Wie Stranger-Things-Schauspieler Charlie Heaton mit seinem plötzlichen Ruhm umgeht

Durch die Netflix-Serie gelang dem britischen Schauspieler als Jonathan Byers der weltweite Durchbruch. Im Interview verrät er uns, wie er den Glauben an sich selbst gefunden hat.

von Tish Weinstock; Fotos von Matt Jones; Übersetzt von Michael Sader
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13 November 2017, 12:37pm

Charlie Heaton muss sich immer noch zwicken. Vor zwei Jahren war er noch ein normaler Teenager und hat Dinge getan, die man eben als Jugendlicher so macht: auf Konzerte gehen und mit Freunden abhängen. Jetzt bekommt der Schauspieler Drehbücher aus der ganzen Welt zugeschickt und befindet sich gerade am Set irgendwo in Spanien, wo die Dreharbeiten zu Marrowbone stattfinden, ein Psycho-Thriller mit Mia Goth und Anya Taylor-Joy.


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"Ich muss das alles noch verarbeiten", erklärt er bescheiden am Telefon. Dass das für ihn alles noch nicht wirklich greifbar ist, ist nicht wirklich verwunderlich. Er ist einer der Stars aus Netflix’ hochgelobter Science-Fiction-Serie Stranger Things, die Binge-Watching in den Mainstream gebracht hat. Es gibt kaum jemanden, der den Namen Charlie Heaton nicht schon mal auf seinem Bildschirm gesehen hat. "Die Reaktionen auf die Serie haben mich nicht verwundert", erklärt er. "Ich meine, sie ist fantastisch, aber ich hätte nie erwartet, dass das Drumherum so verrückt werden würde."

Über 14 Millionen Leute haben sich Stranger Things innerhalb der ersten 35 Tage nach der Veröffentlichung angeschaut und machen die Sendung damit zu einer der erfolgreichsten in der Geschichte des Streaming-Dienstes. Die Serie eine Mischung aus einigen der besten Science-Fiction-Produktionen aller Zeiten ­– Die Goonies, Firestarter, Twin Peaks, E.T., Alien und The Thing –, und ihr Stil ist nostalgisch, faszinierend und einzigartig zugleich. "Ich habe so was noch nie gesehen", erklärt Charlie. "Die Produzenten haben mir ein Drehbuch und den Trailer mit dem Zusammenschnitt aus den ganzen 80er-Filmen geschickt. Ich erinnere mich noch daran, wie ich mir gedacht habe: 'Wow, das ist so anders'". Charlie spielt mit Jonathan Byers einen Außenseiter, der zurückgezogen lebt. Der Vater ließ die Familie im Stich, weshalb sich Jonathan dazu gezwungen sieht, sich um seine neurotische Single-Mutter, brillant gespielt von der 90er-Ikone Winona Ryder, und seinen kleinen Bruder Will zu kümmern. Als Will von einem Monster aus einer anderen Dimension gekidnappt wird, liegt das Schicksal der Welt in den Händen von Jonathan, seiner Mitschülerin Nancy, ihrem Freund Steve, ein paar Grundschülern und einem komischen Girl mit psychokinetischen Kräften.

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Abgesehen davon, dass sein Bruder von Aliens entführt wird und er eine Regierungsverschwörung aufdeckt, ähnelt sich die Kindheit von Jonathan und Charlie ein bisschen. Charlie Heaton wurde in Bridlington geboren, einer kleinen Hafenstadt im nordenglischen Yorkshire. Seine Eltern trennten sich, als er noch klein war. Zwar musste Charlie die Welt (noch nicht) retten, doch ist er in ähnlich prekären Verhältnissen wie die seines Filmcharakters aufgewachsen und musste schon früh mit Problemen fertig werden, für die er eigentlich noch zu jung war: "Jonathan kommt aus einer Arbeiter-Familie mit einer alleinerziehenden Mutter, das ist bei mir auch so", erinnert sich Charlie. "Meine Mutter hat mich in einem Arbeiterviertel mit vielen Sozialwohnungen großgezogen. Sie arbeitete sehr hart und wir hatten eine gute Kindheit, aber wir mussten uns immer arrangieren und sollten uns über nichts beschweren. Ich musste schnell erwachsen werden und mit meinen Problemen selbst fertig werden. Jonathan verspürt diese Verantwortung auch gegenüber seinem kleinen Bruder. Er hat zwei Jobs und muss selbst mit seinen Problemen fertig werden. Du lernst viel übers Leben, wenn du in einer Umgebung aufwächst, in der es eben nicht immer einfach ist, wo es nicht immer alles gibt und du deinen eigenen Weg finden musst."

Wie für die meisten entfaltet das Schauspielern eine sehr reinigende Wirkung für Charlie. "Dadurch hast du die Chance, die Dinge loszuwerden, die du sonst vielleicht im Alltag nicht loswerden kannst", erklärt er. "Mit diesen Rollen kannst du Emotionen vermitteln, die du der Außenwelt vielleicht sonst nicht zeigen willst." So leidenschaftlich wie er über das Schauspielern spricht, könnte man leicht denken, dass er das schon immer machen wollte. Aber erst vor zwei Jahren ist er zufällig zum Schauspielen gekommen. Davor drehte sich alles in seinem Leben um Musik. Mit 16 ist er nach London zu seinem Vater gezogen und wurde Schlagzeuger in der Punk-Band Comanechi, mit der er auf Tour gegangen ist. Als das Geld weniger wurde, hat er sich eine Talentagentur gesucht.

Seine erste größere Rolle war die des Steven Portman in dem Film Shut In. "Ich möchte jetzt nicht überheblich oder prätentiös klingen, aber mit Shut In habe ich mich wirklich selbst gefunden", erinnert er sich. "Davor war ich sehr unsicher, ich war ein Niemand. Dann habe ich diese Rolle bekommen, eine sehr starke, die viel von mir als Schauspieler abverlangt hat, und mir viel Selbstbewusstsein gegeben hat. Und dann willst du mehr Rollen und wirst wählerisch."

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Und das hat auch funktioniert. Neben seiner Darstellung in Shut In kann Charlie bereits zwei weitere Rollen verbuchen, die ebenso düster und psychologisch herausfordernd waren. In dem britischen Drama Urban & The Shed Crew spielt er einen Junkie, neben Anna Friel und Richard Armitage. In dem Film As You Are mit Amandla Stenberg, der bald in die Kinos kommt einen jugendlichen Straftäter. "Mich interessieren mehr die düsteren Rollen", antwortet er. "Wenn ich mir eine Rolle anschaue, dann möchte ich darin etwas von mir selbst finden, das ich der Figur geben kann. Ich sage nicht, dass ich eine düstere Persönlichkeit habe, es geht mir viel mehr darum, diese Verletzlichkeit zu finden. Jeder Mensch hat Wunden, die er nicht unbedingt mit anderen teilen möchte. Du wirst von Figuren angezogen, die dir ähnlich sind und die selben Dinge durchgemacht haben oder mit denen du dich irgendwie identifizieren kannst."

In nur zwei Jahren ist aus dem Unbekannten Nordengländer einer der größten Nachwuchsschauspieler in Hollywood geworden. Kritiker bezeichnen ihn schon als nächsten Dane DeHaan oder River Phoenix, ein Vergleich, mit dem er sich (noch nicht) wohlfühlt. "Wenn die Leute das aufgrund meiner Arbeit sagen, dann ist das toll, aber das könnte auch nur mit meinem Aussehen zu tun haben", sagt er zum Schluss bescheiden. "Sie haben so große Fußstapfen hinterlassen. Diese Vergleiche sind sehr schmeichelnd, aber es ist wichtig, dass man sich seine eigene Identität schafft."

Credits


Styling: Annina Mislin
Haare: Ramsell Martinez / Streeters.

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.

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