der neue rammstein-film ist brutal ehrlich wie die band selbst

Jonas Åkerlund ist für seine skandalträchtigen Musikvideos und Filme wie „Smack My Bitch Up“ von the Prodigy bekannt. In den letzten vier Jahren hat der Regisseur und Ex-Drummer an dem langerwarteten Konzertfilm „Rammstein Paris“ gearbeitet. Wir haben...

von Selina Bauer
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23 März 2017, 3:55pm

Die Begeisterung über Rammstein und ihre spektakuläre Bühnenshow ist Åkerlund spürbar anzumerken, als er uns freudestrahlend über seinen neuen Konzertfilm erzählt. Dass er selbst vor rund 30 Jahren als Schlagzeuger der Black Metal Band Bathory auf der Bühne gestanden ist, erklärt diese Begeisterung wohl nur allzu gut. Åkerlund selbst hielt sich nie für einen besonders guten Drummer und ist glücklich über den Umstand, sein Schlagzeug endlich gegen die Kamera ausgetauscht zu haben. Weil die Bühnenshow der deutschen Industrial-Metal-Band weltweit zu den wohl spektakulärsten und einzigartigsten zählt, haben wir den Regisseur und Vorvater des Black Metal zum Interview getroffen, um mehr über den Konzertfilm, der heute in den Kinos startet, und seine Beziehung zur deutschen Kult-Band zu erfahren.

Dein neuer Film Rammstein Paris dokumentiert zwei Konzerte der Band in Paris aus dem Jahr 2012. Welche Erinnerungen hast du an die erste Begegnung mit Rammstein?
Wir haben uns zum ersten Mal beim Dreh zum Video für ihren Song Mann gegen Mann getroffen, das war 2005. Allerdings haben wir uns im Vorfeld eine halbe Ewigkeit gegenseitig per Email entertaint bis wir endlich zusammengearbeitet haben. Live habe ich Rammstein aber schon in den frühen Neunzigern in Schweden als Vorband gesehen.

War ihr Bühnenshow auf dem Konzert in den frühen Neunzigern schon vergleichbar mit der im Film?
Lustigerweise ja! Ich erinnere mich noch gut an den Moment, als damals Tills Mantel in Flammen aufgegangen ist. Früher gab es schon viel Feuer und Pyrotechnik auf der Bühne zu sehen. Ich denke, sie hatten zu dieser Zeit bereits ein ähnliches Equipment wie heute, nur dass die Shows und somit natürlich auch das Budget über die Jahre viel größer wurden.

Wie würdest du den Film mit wenigen Worten beschreiben?
Es ist ein Konzertfilm, aber kein klassischer. Unser Ziel war es, dem Zuschauer das Konzert mit Hilfe variierender Sound- und Spezialeffekte aus einem anderen Winkel zu zeigen. Natürlich kann man den Film nicht mit dem Erlebnis der Rammstein Liveshow vergleichen, aber ich finde, dass der Film das Gefühl, live dabei gewesen zu sein, spürbar transportiert.

Ihr habt die Konzerte bereits 2012 aufgenommen. Hat es aufgrund der ganzen Spezialeffekte vier Jahre gedauert, bis der Film raus kam?
Dafür gibt es mehrere Gründe. Der Dreh allein war sehr zeitaufwendig und die Nachbearbeitung natürlich auch. Wir haben uns aber auch nicht unter Druck gesetzt, den Film möglichst schnell fertigzustellen — das Ergebnis war entscheidend! Mit jedem anderen Künstler wäre das kaum möglich, da die Show längst veraltet und nicht mehr sehenswert wäre, aber Rammstein ist so zeitlos, dass es keinen Unterschied macht, ob der Film vor vier Jahren oder heute zu sehen ist.

Ist es das, was dich an Rammstein fasziniert?
Alles fasziniert mich an der Band — keine anderen Künstler haben mich über die Jahre hinweg so begeistert und beeinflusst. Vor unserem ersten gemeinsamen Video zu Mann gegen Mann hatte mich die Band bereits mehrfach angefragt, aber ich wusste gar nicht, was ich zu ihrem Gesamtkunstwerk noch hätte beisteuern können. Sie erinnern mich auch heute noch immer wieder aufs Neue, auf was es wirklich ankommt.

Und auf was kommt es an?
In erster Linie natürlich darauf, nicht zu vergessen, wer man ist und wo man herkommt. Und keinen Wert darauf zu legen, was sich im Rest der Entertainment-Welt abspielt. Außerdem die Eier zu haben, Dinge mit Herz und nicht mit Verstand zu machen. Den meisten Künstlern, mit denen ich bisher gearbeitet habe, fehlt der Mut dazu.

Bedeutet das für dich künstlerische Freiheit?
Ich finde es schwierig, für mich als Regisseur künstlerische Freiheit zu definieren. Bei meinen Videos und Filmen arbeite ich immer mit Künstlern zusammen, die natürlich auch ein Image haben, dem ich gerecht werden soll. Ich habe mir über die Jahre Ansehen und Respekt erarbeiten und meinen eigenen Stil präzisieren können. Aber auch bei Rammstein wird nichts dem Zufall überlassen. Es ist nicht so, dass wir einfach nur kurz brainstormen und ein paar Ideen zusammenschreiben — so funktioniert das nicht. Alles ist wahnsinnig durchdacht. Sie wissen genau, was sie wollen, aber das macht Rammstein zugleich auch so einzigartig.

Mit dem berüchtigten Video zu Smack My Bitch Up von The Prodigy kam dein Mainstream-Durchbruch. Hat sich deine Ästhetik seither stark verändert?
Mainstream [Lacht]. Damals war das alles andere als Mainstream! Ich konnte die Reaktionen auf das Video zuerst gar nicht nachvollziehen, weil ich daran nichts außergewöhnliches oder gar provokatives gefunden habe. Heute kann ich es dafür in gewisser Weise etwas verstehen. Im Vordergrund steht für mich immer, den Künstler aus seiner Komfortzone zu pushen, um neue Dinge auszuprobieren. Natürlich ist das immer wieder eine Herausforderung, aber für mich hat sich an meiner Ästhetik in den Jahren im Grunde nichts maßgebliches verändert.

Deine Videos und Filme gelten generell als sehr provokant und beinhalten häufig Gewaltdarstellungen. Ist Provokation für dich ein maßgebliches Stilmittel?
Es gab eine Zeit, in der Leute meine Videos gar als gewaltverherrlichend angesehen haben, weil sie von MTV zensiert wurden. Natürlich bin ich dadurch bekannt geworden, aber ich habe auch Videos wie Madonnas Ray of Light gedreht, von daher ist Provokation für mich nicht maßgeblich. Das Tolle an Musikvideos ist doch, dass man den Song in vier Minuten visualisieren kann und damit will ich das Publikum berühren, koste es was es wolle.

Vermisst du etwas aus der Zeit, in der Musikvideos noch im Fernsehen stattfanden oder gefällt dir das Internet als Plattform?
Ich war kein Fan vom Musikfernsehen. Ich musste mich ständig mit Zensierungen herumärgern, weil MTV der Musikindustrie alles diktiert hat. Am Anfang war Musikfernsehen eine kreative Explosion. Alles war so neu und einzigartig, aber das hat nicht lange angedauert. In der Show TRL wurden regelmäßig die besten Musikvideos ausgewählt — was dort auf Platz eins gelandet ist, war der Maßstab. Plattenfirmen und Künstler haben mich genau mit dieser Vorstellung angefragt und ich habe immer wieder gesagt, dass ich so etwas nicht mache. Ich bin trotzdem froh, dass wir das Internet als Medium haben, wobei der Sound und die Grafik auf den kleinen Bildschirmen nie meinen Ansprüchen genügen.

Credits


Text: Selina Bauer
Foto: Screenshot von Youtube aus dem Video „Rammstein: Paris - Official Trailer #1" von Rammstein Official.

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