aktivismus, tech dads und ein riesiger teddy bei der london fashion week men's

Die London Fashion Week Men's ist gestern zu Ende gegangen. Aus aktuellem Anlass waren politische Ideen omnipräsent, doch natürlich war auch eine gewaltige Brise Extravaganz mit dabei. Wir zeigen dir einige der spannendsten Kollektionen.

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Juni 13 2017, 2:25pm

Matthew Miller

Foto: Mitchell Sams

Düster und mit dekonstruierten Stücken präsentierte der seit mehreren Saisons als sehr politisch bekannte Designer seine Kollektion. "Degenerate" ist ihr Titel, zu Deutsch "Zerfall", und Matthew Miller zufolge seine Antwort auf die junge, politisierte Generation und ihre "sorgenfreie, unverfälschte Freiheit". Hemden wurden als Röcke gebunden, Mäntel wurden wie Capes getragen — die Models, Männer wie Frauen, trugen verschmierten Lippenstift in Blau und Violett. Präsentiert wurde die Show in der St. Sepulchre Church, eine gotische Kirche in der Gegend Holborn.

Charles Jeffrey Loverboy

Foto: Anabel Navarro

Es war die erste Solo-Show des Central-Saint-Martins-Absolventen und eine richtige Vorstellung: inklusive Performance, Tanz und schließlich Jubelgeschrei. Seine typischen barocken Schulterpartien und Taillen, kombiniert mit energischen und jungen Ideen, die 80er-Jahre-Einflüsse erahnen ließen, machten ihn zu einem der am meisten besprochenen Designern dieser Fashionweek. Sportswear, Kleider, graphische Prints, Body-Paint, fiktive Albtraum-Schlagzeilen aus Zeitungen und außergewöhnliche Schnitte: Charles Jeffreys Loverboy-Show war ein actionreicher Augenschmaus.

Auch auf i-D: Wir haben Modeikone Dame Vivienne Westwood zum ausführlichen Interview getroffen

Wales Bonner

Foto: Mitchell Sams

Zu Beginn von Wales Bonners Show bekamen die Gäste eine kleine Lektüre gereicht: Ein Ausschnitt aus einem Essay von Hilton Als, diesjähriger Pulitzer-Preisträger in der Kategorie "Kritiken". Die Passage handelt von dem Autor James Baldwin und den schwarzen, queeren Kreativen, die ihn sich zum Vorbild nahmen. Ähnlich klar und kritisch war Grace Wales Bonners Kollektion: minimalistisch aber detailreich, die Looks ernst und mit schmalen Silhouetten. "Ich habe über Sexualität und männliche Beziehungen nachgedacht, auf jede erdenklliche Art und Weise", sagte sie. Die intime Präsentation der 26-jährigen Designerin, ebenfalls Alumna der Central Saint Martins, regte in jeder Hinsicht zum Nachdenken an.

Band of Outsiders

Etwas lockerer ging es beim amerikanischen Designer-Duo Band of Outsiders zu. Daniel Hettmann und Angelo Van Mol überraschten mit einer Comedy-Show. Models waren Londoner Comedy-Ikonen wie Joe Sutherland, Elliot Steel, Alistair Williams und Mo Gilligan. Sie trugen die Looks zur Schau und machten nebenbei Witze, unter anderem über die Modewelt. Die Mode war ebenso ungezwungen, mit Sportswear im Segler-Stil — Blazer, Parker und Blousons in hellen Farben und lockeren Schnitten. Humor — so finden die beiden kalifornischen Jungs — ist Teil ihrer Marke. Noch sind sie damit in der Branche tatsächlich eine Band of Outsiders, aber der Top Secret Comedy Club tobte.

Martine Rose

Foto: Anabel Navarro

Vorbild für ihre Kollektion war unter anderem Steve Jobs. Martine Rose hatte einen "Tech Dad" im Kopf und orientierte sich für ihre Looks an "traditionell uncoolen" Sachen, wie zum Beispiel Golf. Dabei heraus kam gar nicht uncoole Outdoor-Bekleidung mit einem Haute-Couture-Dreh. Frauen wie Männer trugen Fleece, Cargo-Hosen, Hoodies und weite Jeans. Martine hat nicht ohne Grund den Ruf, eine der großen Talente in der britischen Männermode zu sein. 

Liam Hodges

Foto: Mitchell Sams

Luxuriöse Alltags- und Sportbekleidung sind Liam Hodges' Spezialität. Zu gegebenem Anlass gab es dazu diese Saison eine Prise Anarchie: Die Kollektion sollte die Generation ansprechen, die leiden muss, O-Ton: "the s*** they have to deal with". Liams Anliegen, unsere eigene Stimme finden, schimmerte durch die gesamte Präsentation. Auf vielen Teilen war das Wort NOISE zu lesen, ein riesiger Teddy ahmte Edvard Munchs Der Schrei nach. Es war eine Collage aus Subkulturen und eine Hommage an die DIY-Kultur. 

Vivienne Westwood

Die Queen des Punks läutete das Ende der Fashionweek mit Ballerinas und Akrobaten ein. Es gab clowneske Face-Paints zu sehen, aufgeklebte Rosenblütenblätter als Lippenstift, Fischnetz-Strumpfhosen in die Müll gesteckt worden war und immer wieder altbekannte Westwood-Elemente: Korsette, Nadelstreifen und wagemutige Slogans. Völlig frei von Gender war die Show voll politischer Botschaften und gezeichnet von Viviennes Aktivismus: Gegen den Klimawandel und für Labour waren diese Saison omnipräsente Themen — die Band Levent & Taylor sang sogar "the future is with Corbyn". Zum Finale wurde Vivienne auf den Schultern eines Artisten-Models über den Catwalk getragen. Auf ihrem T-Shirt prangte das Wort: "Motherfucker". Punk is not dead.

Credits


Text: Joely Ketterer
Titelfoto: Anabel Navarro