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sieben gif-künstler, die du dir merken solltest

Wir haben uns die Künstler der neuen GIF-Agentur Klutoo angeschaut und uns in den animierten Bildern verloren. (Perfekt für den Kater-Montag!)

von Stefanie Schneider
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20 Juni 2016, 8:40am

„Wenn ich versage, wirst du nie wieder von mir hören", waren die Worte, die der britische Fotograf Eadweard Muybridge einmal zu seiner Oma sagte. Er wolle berühmt werden, vertraute er ihr an. Also packte Muybridge seinen Koffer, verließ die englische Provinz, wanderte nach Amerika aus und ließ die Oma ein paar Jahre später aufatmen, denn: Er schrieb tatsächlich Geschichte.

Der Mann mit dem wild wuchernden Bart und der unbändigen Gier nach Experimenten wurde berühmt, weil er gewissermaßen Pferde auf der Wand laufen ließ. Als nämlich sein schwerreicher und pferdevernarrter Gönner Leland Stanford, späterer Gründer der Universität, wissen wollte, ob die vier Hufen eines Pferdes beim Galoppieren je gleichzeitig in der Luft seien, stellte der Fotograf Kameras auf und knipste schnell und kurz hintereinander. Weltweit gefeiert wurden diese Serienaufnahmen, die zum ersten Mal ersichtlich machten, was für das bloße Auge nicht zu erkennen ist: Der entscheidende Moment dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde an, aber dann schienen die Pferde zu fliegen.

Muybridges Bewegungsstudien halfen nicht nur, Wissenslücken oder falsch Gedachtes zu eliminieren, er beeinflusste damit unzählige Künstler. Vier zerlesene Bände des Buches The human figure in motion wurden in Francis Bacons Atelier gefunden, 1912 ließ sich Duchamp zu dem Gemälde Akt, eine Treppe herabsteigend inspirieren und Tim MacMillan, der Erfinder cineastischer Spezialeffekte, erstmals durch die Matrix-Filme bekannt, nennt neben dem Kubismus Muybridge als Quelle seiner Ideen. Der britische Fotograf, der auszog, um nicht vergessen zu werden, schuf mit seinen Studien den Grundstein für das Kino, zwanzig Jahre vor den Brüdern Lumière. Und: Er war gewissermaßen auch Wegbereiter für die GIFs, jene Minifilme, die im Netz derzeit Hochkonjunktur haben. Die erst kürzlich ins Leben gerufene Düsseldorfer Agentur Klutoo hat sich auf diese Animationen—irgendwo zwischen Fotografie und Film—spezialisiert. Wir haben uns die besten GIF-Künstler, die Klutoo vertritt, einmal näher angeschaut.

James Kerr aka. Scorpiondigger

Gehen die Bilder eigentlich auch nach Hause, wenn abends das Licht im Museum ausgeht? Der in Vancouver lebende GIF-Künstler James Kerr, der besser unter seinem Tumblr-Namen Scorpiondigger bekannt ist, hat sich diese Frage ernsthaft gestellt. Für ihn war klar: Die Bilder müssen traurig sein, wenn kein Auge mehr auf sie gerichtet ist. Also nahm er sie mit nach Hause, gab ihnen ein Leben, das ihrem so wenig glich und sorgte für Augen, die Tag und Nacht starren—im Internet, das eben niemals das Licht löscht. Jetzt flirtet Adam mit Eva auf Instagram, natürlich, schließlich sind sie die beiden einzigen Menschen auf der Welt, kommentiert mit „Amazing shot" sabbernd ihr Bild, während in anderen Clips Nonnen mit BH und Bier in der Hand einen Hügel hinunterrasen, Jesus als DJ abfeiert oder sich ein Tattoo stechen lässt. Motiv: „Mom", Mama Maria, direkt auf der Brust. Kerrs GIFs sind witzig, zynisch und provokativ. Er platziert auf kluge Weise Motive und Protagonisten der Renaissance in unser heutiges Leben—dabei sind sie natürlich verloren und nicht souverän, das sollen sie auch nicht. Sie sind mehr als sympathisch, und das sind sie oftmals ja nicht.

Richie Brown

Die Agentur selbst beschreibt diesen Künstler so: „Wenn Walt Disney, Robert Crump und Andy Warhol einen Sohn zusammen hätten, würde er Richie Brown heißen". Ja, ungefähr so könnte er gezeugt sein, blickt man auf seine Animationen. Da reitet nämlich He-Man auf Battle Cat, Aliens knutschen alte Männer und Kellogs kleben in Gesichtern. Nichts ist hier trist, alles schreit und ist pink und schrill. Brown sendet in Sekundenschnelle Gefühle und Assoziationen—und genau das ist es, was Klutoo will: „Künstler, die fähig sind, in drei Sekunden Geschichten zu erzählen. Auf dem Smartphone. In den sozialen Medien. Auf der Uhr. Oder auf dem Bildschirm in der Stadt."

Marie Chapuis

Gibt man bei Giphy, dem Google für GIFs, das Wort „Liebe" ein, küssen Ryan Gosling und Rachel McAdams im Film Wie ein einziger Tag, dazu ein nach Liebe lechzender Minion, leicht sabbernde Münder und viele, viele animierte Herzen. Keines aber ist so schön wie das von Marie Chapuis. Die französische Illustratorin trifft mit ihrem GIF mitten ins romantisch verklärte Herz und erzählt dabei ein ganzes Leben, ohne mit einem einzigen Wort zu sprechen. Es ist nun mal so: Gefühle werden noch ausgesprochen, aber immer häufiger auch per GIF verschickt. Das ist nichts Schlechtes. Schließlich wird alles gleich ein wenig anders, wenn man es mit Worten ausdrückt. So bleiben wir irgendwie vereint im Schauen—bis man zu Sprechen beginnt.

Elza Jo

Die multimedialen Clips der niederländischen Fotografin Elza Jo van Reenen sind mächtig—und zwar im positivsten aller Sinne. Sie inszeniert junge Menschen, die in Sekunden beinahe zu Ikonen mutieren. Urban, cool, sensibel und feministisch, denn: Meist sind es Frauen, die die Künstlerin und Absolventin der Royal Academy of Arts in Den Haag inszeniert. Hinter Klutoo selbst stecken zwei Frauen, die die Idee hatten, sich auf GIFs und Kürzestclips zu konzentrieren: zum einen die renommierte Fotoagentin Christa Klubert und ihre langjährige Agenturpartnerin Andreia Pinto.

Jaime Martínez

Jeder liebt GIFs. Zumindest scheint es derzeit so. Ohne die kurzen Animationen wären soziale Netzwerke wie Tumblr wahrscheinlich karger, in jedem Fall starrer. Sie sind aber keineswegs das Produkt des World Wide Webs. Beinahe 30 Jahre alt ist das Dateiformat, das 1987, zwei Jahre vor Entwicklung des Internets, erfunden wurde, um Bilder in Farbe abspeichern zu können. Seit 2015 unterstützt Facebook das Format. Seitdem werfen die User mit lustigen GIFs geradezu um sich—meistens kurze Sequenzen aus Serien oder Filmen, verfremdet, betextet oder zusammengeschnitten. Der mexikanische Künstler Jaime Martínez dagegen kopierte keine GIFs, sondern kreierte seine eigenen, worauf die Sängerin M.I.A. aufmerksam wurde. Martínez fotografierte daraufhin ihre Shows, machte Bilder für ihre Alben und konzipierte mit der Sängerin eine animierte Kampagne für Versace.

Zac Ella

Zac Ella will lustig sein. Und das ist er in den meisten Fällen auch. Der britische Videokünstler hat sich auf Sekunden-Comedy spezialisiert, die den Alltag zum Gegenstand der Bewegtbilder macht. Nach Zac Ella ist Witz nämlich überall versteckt, selbst in kleinen, nichtigen Momenten. Also beobachtet er Menschen und ihr Verhalten, zeichnet in Minisekunden eine Geschichte, die beispielsweise bei einer Begrüßung zweier Männer beginnt und irgendwo im sympathischen Chaos endet. Dazwischen liegt ganz viel Träumerei, Verrücktheit und Eifer—konsequent das durchzuwirbeln, was lange schon verstaubt in den Schubladen liegt.

Maison Vignaux

„Handlung wird allgemein besser verstanden als Worte. Das Zucken einer Augenbraue, und sei es noch so unscheinbar, kann mehr ausdrücken als hundert Worte", sagte einst Charlie Chaplin. Auch wenn die Arbeiten des Kreativteams um „Maison Vignaux" teilweise weniger komisch als vielmehr düster und beinahe beängstigend sind, trifft Chaplins Aussage hier wirklich zu: Irgendwo zwischen Surrealismus, Horror und perfekter Inszenierung schweben diese Minifilme, die, wenn man versucht, sie in Worte zu packen, nichts weiter als Verwirrung stiften würden.

Credits


Text: Stefanie Schneider 
Foto: Screenshot von GIF von Elza Jo