Die neue Nüchternheit: Warum die Straight-Edge-Community immer weiter wächst

Viel mehr junge Menschen verzichten ganz bewusst auf Zigaretten, Alkohol und Drogen.

von Erica Euse
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12 Mai 2017, 8:25am

Als Ian MacKaye den Song „Straight Edge" im Jahr 1981 geschrieben hat, wusste er nicht, dass er damit eine weltweite Bewegung auslösen würde. Für den Frontmann der Band Minor Threat war der 46-sekündige Track mehr als eine Ablehnung gegen den ausschweifenden, verdrogten Lifestyle der damaligen Punks gemeint. Zeilen wie "I'm a person just like you, but I've got better things to do, than sit around and smoke dope, because I know that I can cope" haben Tausende Punks dazu inspiriert, clean zu bleiben.

Punkrock gab es vor "Straight Edge" schon ungefähr zehn Jahre. Das Rockgenre, das im Underground der 70er entstanden ist, definierte sich über die Abkehr vom Mainstream und enthielt oft politische Botschaften. Neben den schnellen Riffs von Chuck Berry und Texten, die vom Alltag inspiriert wurden, herrscht bei der Punkrockrebellion auch viel Drogen- und Alkoholmissbrauch. Für MacKaye bedeutet das Punkrocker-Dasein nicht zwangsläufig, dass man high sein muss — und das war ein revolutionärer Akt.


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Aus dem Begriff "Straight Edge" hat sich eine Subkultur innerhalb der Hardcore-Szene entwickelt, deren Mitglieder sich dazu verpflichten, keine Drogen zu nehmen, nicht zu rauchen und keinen Alkohol zu trinken. Die Bewegung hat in den letzten vier Jahrzehnten verschiedene Formen angenommen, von gewaltbereiten, militanten Gruppen bis zu religiösen Hare Krishnas. Heute gibt es eine neue Generation Jugendlicher, die den Substanzen abschwören und der Bewegung neues Leben einhauchen.

"In meinem ganzen Leben war Alkohol-, Drogen- und Tabakmissbrauch präsent, aber ich wollte nie meinen Verstand, meine Sicherheit und die der anderen aufgeben müssen", sagt mir die 20-jährige Jacqueline City, die seit 2014 straight edge lebt. "Bevor ich straight edge kannte, habe ich mich sehr anders und alleine gefühlt, weil ich keinen Alkohol trinken und keine Drogen nehmen wollte. Aber die vegane Straight-Edge-Lebensweise hat mir dabei geholfen, mich selbst und meine Werte zu finden."

Durch ein YouTube-Video von Patty Walter, Frontmann der britischen Pop-Punkband As It Is, kam sie in Kontakt mit der Straight-Edge-Szene. "Darin erklärt er, dass es auf der Schule in der 8./9. Klasse die Norm war zu trinken und dass er darauf keine Lust hatte", erzählt uns Jaqueline über das Video, das über 300.000 Mal angeklickt wurde. "Seine Geschichte hat bei mir nachgehallt, weil ich sehr ähnliche Erfahrungen gemacht habe."

Die Leute, die sich Anfang der 80er, als straight edge identifiziert haben, haben ein schwarzes "X" auf ihren Handrücken geschrieben. Das war das gleiche Zeichen, das Clubbesitzer minderjährigen Konzertbesuchern verpasst haben, die zu jung zum Trinken waren. Aus dem "X" ist ein universelles Symbol für die Straight-Edge-Community geworden. Heutzutage führen viele Straight Edger das "XXX" — oder das "XVX" für eine vegane Lebensweise — in ihren Social-Media-Bios. Viele Straight Edger sind Veganer oder Vegetarier, das ist ein weiterer Weg, um clean zu leben.

Online-Communitys wie Straight Edge Worldwide haben über 80.000 Follower auf Facebook und bieten einen Zugang zur Szene. Auch wenn nicht jeder Jugendliche, der nicht trinkt, automatisch straight edge ist, zeigen Studien, dass immer mehr Jugendliche ein Leben ohne Rauschmittel leben wollen. Laut einer Erhebung der Non-Profit-Organisation Child Trends ist die Anzahl von Studenten, die in den letzten 30 Tagen keine Substanzen (keine Zigaretten, kein Alkohol oder illegalen Drogen) zu sich genommen haben, von 26 Prozent im Jahr 1976 auf 54 Prozent im Jahr 2014 gestiegen. Der höchste Wert, der jemals gemessen wurde. Der Konsum von Drogen, Alkohol und Zigaretten ist im Jahr 2016 laut der Studie "Monitoring the Future" unter Jugendlichen auf die niedrigsten Werte seit den 1990ern gesunken.

Zwar gibt es für den Rückgang nicht nur einen Grund, doch Wissenschaftler gehen heute der Frage nach, ob es einen Zusammenhang zwischen dem Smartphone-Gebrauch von Teenagern und ihrem Drogenkonsum gibt, da die elektronischen Gadgets einen ähnlichen Effekt haben können. Viele Experten führen die Entscheidung, einen cleanen Lifestyle zu verfolgen, auf die Aufklärungskampagnen und den Einfluss von Eltern und Lehrern zurück, die mit ihren Kindern und Schülern über die Gefahren vom Substanzmissbrauch informieren und ihnen gesunde Alternativen zeigen.

Die University of Vermont bietet ihren Studenten seit dem Jahr 2016 mit dem "Wellness Environment"-Programm so eine Alternative an. Das Hilfsangebot richtet sich an neue Studenten, die gesund leben möchten. Das Programm umfasst Seminare in Neurowissenschaften, Meditation, Ernährungsberatung, Personal Trainer und Zimmer in substanzfreien Studentenwohnheimen. Der Erfolg dieser Angebote hat andere Universitäten dazu veranlasst, über eine ähnliche Einführung für ihre Studenten nachzudenken.

"Ich wollte bei beim ‚Wellness Environment'-Programm mitmachen, weil ich auf meiner High School in einem ähnlichen Programm war und weiterhin Teil dieser Community sein wollte", sagt Caroline Duksta, die sich gerade im ersten Semester befindet. "Ich habe mein Training immer sehr ernst genommen. Um mich weiter zu verbessern, musste ich in dieser Community bleiben."

Sie ist bei Weitem nicht die einzige Studentin an der Universität, die an einer substanzfreien Umgebung interessiert ist. Nächstes Jahr wird das Programm von 120 auf 650 Plätze für Studenten aufgestockt, um der Nachfrage gerecht zu werden.

"Ich glaube, dass mehr Studenten diese Umgebung suchen, in der sie dabei unterstützt werden, sich durch den Unistress, den Druck und die Herausforderungen des Unilebens zu navigieren", sagt Annie Stevens, Dekanin für Studentenangelegenheiten an der University of Vermont. "An unserer Universität hat es in den letzten fünf Jahren einen signifikanten Rückgang an hochrisikohaftem Trinken gegeben."

Der Rückgang liegt an vermehrten Angeboten der Universität, darunter Motivationsprogramme wie BASICS (Brief Alcohol Screening in College Students) und mehr Engagement der Eltern. Ähnliche Initiativen gewinnen mehr Bedeutung in den USA. In Ohio hat ein Ferienlager für Schüler, die clean leben wollen, Rekordteilnahmezahlen vermeldet.

"Mich überrascht es überhaupt nicht, dass immer mehr Leute Teil unserer Community sein wollen", sagt uns die junge Studentin Dutska über das Programm zum Abschluss. "Es ist ruhig dort und ein inspirierender Ort, um ein erfolgreicher Student zu sein. Viele Leute wollen erfolgreich sein und Wellness Environment hilft dabei, diesen Erfolg erreichen zu können."

MacKanye wollte zwar vielleicht nie eine Bewegung starten, aber 30 Jahre später ist seine Botschaft immer noch für viele interessant. Immer mehr junge Menschen wollen ein Leben ohne Alkohol, Zigaretten und Drogen führen. Aus dem einst revolutionären Lifestyles ist heute eine Selbstverständlichkeit geworden.

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Foto: Flickr Creative Commons