warum es manchmal besser ist, einfach aufzugeben

Besonders in unseren 20ern sollten wir es uns selbst viel mehr erlauben, manchmal einfach aufzugeben.

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Sep. 21 2016, 7:45am

Von klein auf wird uns eingetrichtert, dass wir niemals aufgeben und immer unsere Träume verfolgen sollten. Doch stelle man sich mal vor, was es bedeutet, würden wir das tatsächlich tun. Wolltest du eine Prinzessin werden, als du klein warst? Zum Glück hast du das mit 13 Jahren aufgegeben. Wolltest du zu Germany's Next Topmodel gehen, als du ein Teenager warst? Zu 99 Prozent bist du heute froh, dass du deinen Traum nicht verfolgt hast beziehungsweise gar nicht die Möglichkeit hattest, ihn zu verfolgen. Danke, Mami. Danke, Papi.

Sobald wir über die Pubertät hinaus sind, scheint es jedoch problematischer zu werden, etwas aufzugeben. Plötzlich sind wir erwachsen und es fühlt sich wie Verrat an uns selbst an, unsere selbstgesteckten Ziele umzuwerfen oder umzustecken. Natürlich sind die Träume und Ansprüche inzwischen realistischer, was das Aufgeben nur umso schwerer macht. Schließlich sind die Dinge, die wir aufgeben, jetzt machbar und nicht mehr utopisch. Oder etwa nicht?


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Ein Grund, warum wir realistischere Ziele haben, wenn wir älter werden, ist, dass wir uns besser kennen. Wir ändern nicht mehr alle drei Minuten unsere Meinung zu Themen, entwerfen alle vier Minuten ein neues Selbstverwirklichungskonzept und entscheiden alle fünf Minuten, wie unser Lebenspartner bitteschön zu sein hat. Es gibt uns dieses Gefühl von Erwachsensein und Selbstsicherheit, nun endlich zu wissen, was wir wollen und wie wir es wollen. Dabei vergessen wir oft, dass wir unsere Meinungen und Vorstellungen immer noch ändern dürfen und sogar sollten. Doch allzu oft versetzen uns genau diese neuen Ideen in ein Gefühl des Rückschritts und des Versagens. Schließlich haben wir gerade erst herausgefunden, wer wir sind. Können wir das jetzt schon wieder aufgeben?

Ja, können wir. Denn auch wenn wir in unseren Zwanzigerjahren denken, wir hätten die Weisheit bereits mit Löffeln gegessen, ist es genau das Jahrzehnt, in dem man sich ausprobieren sollte, sich neu erfinden kann und seinen Job, seine Beziehung, sein Hobby oder sein soziales Umfeld verändern kann, ohne dass dabei Kinder auf der Strecke bleiben, Existenzen ruiniert werden oder ungehörige Enttäuschungen fabriziert werden. In den Zwanzigerjahren muss niemand bereits einen Lebensplan für die restlich 80 Jahre haben, niemand muss sich festlegen. Besonders wenn man gegen eine Wand läuft und unglücklich ist, kann Aufgeben der richtige Weg sein, um eben nicht Gefahr zu laufen, sein Leben lang frustriert zu sein. Vor allem jetzt sollte man sich Fehler zugestehen können, auch wenn das schwer fällt.

Speziell wenn wir in einem Bereich besonders erfolgreich sind, ist das Aufgeben schmerzhaft. Es ist ein großartiges Gefühl etwas, das man sein Leben lang wollte und verfolgt hat, endlich erreicht zu haben. Vielleicht willst du aber genau das jetzt nicht mehr, was vollkommen OK ist. Mit Erfahrungen, Veränderungen und neuen Prioritäten verändern sich eben auch die Ziele. Und selbst wenn dein Weg erfolgreich ist, ist er vielleicht nicht erfolgreich und profitabel für dein Leben. Je mehr man erreicht hat, desto schwieriger kann das Aufgeben sein. Umso besser kann jedoch auch das Gefühl der Erkenntnis sein, dass man sich eigentlich so verändert hat, dass es nicht mehr das Richtige ist. Darin kann die wahre Stärke liegen.

Die wichtigste Erkenntnis zum Aufgeben sollte jedoch sein, dass es nicht mit Versagen gleichgesetzt werden kann. Solange wir etwas aufgeben, weil es uns unglücklich macht, werden wir nach dem Aufgeben glücklicher sein. Und am Ende ist das im Leben das Einzige, das du dir selbst schuldig bist. Niemand hat das Recht, enorme Erwartungen an dich zu stellen und niemand schreibt dir vor, wie dein Leben auszusehen hat. Wenn wir also denken, wir müssen etwas tun, dann meistens nur, weil wir es uns selbst aufgetragen hast. Aufgeben ist in erster Linie etwas, das wir mit uns selbst ausmachen müssen.

Häufig ist das Aufgeben sogar ein Erfolgsrezept. Nur wenn du etwas aufgibst, kannst du etwas Neues anfangen, das dich vielleicht erst zum Lebenserfolg führen kann. Auch wenn viele Erfolgsgeschichten das Element des Zähne Zusammenbeißens und Niemals Aufgebens in sich haben, wird uns oft verschwiegen, welche anderen Projekte, Dummheiten, Liebeleien, Feiereien und Ambitionen vorher aufgegeben wurden, um überhaupt erst an diesen Punkt zu gelangen. Sei es das Studium, Job, Partner, Sozialleben, das Hobby oder die Selbstverwirklichung, es ist OK, manchmal einfach das Handtuch zu werfen. Die Chancen sind nämlich ziemlich hoch, dass danach etwas viel Besseres kommt.

Credits


Foto: Justine Reyes via Flickr / CC BY 2.0