hypezig und der wandel

Niedrige Mieten, eine junge und vielschichtige Kunst- und Musikszene und das Gefühl, unter sich zu sein, lässt immer mehr Kreative aus der ganzen Welt nach Leipzig ziehen. Wir fragen uns, warum Leipzig zum Paradies für die kreative Community wurde und...

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04 Februar 2016, 12:20pm

Augenrollen. Das ist bei vielen Leipzigern die erste Reaktion, wenn das Wort Hypezig fällt. Der aus den Wörtern Hype und Leipzig entstandene Begriff geistert schon länger durch die Medien: Von der Frankfurter Allgemeine Zeitung, über die New York Times bis zum heute Journal—einem der meist gesehenen Nachrichtenmagazine im deutschen Fernsehen—berichtet jeder über den Hype um die Stadt im Osten. Das führt automatisch zu Ablehnung: Wenn ein Claus Kleber, der jährlich mehr als eine halbe Million Euro für die Moderation des heute Journals verdient, dir als Leipziger Modedesigner erzählt, wie toll es ist, als Modedesigner in dieser Stadt zu wohnen, kannst du nur mit den Augen rollen. Selbst wenn er Recht hat.

So gut wie jeder Leipziger fängt an, von der Stadt zu schwärmen, sobald er mit dem Augenrollen fertig ist. Es besteht eine beeindruckende Einigkeit darüber, wie lebenswert diese Stadt ist. Eine der schwärmenden Leipzigerinnen ist Eva Howitz. Eva lebt seit 2002 in Leipzig. Damals begann sie an der renommierten Kunsthochschule Burg Giebichenstein in der Nachbarstadt Halle ihr Modedesign-Studium. Doch Halle war ihr zu klein, zu eng und so landete sie—wie viele ihrer Kommilitonen—in Leipzig. Einer derjenigen, der auch zum Studieren von Leipzig nach Halle pendelte, war Frieder Weissbach. Auf gemeinsamen Fahrten zwischen Wohnort und Uni lernten die beiden sich besser kennen und gründeten 2010 schließlich ihr eigenes Modelabel howitzweissbach. Mit Sitz in Leipzig.

Unser erstes Atelier im Westwerk war feucht, wir hatten Ratten, keine Heizung, aber dafür einen Zugang zum Dach. — Eva Howitz

„Die Freiheit für kreative Arbeit ist in Leipzig noch immer relativ einfach zu bekommen", sagt Eva. Zum Beispiel bekomme man noch immer schöne Räumlichkeiten, ohne sich in einem klassischen Brotjob kaputt arbeiten zu müssen, um sie finanzieren zu können. In vielen Hypezig-Artikeln werden alte Klischees abgefeiert: die Freiflächen, die ehemaligen Fabrikhallen, die (temporären) Clubs, die niedrigen Mieten. Die sich daraus speisenden Freiheiten. Interessanter als der Hype selbst ist die Frage, wie viel an diesen Klischees im Jahr 2016 überhaupt noch dran ist. Offenbar einiges. „Es ist einfach Fakt, dass Leipzig günstiger ist als Hamburg und München und gerade im internationalen Bereich unverschämt günstig", sagt Fabian Schütze. Fabian ist Musiker und Sänger in verschiedenen Bands. Zusammen mit Andreas Bischof hat er das Indielabel Analogsoul gegründet. Analogsoul veröffentlicht handverlesene Musik, oft auf Vinyl. Der künstlerische Aspekt steht dabei sowohl musikalisch als auch beim ganzen Drumherum viel mehr im Vordergrund als die Möglichkeit, Geld zu verdienen. Etwas, das in Leipzig noch immer funktioniert. Noch.

Es ist eben immer eine Frage des Vergleichs. Vergleicht man die Mieten, die Freiräume, die Möglichkeiten, mit wenig Geld über die Runden zu kommen, mit Städten wie London, Paris oder Barcelona, dann ist Leipzig ein Paradies. Vergleicht man all das mit Leipzig aus dem Jahr 2005, dann ist vieles teurer, viel Leerstand verschwunden.

Leipzig ist mit seinen 550.000 Einwohnern keine Weltstadt. Leipzig ist groß genug, um als Großstadt durchzugehen, andererseits ist die Stadt klein genug, dass sie etwas Heimeliges behält; dass man schnell von einem Viertel im nächsten ist; dass die Natur, der Wald, die Seen nie weit sind und dass man schnell Leute kennenlernt. Man geht auf dieselben Konzerte, in dieselben Bars, man trifft sich auf der Vernissage oder dem halbjährlichen Rundgang in der Kunsthochschule HGB. „Klar hast du in Berlin die Möglichkeit, in einem Café auf Peaches zu treffen, aber deshalb lernst du sie noch lange nicht kennen. In Leipzig bist du schneller unter der Oberfläche", sagt Eva.

Für eine Stadt der Größe Leipzigs ist die Musik- und Clubszene beeindruckend. Kraftwerk haben kürzlich zwei ausverkaufte Abende hintereinander gespielt. Moderat spielen auf ihrer anstehenden Tour in New York, Berlin, London, Paris, Leipzig. Clubs wie das relativ neue Institut für Zukunft sind Gesprächsthema in Berlin und der ewige Berghain-Vergleich sorgt in Leipzig schon wieder für das berühmte Augenrollen. Überhaupt, die Clublandschaft. Die Distillery—oder wie der Leipziger sagt „Tille"—zeigt seit mehr als 20 Jahren, was gutes Booking ist. Im Westen das Elipamanoke und das Dr. Seltsam, tagsüber Fahrradgeschäft, nachts regelmäßig irgendwas zwischen Bar und Club. Die Ost-Apotheke, die den lange vor sich hin gammelnden Leipziger Osten zuletzt wiederbelebte (das mindestens genauso spannende Goldhorn wurde zum Jahreswechsel geschlossen—auch das gehört dazu). Es gibt viel zu tanzen in der Nacht, und aus diesem Überangebot an Clubs ist eine House- und Technoszene entstanden, die längst international bekannt ist.

Mich stört nicht der Hype selbst, sondern das „wie". Schaut man mal näher hin, ist das ziemlich oberflächliches Tourismusmarketing und ein Thema für Praktikanten und Volontäre großer Blätter, die von der Neon abschreiben. — Andreas Bischof, Analogsoul

Leipzig ist wie kaum eine Stadt in Deutschland seit mehr als 20 Jahren in einem konstanten Wandel. In den letzten fünf Jahren ist Leipzig um mehr als 50.000 Einwohner gewachsen, 2015 sind erstmals seit der Wiedervereinigung mehr Menschen von Berlin nach Leipzig gezogen als umgekehrt. Natürlich ist spürbar, dass mehr Menschen nach bezahlbarem Wohnraum suchen; dass die Mieten steigen; dass viele, die einen älteren Mietvertrag haben, lieber nicht umziehen.

Gentrifizierung findet statt. Plagwitz, das ehemalige Industrie- und Arbeiterviertel am Karl-Heine-Kanal, ist zur Hipster- und Yuppi-Hochburg geworden, die Ateliers in der weltberühmten Baumwollspinnerei dienen heute Künstlern, die sie sich leisten können und den strengen Vergabekriterien gerecht werden—allen voran Vertretern der Neuen Leipziger Schule um Neo Rauch. Andere ehemalige Industrieanlagen werden zu Lofts mit Kanalblick umgebaut und von Immobilienspekulanten zu Preisen ge- und verkauft, die noch vor wenigen Jahren vollkommen undenkbar waren. Ähnliches ist unlängst im Süden passiert, auch der Osten rückt in den Fokus der Immobilienbranche.

Natürlich macht das die Sache für howitzweissbach oder Analogsoul nicht einfacher. Aber auch wenn das ketzerisch klingen mag, Gentrifizierung bringt nicht nur Nachteile. „Klar ist es krass, dass so viele Leute nach Leipzig ziehen. Aber ich kann jeden verstehen, der hier gerne lebt", sagt Eva. „Und viele Menschen, die hier herziehen, tragen ja auch ihren Teil dazu bei, dass Leipzig so lebenswert ist." Angst vor Verdrängung ist unter Leipzigern eher selten anzutreffen. „Es ist noch reichlich Platz", sagt Fabian. Und Andreas pflichtet bei: „In den 1930ern haben hier über 700.000 Menschen gelebt. Da merkt man ein paar Zehntausend mehr doch gar nicht. Ich kenne wenig Großstädte, in denen man sich so entspannt aus dem Weg gehen kann."

Problematisch bleibt dagegen die Jobsituation. Auch wenn Leipzig viel bietet, gibt es Nachteile. Jobs sind rar gesät, Löhne niedrig. Die Tourismus- und Immobilienbranche profitiert von der Kunst- und Kreativszene, gibt ihr aber wenig zurück. Eine Ungleichheit, die Analogsoul als Teil der freien Kunstszene öffentlich immer wieder kritisieren. Es gibt kaum Institutionen oder öffentliche Gelder, die kreative Arbeit unterstützen. Eva bringt es mit einem kurzen, aber sehr treffenden Satz auf den Punkt: „Hier passiert nur etwas, wenn du selbst etwas passieren lässt."

Doch immer mehr Menschen lassen etwas passieren. Bei aller Skepsis sind sich die meisten am Ende doch einig: Leipzig profitiert vom aktuellen Hype. Die Stadt wird internationaler, vielsprachiger. Die Kunstszene wird größer und befruchtet sich gegenseitig.„In Leipzig müssen alle sehen, wie sie überleben und deshalb trifft man sich beim Überleben", sagt Eva.

Der Hype speist sich nicht in erster Linie aus der FAZ, der New York Times oder dem heute Journal. Er hat seinen Ursprung in der Mundpropaganda—in den vielen Menschen, die um die Welt reisen und von Leipzig schwärmen. Und dabei geht es keinesfalls um Praktikanten, die bei der Neon abschreiben, sondern um Erlebnisberichte, um Tatsachen. Kurz gesagt: Wer Leipzig kennt, kann kaum anders als schwärmen. 

Credits


Text: Ayke Süthoff
Screenshot von YouTube aus dem Video „relocate: Leipzig" von i-D