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diese künstlerin arbeitet zwischen kunst, mode und waffenhandel

Im Gespräch mit Irena Haiduk über ihre Army of Beautiful Women und Yugoexport.

von Barbara Russ
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04 Juli 2017, 1:40pm

Irena Haiduk, Spinal Discipline, Kassel, 2017. Foto: Anna Shteynshleyger.

Die serbische Künstlerin Irena Haiduk schickt ihre Army of Beautiful Women zur documenta 14 nach Kassel und Athen, die Bücher auf dem Kopf  und Kleider am Körper tragen, die eine besondere Geschichte haben. Sie verkauft Schuhe von Arbeiterinnen aus dem ehemaligen Jugoslawien in drei unterschiedlichen Preiskategorien: für Verbraucher mit niedrigem, mittlerem und hohem Einkommen. Warum ihr Unternehmen eine weibliche Person ist und wie das alles zusammenhängt, hat sie uns im Interview erklärt.

Yugoexport
Yugoexport ist der Name meines Unternehmens, das ein blindes, blockfreies und mündliches Unternehmen ist. Das Original mit demselben Namen wurde 1953 im ehemaligen Jugoslawien gegründet. Seltsamerweise stellte dieses sehr erfolgreiche Unternehmen sowohl Bekleidung als auch Waffen her. Yugoimport, der waffenherstellende Teil des Unternehmens, überlebte den Zerfall Jugoslawiens als staatliche Rüstungsfirma Serbiens und stellt weiterhin Verteidigungs-Equipment her: Infanteriewaffen, Panzerabwehrwaffen und Geschütze.

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Yugoimport produzierte die Waffen, die die jugoslawische Armee benutzte, solange es den Vielvölkerstaat gab. Nach dem Zerfall Jugoslawiens wurden diese Waffen entweder geraubt oder einfach nicht zurückgegeben. Deshalb sind heute noch die meisten Waffen, die für Terrorangriffe zum Einsatz kommen, zum Beispiel bei dem Angriff in der Pariser Bataclan-Halle, von Yugoimport. Es gibt also dieses Land, das nicht mehr existiert, aber dennoch weiterhin mit seinen Waffen Krieg gegen Europa führt.

Yugoexport hingegen schloss in den 90er Jahren und alle Angestellten wurden entlassen. Ich habe mein Unternehmen Yugoexport genannt, weil ich diese Geschichte interessant fand. Weil ich wollte, dass Yugoexport eine sie ist, habe ich sie in den USA angemeldet, wo Unternehmen dank des Citizens United-Beschlusses Personen sind. Nun nimmt die Kopie von Yugoexport den Platz des nicht mehr existierenden Originals ein. Außerdem bekommen Firmen von außerhalb in Serbien bessere Konditionen als Unternehmen aus dem Inland. Das haben wir EU-Regulationen und Handelsabkommen zu verdanken.

Irena Haiduk, Seductive Exacting Realism, Waiting Room, Neue Neue Galerie, 2017. Foto: Anna Shteynshleyger.

Army of Beautiful Women/Spinal Discipline
Als ich die Performance zum ersten Mal vorschlug, sagte Documenta-Kurator Paul Preciado, der super gender-aware ist und wohl dachte, ich sei das nicht, zu mir: "Es gibt drei Dinge an diesem Projekt, die ich hasse. Das Wort Army, das Wort Beautiful und das Wort Women" [Lacht]. Ich sagte daraufhin: "Dein Problem."

Irena Haiduk, Seductive Exacting Realism, Waiting Room, Transactional Area, Neue Neue Galerie, 2017. Foto: Anna Shteynshleyger.

Ich wollte mit diesem Projekt eine neue Art von Armee gründen. Ich fand das besonders wichtig für Kassel, denn was viele nicht wissen: In Kassel sitzt Rheinmetall. Das Unternehmen stellt Waffen her, die in die ganze Welt geliefert werden und überall Tod und Vernichtung anrichten. Jeden Abend verlässt Kassel ein Zug mit Waffen an Bord. Es gibt da also diese Stadt in Deutschland, Kassel, die mit ihren Waffen Krieg gegen die Welt führt. Dann sind da die Migranten, die wegen dieser Waffen ihre Heimat verlassen müssen und (beispielsweise im Zug) nach Deutschland kommen - Waffe gegen Flüchtling. Ich bin der Meinung, Waffen sollten nicht verkauft werden. Sie haben eine einzige Bestimmung, eine einzige Verwendung: anderen Menschen zu schaden. Bücher beispielsweise kann man auf verschiedene Arten nutzen. Wenn ich sie auf die Köpfe lege, kreieren sie eine gerade Haltung. Man könnte sagen: Sie schaffen Rückgrat. Das Gegenteil von Unterdrückung. Gewöhnliche Armeen interessieren mich nicht. Ich will stattdessen eine Armee der Schönheit schaffen, eine Armee der Frauen. Schönheit ist für mich die Idee von Komfort und Freiheit, sich zu bewegen, wohin man will. Deshalb schicke ich die Army of Beautiful Women, die Angestellte der documenta sind, durch die großen Boulevards der Städte, in den Borosana-Schuhen und mit Büchern auf dem Kopf — sie bewegen sich frei.

Irena Haiduk, Seductive Exacting Realism, Transactional Area, Form B-02, Neue Neue Galerie, 2017. Foto: Anna Shteynshleyger.

Nine Hour Delay
Im ehemaligen Jugoslawien sind wir das Warten gewohnt, das Nicht-frei-sein, das Sich-nicht-frei-bewegen. Heute warten wir auf bessere Zeiten, auf Demokratie, darauf, dass uns die Europäische Union als Mitglied aufnimmt. Das Warten kennen wir schon seit dem Osmanischen Reich. Es kam im 14. Jahrhundert, übernahm die Macht und blieb fünf Jahrhunderte bestehen. Ich empfinde das Warten als eine sehr demütigende Position. Eine Position des Vor-sich-hin-Rottens.

Heute muss ein Krieg nicht mehr unbedingt blutig sein. Man kann ein Land wirtschaftlich in eine Warteposition zwingen, die beinahe genauso schlimm ist. Die Leute sterben dann langsam an einem ungelebten Leben. Und die Mehrheit der Weltbevölkerung lebt so. Das Gegenteil davon ist für mich die Bewegungsfreiheit. Die Kleider der Army of Beautiful Women, Pattern 2 und Pattern 3 sind nach dem ersten Schnitt gestaltet, der die Frau vom Korsett befreite. Dieses Muster wurde 1914 im faschistischen Italien zum Spazieren und Tanzen kreiert. Unsere Schnittmacher haben das Originalmuster angepasst und zeitgemäß umgestaltet, Spitzen entfernt und eine kurzärmlige Version entworfen. Unsere Kleider sind also dazu gemacht, sich darin zu bewegen.

Auch die Schuhe von Borosana sind so designt, dass Frauen sich damit gut bewegen können und dass sie bis zu neun Stunden darin stehen können, ohne der Wirbelsäule zu schaden. Sie wurden von 1960 bis 1969 in der Borovo Rubber Industry in Vukovar von orthopädischen Chirurgen entwickelt und von den Angestellten der Fabrik getestet. Der Schuh wurde dann für alle arbeitenden Frauen vorgeschrieben. Auf der documenta gibt es den Schuh zu kaufen, aber die Käuferin muss sich verpflichten, ihn nur bei der Arbeit zu tragen.

Irena Haiduk, Seductive Exacting Realism, Waiting Room, Voice Base, Neue Neue Galerie, 2017. Foto: Anna Shteynshleyger.

Borosana Shoe Issue
Weil wir ein mündliches Unternehmen sind, erzeugen wir Bilder auf eine andere Art, als aktuell üblich und wir wollen auch, dass sie anders konsumiert werden. Bilder sind heute visuell so klar und detailreich, dass man oft schon vom Hinsehen genug bekommt. Man muss das Beworbene gar nicht mehr haben.

Deshalb haben wir unsere Bekleidungs-Produkte, bis auf die Borosana Schuhe, in unserer Transaction Area nicht sichtbar präsentiert. Wir wollen das Tempo des Konsums reduzieren. Wir produzieren eine Hose für Sommer und eine für Winter, ein Kleid für Sommer, eines für Winter, eine Jacke, eine Herrensakko und die Borosana-Schuhe. Unsere Schnitte dauern zwischen vier und neun Jahren, bis sie ausgereift sind. Wer etwas möchte, muss unser Personal danach fragen. In Kassel hat bisher nur ein Mann, ein Chinese, gefragt, ob wir auch Jacken herstellen. Er hat dann eine gekauft. That's the oral way.

Am Ende der documenta soll außerdem es einen Katalog der Artikel geben. Die Bilder werden online gezeigt, aber jedes wird nur zwei Minuten zu sehen sein und dann verschwinden. Es kann dann vom selben Computer nicht mehr abgerufen werden und wird zu einem Bild in der Erinnerung der Besucher. 

Credits


Text: Barbara Russ