louise bourgeois: kunst ist ein garant des verstands

Die neue Ausstellung im Guggenheim in Bilbao gewährt einen Einblick in das Leben einer der einzigartigsten Bildhauerinnen der zeitgenössischen Kunst.

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07 April 2016, 2:20pm

Louise Bourgeois' berühmtestes Kunstwerk, Maman, die riesige, bronzefarbene Spinne aus Stahl, hat sich von einem Symbol für Muttersein zu einem Symbol der zeitgenössischen Kunst gewandelt. Bei der Eröffnung der Tate Modern 2000 war es das erste Werk, das die Besucher beim Eingang in diesen Tempel zeitgenössischer Kunst gesehen haben. Die langen Spinnenbeine, die sich erheben und eine Art beruhigenden Schrecken auslösten, ein beschützendes Monster, erschreckend und sanft zugleich. Gedacht war es als Erinnerung an die verstorbene Mutter der französisch-amerikanischen Künstlerin; die Spinne symbolisiert Mütter, die die wertvollen Eier hoch über den Köpfen der Besucher einnistet.

Maman befindet sich jetzt an einem weiteren Ort, an dem die Kunst für die Wiedergeburt einer Stadt im postindustriellen Zeitalter gesorgt hat: das Guggenheim in Bilbao. Die Spinne steht am Rand des Flusses Nervión vor dem berühmten Museumsbau von Frank Gehry. Sie steht wachend davor und ist selbst zu einer Attraktion geworden. Maman in ihrer majestätischen Erscheinung steht in einer Wechselbeziehung zu Jeff Koons glücklich wirkendem, riesigem Welpen, der auf der anderen Seite des Museums der Stadt zugewandt ist. Diese beiden Ikonen zeitgenössischer Kunst stehen für die Gegensätze in der heutigen Kunstwelt. Auf der einen Seite die schillernde Welt eines Jeff Koons, eine Ikone der hyperkapitalistischen, postmodernen, ironisch gebrochenen Gefühllosigkeit. Auf der anderen Seite der Albtraum einer erschreckenden Symbolik, die kollektive und persönliche Traumata symbolisieren. Letztes Jahr wurde in dem Museum ein bunte und schrille Retroperspektive der Arbeiten Koons gezeigt. Dieses Jahr wird Louise Bourgeois gefeiert. Zu sehen ist ihre Skulpturenreihe The Cells, die letzten Werke, die sie vor ihrem Tod 2010 gefertigt hat. Bei diesen Werken geht es um ihre turbulente Kindheit.

Louise Bourgeois, In and Out, 1995 © The Easton Foundation / VEGAP, Madrid

Louise Bougeois wuchs in dem Pariser Vorort Choisy-le-Roi auf, wo ihre Familie ein Teppichgeschäft besaß. Ihre Mutter war schwach und fühlte sich ständig unwohl. Ihr Vater war autoritär und hat seine Frau mit der Haushälterin jahrelang betrogen, als Louise ein Kind war. Die Mutter hat die Affäre des Vaters ignoriert, aber Louise haben diese Erinnerungen ihr ganzes Leben verfolgt. Sie litt unter Depressionen und innerer Unruhe. Ihre Mutter starb unerwartet, als Louise Mathe an der Pariser Sorbonne studiert hat. Doch sie entschied sich anders und wurde Künstlerin. Der Vater hat es gehasst, solange bis sie erfolgreich wurde.

Diese Ereignisse, die Leidenschaft, der Ärger in ihrem Leben sind Themen, die sich mit ihrer Kunst immer wieder angesprochen hat: die Tragödie und das Gefühlschaos ihrer Kindheit. Und genau deshalb ist The Cells so stark und berührt den Besucher.

Louise Bourgeois, Cell II, 1991 (detail) © The Easton Foundation / VEGAP, Madrid

1991, im Alter von 80 Jahren, begann sie mit The Cells. Im Jahr danach sollte das New Yorker MoMA eine Retrospektive ihrer Kunst zeigen. Damit wurde sie zur ersten Künstlern, der diese Ehre zu Teil wurde. Nachdem sie bereits ihr ganzes Leben als Künstlerin gearbeitet hatte, wuchs sie in die Rolle einer der größten, lebenden Künstlerinnen auf der Welt. Sie stellte auf der ganzen Welt aus und die Spinne wurde zu einem weltweit bekannten Symbol ihrer Kunst. Sie erhielt endlich die Aufmerksamkeit, die ihr für ihr einzigartiges Talent zusteht. Doch anstatt nun in die Zukunft zu schauen, wandte sie sich ihrer problematischen Kindheit in Choisy zu. Die emotionalen Puzzleteile, die sich aufsammelte, verarbeitete sie zu The Cells. Die Kunstwerke sollten zu ihrem künstlerischen Triumph am Ende ihres langen Lebens werden. The Cells ist ein existentielles, autobiografisches Psychodrama über ihre Kindheit, was durch die Freud'scher Psychoanalyse betrachtet wurde. Sie zerrt die schmerzliche Vergangenheit wieder ans Licht und versucht, den Erinnerungsfragmenten einen Sinn zu geben, die Gefühlswelt der jungen Louise zu verstehen und die Überbleibsel einer schwierigen Kindheit loszuwerden. „Raum existiert nicht", sagte sie einmal. „Es ist nur eine Metapher für unsere Existenz". The Cells stellen den Höhepunkt ihrer skulpturalen Arbeit, die ultimative Metapher für Existenz dar. Das Guggenheim Bilbao widmet diesen Zellen nun zum ersten Mal eine große Ausstellung und zeigt viele Arbeiten überhaupt zum ersten Mal gemeinsam. Die Ausstellung ist exzellent kuratiert und ähnelt in ihrer Bedeutung dem Stein von Rosetta: die Entschlüsselung der persönlichen Sprache von Louise Bourgeois' Skulpturen.

Einen ersten Ansatz für die Interpretation ihrer Arbeiten bietet das Wort Zelle und seine unterschiedlichen Bedeutungen selbst. Die Zelle ist der Ursprung des Lebens, die kleinste Einheit der menschlichen Existenz. Andererseits hat kann mit Zelle auch eine Gefängniszelle gemeint sein, ein kleiner, kahler, abgeschlossener Raum, ein Ort des Rückzugs. Das Haus der Existenz oder Freud'sche Gefängnisse unserer Kindheit. „Kunst ist der Garant von Verstand. Schmerz ist das Resultat von Formalismus" ließ Louis bei Cell I, aus dem Jahr 1991 wissen. Diese Worte könnten auch als Leitspruch für all ihre Arbeiten stehen. „Ich brauche meine Erinnerungen" heißt es bei einer anderen Zelle. „Sie sind meine Dokumente."

Louise Bourgeois, Cell (Choisy), 1990-93 © The Easton Foundation / VEGAP, Madrid

Jede Zelle besitzt eine relativ einfache Struktur, um die Narrative von Erinnerung darzustellen. Hinter einem geschlossenen Raum, der von Türen oder Käfigen begrenzt wird, arrangiert Louise eine Reihe von Gegenständen. Die Skulpturen sind räumlich und sind Ansammlungen von Emotionen, die eine Kindheitssprache sprechen, die an das erschreckend Abstrakte von Märchen erinnert. Sie sind mehr Charles Perrault als Walt Disney. Es ist eine Sprache, die schwer zu übersetzen ist. Eine Auflistung der Dinge, die diese Sprache konstituiert, würde der Komplexität von The Cells nicht gerecht. Zu sehen ist weicher, heller Marmor, der zu Händen, Beinen, Torsi oder Modelle des Hauses in Choisey geformt wurden. Gummisäcke hängen von der Decke, sie stehen für Geschlechtsteile (bei Freund läuft es doch immer darauf hinaus). Riesige Bälle (wieder Freud) sind mit dem Boden verbunden und täuschen die Anwesenheit des Vaters vor. Stühle stehen für Verurteilung. Es gibt Knochen und Kleidung, die Stoffe, aus denen wir als Mensch bestehen. Es gibt ausgefranste Teppichstücke, die gerade noch so zusammenhalten an den Wänden der Zellen. Es gibt Betten, Quell des Lebens und Symbol für die beiden Gegensätze, worum es in der Kunst doch immer geht: Sex und Tod. Es gibt Spiegel, die den Betrachter erlauben, auch unzugängliche Ecken der Skulptur zu entdecken. Im New Yorker Haus von Louise gab es keine Spiegel, als ob sie Angst davor hatte, was sie dadurch sehen würde. Sie war agoraphobisch und klaustrophobisch, die Angst vor großen und kleinen Räumen. Louise Bourgeois war berühmt für ihre geringe Körpergröße. Die Zellen wurden ihrer Größe angepasst: die Stühle, die Betten und die Deckenhöhe auf ihre Körpergröße abgestimmt. Louise Bourgeois hat ihre eigenen Käfige für ihre emotionalen Traumata geschaffen. Sie sind gefüllt mit emotionalen Chiffren, keine Messie-Wohnungen, aber durchdacht und perfekt arrangiert wie der Raum eines Ordnungsfanatikers. Es ist voll, aber befreiend. Es gibt Treppen, die ins Nirgendwo führen. Wände, um die man nicht schauen kann, Orte, vor denen man weglaufen soll, aber nicht kann. Die Zellen sind Gräber unserer Innenleben, Monumente unserer Erinnerungen, aber gleichzeitig auch Vehikel, um die Vergangenheit loszulassen. In einer Zelle steht eine Guillotine über dem Modell des Hauses in Choisy. In einer anderen wächst eine Spinne aus einem Modell und ein Kind sitzt auf einem mit einem Teppich überzogenen Stuhl.

The Cells sind bestimmt von Gegensätzlichkeiten. Es gibt zu gleichen Teilen Mutter und Vater, das Schützende und das Offene, das Beruhigende und das Erschreckende. Es sind Inseln des Äußeren und des Inneren, voyeuristisch und exhibitionistisch zugleich. Sie machen das Innenleben zu einem Außenleben. Das Nicht-Greifbare machen sie greifbar. Die Kindheit betrachtet durch den nahenden Tod.

Louise Bourgeois, Cell XXVI, 2003 (detail) © The Easton Foundation / VEGAP, Madrid

Mit den Gegenständen und Materialien führt uns Louise durch ihre Kindheit, sie erschafft die Narrative ihres Kindheitstraumas. Sie arbeitet sich hindurch, bewertet es und versucht, damit ihren Frieden zu finden. „Der Künstler bleibt ein Kind, das nicht mehr unschuldig ist, sich aber doch noch nicht vom Unbewussten befreien kann", schrieb sie einmal über die Zelle You Better Grow Up aus dem Jahr 1993. Das Kunstwerk besteht aus Spiegeln, drei Hände aus Marmor, zwei kleinere, die von einer größeren umschlossen werden. „Es ist beschämend, in den Händen der Angst zu einem Spielzeug zu werden. Der Zugriff ist sehr stark."

Bei The Cells geht es vor allem um die Ängste, die Schmerzen, die einen so fest im Griff haben, dass man sich kaum überwinden kann. Sie verlangen Sicherheit und Privatsphäre. Für die Künstlerin Louise Bourgeois bestand die Rettung ironischerweise letztlich darin, das allen zu zeigen. Diese Skulpturen beruhigen, sie sind grotesk und gehen über das Normale hinaus. Sie stecken voller furchteinflößender Symbolik, die immer wiederkehrt, so als ob der Besucher in einem Kreislauf gefangen ist, aus dem er nicht mehr ausbrechen kann und versucht, den berühmten gordischen Knoten durchzuschneiden. 

Louise Bourgeois, Cell (The last climb), 2008 © The Easton Foundation / VEGAP, Madrid

Die letzte Zelle, die zwei Jahre vor ihrem Tod 2010 entstand, heißt The Last Climb. Es ist nicht nur ihre letzte Zelle, sondern auch eines ihrer letzten Kunstwerke überhaupt. Es ist die einzige Skulptur, die kein ungutes Gefühl beim Betrachter hinterlässt. Die Anordnung der Elemente scheint zu einem Abschluss zu kommen. Im Käfig ist aufgeräumt, das Chaos ist verschwunden. Die Elemente streben nach Harmonie statt nach Unordnung. Die Spiraltreppe führt aus der Zelle hinaus, die riesigen, väterlichen Bälle liegen zerbrochen auf dem Boden. Blaue Glasbälle führen neben der Treppe ebenfalls ins Freie, in die Freiheit. Die Skulptur ist lichtdurchflutet, nicht agrophobisch, nicht klaustrophobisch, nicht depressiv, nichts von einer Schlafstörung. Es wird zum Symbol von Freiheit selbst. Ein letztes Aufbäumen, um sich von den übrigen Zellen zu befreien.

Louise Bourgeois: Structures of Existence: The Cells ist noch bis zum 04. September 2016 im Guggenheim in Bilbao zu sehen.

Credits


Text: Felix Petty
Lede-Foto: Louise Bourgeois inside (Articulated Lair) in 1986. Foto: Peter Bellamy © The Easton Foundation / VEGAP, Madrid