die Richtung für die erste Kollektion des belgischen Designers für Calvin Klein verraten, die in den New Yorker Headquarters von Calvin Klein präsentiert wurde. Die Jeans und weißen Briefs haben auf dem Laufsteg ein Wiedersehen gefeiert. Daneben waren weitere Klassiker amerikanischer Mode zu sehen: den Anfang machten Lederjacken (später wurden auch Ganzkörper-Lederlooks präsentiert), Anzüge mit breiten Schultern, Steppjacken und Cowboystiefel mit Stahlkappen — eine Mischung aus Corporate- und Cowboy-Look, die sich in der heutigen Zeit nur allzu relevant anfühlt.

Die Kunst spielte auch auf der Show wieder eine prominente Rolle, in einem Bild von Christopher Wool für die Kampagne heißt es: „Ein Mann geht zum Psychiater und er trägt nur Frischhaltefolie. Der Psychiater sagt zu dem Mann: ‚Ich sehe deutlich, dass sie nicht ganz dicht sind, Sie Spinner'." Simons scheint sie die Worte zu Herzen genommen zu haben. Bei vielen Kleidungsstücken — von hautengen Oberteilen mit gestrickten Ärmeln bis zu minimalistischen Kleidern — hat er transparente Elemente eingearbeitet. Andere Pieces seiner Debütkollektion hat er gleich ganz mit transparenter Plastik überziehen lassen: bei Mänteln mit breiten Schultern, ja sie sind scheinbar wieder da, und auch bei filigran gearbeiteten Kleidern. War es eine Referenz an den Schutz von Kunstwerken oder an die das Power Dressing der New Yorker Galeristen?

Vielleicht beides und noch etwas viel Persönlicheres. Raf Simons hat oft darüber gesprochen, wie sehr ihn die erste Modenschau, die er gesehen hat, beeinflusst hat: Martin Margielas Herbst/Winter-Show 1989. „Das war die ‚White'-Show. Alle Models haben Kleider in Weiß und mit transparenter Plastik getragen", erklärte Simons bereits 2008. Frédéric Sanchez, Music Director für die Maison Martin Margiela, hat gegenüber The Gentlewoman erklärt, dass das Make-up von Bowies Musikvideo zu „Life on Mars" inspiriert worden sei, der Soundtrack wurde Warhol-Filmen nachempfunden: „Die Idee dahinter war es, die Songs abrupt enden zu lasse und sie so abzumischen, dass sie verstört klingen und sie dann als Collage wieder zusammenzufügen."

Auch wenn solche Gedanken nicht ganz oben auf Simons' Agenda gestanden haben sollten, haben sie Einfluss auf den Soundtrack gehabt. Der bestand aus zwei verschiedenen Versionen von Bowies „This Is Not America" (einmal der original produzierte Song aus dem Jahr 1985 und dann die vom Cast des Musicals Lazarus aufgenommene Version aus dem Jahr 2016), daneben auch noch Ausschnitte aus Roy Orbisons „In Dreams", The Flamingos „I Only Have Eyes for You", ein Cover des Ramons-Klassikers „I Wanna Be Sedated" und John Barrys „Midnight Cowboy".

Simons Lieblingskünstler und langjähriger Freund Sterling Ruby hat das Set entworfen, bunte Partyschlangen und amerikanische Flaggen hingen von der Decke. Als ein verzerrtes Sample aus The Virgin Suicides abgespielt wurde, ein Ausschnitt aus dem Monolog des Jungen aus der Nachbarschaft über die Lisbon-Schwestern, hat das Set von Ruby auf einmal wie die schaurige Hausparty aus dem Kultfilm gewirkt. Ähnlich wie das Buch und der Film hat die Fashionshow viele komplexe Themen aufgeworfen: die amerikanische Jugend, Sexualität, Isolation, Familie, Verpflichtungen, Erwartungen, Geschichte und Freiheit. Wir fragen uns, ob sich das auch Regisseurin Sofia Coppola in der ersten Reihe gedacht. 

Credits


Text: Emily Manning 
Fotos: Mitchell Sams