wie ein film über kannibalismus zum coming-of-age-film des jahres wurde

Regisseurin Julia Ducournau zeigt uns mit ihrem Film „Raw“, dass Hunger nach Menschenfleisch auch etwas mit dem Erwachsenwerden und Menschlichkeit zu tun haben kann. Und dass Vegetarier zwar kein Tierfleisch essen, das Menschenfleisch aber nicht...

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März 28 2017, 1:50pm

Du hast wahrscheinlich schon von Raw gehört, manchmal auch unter seinem Alternativtitel Grave bekannt. Das ist Julia Ducournaus Debütfilm über eine junge französische Kannibalin. Spätestens als die ersten Meldungen darüber eingingen, dass Zuschauer bei einem Screening in Toronto in Ohnmacht gefallen sind, war der Film auf dem Kinoradar. Der Hype und die Spekulationen um den Film haben seitdem immer mehr zugenommen und mit jedem neu veröffentlichten Bild des blutverschmierten Gesichts der rehäugigen Hauptdarstellerin Garance Marilliers ist die Vorfreude von Filmfans gestiegen und noch mehr Mägen haben sich umgedreht.

Doch jenseits der fleischlichen Gelüste, die zugegeben verstörend sind, bietet der Film eine originelle Interpretation einer Coming-of-Age-Geschichte. Während viele Filme dieses Genres auf bekannte Themen wie Sexualität und Unabhängigkeit setzen, nimmt Ducournau diese Ideen auf und spinnt die Frage weiter: Was bedeutet es, ein Mensch zu sein?

Im Film begleiten wir die Hauptfigur Justine, die obwohl sie eine militante Vegetarierin ist als Eingangsritus auf der Uni Fleisch probieren muss und sich danach zu einer Kannibalin mit Gefühlsschwankungen entwickelt. Zwischen ihren menschlichen Happen navigiert sie sich auf dem Internat durch ein Korsett aus Kontrolle und inneren Auseinandersetzungen zwischen Mensch und Bestie. Wir wollten mehr wissen und haben mit der jungen Regisseurin über ihren Debütfilm, Identität, Familie, Sex und Vegetarismus gesprochen.

In dem Film geht es um viel, um das Erwachsenwerden, Sex, Gewalt und Schwesternschaft. Warum benutzt du Kannibalismus als Filter, um über diese Themen zu sprechen?
Es geht in dem Film über all diese Dinge, das stimmt. Aber für mich lautet die zentrale Frage des Films: Was bedeutet es, Mensch zu sein? Wie wird man zu einem menschlichen Wesen? Wann trifft man seine erste Wahl im Leben? In der Pubertät sind Teenager damit konfrontiert, ihren eigenen moralischen Kompass zu entwickeln.

Als ich mich am Anfang mit der Idee Kannibalismus gespielt habe, meinte ich zu meinem Produzenten: „Das ist doch interessant, dass in den meisten Kannibalenfilmen die Kannibalen nur als die Anderen dargestellt werden. Entweder kommen sie aus dem Weltall oder sind Zombies. Das ist doch komisch, weil Kannibalen real sind. Das waren sie immer und es wird sie auch immer geben. Man kann sie nicht so darstellen, als ob sie nicht zur menschlichen Rasse gehören, dabei sind sie Teil der Menschheit." Ich habe mich gefragt, warum wir sie als Außenseiter betrachten? Warum unterdrücken wir diesen Teil der Menschheit, statt ihn zu erkunden?

Das sind unglaublich weite Themenfelder, die du ansprichst, gerade für einen Film unter zwei Stunden. Wie bist du das angegangen?
Ich bin bei der Frage, was es bedeutet, ein Mensch zu sein, einen Schritt weitergegangen, als die meisten sonst gehen. Wie verändert das einen Menschen? Kann man am Ende des Films sagen, dass sie ein Mensch ist oder nicht? Oder wachsen ihr Tentakeln aus den Ohren? Nein, sie ist immer noch ein Mensch. Sie hat das alles getan, aber am Ende ist sie ein Mensch, weil sie sich zum ersten Mal eine moralische basierte Entscheidung trifft: Ich könnte andere umbringen, tue es aber nicht.

Dass Kannibalismus so alt ist wie die Menschheit ist ein interessanter Gedanke. Es gibt offensichtlichere Referenzen in Zombiefilme, aber es gibt Anleihen bei biblischen Erzählungen und antiken Sagen. Gibt es spezielle Geschichten, auf die du anspielst?
Ich interessiere mich besonders für Claude Levi-Strauss, ein berühmter französischer Anthropologe und Geograf, der sich intensiv mit Kannibalismus auseinandergesetzt hat. Er hat überall auf der Welt Stämme besucht, die immer noch rituellen Kannibalismus praktizieren. Er hat sich die Frage gestellt, warum wir ein Verhalten als monströs bezeichnen, wenn unser Verhalten den Stämmen gegenüber ebenfalls als monströs bezeichnet werden kann. Wenn wir zum Beispiel Leute ins Gefängnis werfen.

Mich interessiert der anthropologische Aspekt am Kannibalismus. Es gibt nicht den einen Kannibalismus, sondern jeder Fall von Kannibalismus stellt einen anderen moralischen Fall dar. Ein Serienmörder, der seine Opfer isst, ist nicht in der gleichen Situation wie das Rugbyteam, dessen Flugzeug in den Anden abgestürzt ist, und die die Körper ihrer verstorbenen Teammitglieder essen mussten, um zu überleben.

Das wirft doch die Frage nach dem Stellenwert von gesellschaftlichen Konventionen und Sitten auf. Anfangs ist es für Justine noch undenkbar, Fleisch zu essen, aber gegen Ende isst sie Menschen.
Sie isst nicht einfach Menschen — das ist ein innerer Konflikt von ihr. Das unterscheidet sie von ihrer Schwester. Justine ist ein Mensch, ihre Schwester dagegen ein Tier. Ihre Schwester springt auf primitive Reflexe an und hinterfragt sich nicht. Justine versucht einen Weg zu finden, innerhalb der Menschen zu existieren, egal wie ihre Natur ist.

Ein ständiges Thema im Film ist Kontrolle. Es wurde viel darüber geschrieben, ob Raw nun ein Horrorfilm oder eine Coming-of-Age-Geschichte ist. Wie schätzt du das selbst ein?
Für mich ist das eine Coming-of-Age-Geschichte. Er wurde zwar als Horrorfilm eingestuft, aber das ist er für mich nicht. Ich bin ein großer Horrorfilmfan. Wenn ich mir einen Horrorfilm anschaue, will ich mich erschrecken und aus dem Sitz springen können. Deswegen habe ich diesen Film aber nicht gemacht. Ich habe natürlich versucht, die Zuschauer zu verstören, sie zum Nachdenken anzuregen und zu hinterfragen, warum sie so denken, wie sie denken. Das ist für mich aber etwas anderes als ein Horrorfilm.

Es gibt Geschichten von Leuten, die in Screenings in Ohnmacht gefallen sind und sich nach dem Kinobesuch unwohl gefühlt haben. Haben dich die sehr körperlichen Reaktionen der Zuschauer überrascht?
Ich wollte, dass das Publikum mit dem Körper reagiert. Ich wollte erst den Körper der Zuschauer ansprechen, dann ihren Geist. Wenn man auf ein Bild reagiert, dann hinterfragt man seine Gefühle mehr.

Es stimmt, dass zwei Menschen in Toronto in Ohnmacht gefallen sind. Die Geschichte hat sich im Internet verselbstständigt, dagegen war ich ziemlich machtlos. Die Berichte darüber haben nicht genau das widergespiegelt, worum es mir in dem Film geht. Ich wollte eine Balance finden, um das Mitgefühl der Zuschauer für meine Figur aufrechtzuerhalten. Wenn man über das Thema Menschheit redet, empfindet man das größte Mitgefühl.

Der Film ist nicht so ekelerregend, wie manche tun, aber es gibt Szenen und Bilder, die man im Kopf behält. In einer Zeit, in der Filme wie The Human Centipede und Hostel Mainstream-Klassiker sind: Wie gehst du als Filmemacherin vor, um die Zuschauer zu einer Reaktion zu provozieren?
Das ist eine interessante Frage. Wichtig ist, dass man mit der Figur eine gewisse Empathie spürt. Je mehr wir mit ihr mitfühlen, desto mehr sind wir auf einem Level mit ihr und je stärker lassen wir uns emotional auf sie ein. Deswegen reagieren die Leute so stark, als sie ihre Haare erbricht. Wir sind auf einem Level mit ihr, wir leben mit ihr und wir erschrecken, als sich ihr Körper verselbstständigt — denn wir wissen, dass unsere Körper sich verselbstständigen können.

Und zweitens geht es um die Balance zwischen dem Gezeigtem und dem, was nicht im Film gezeigt wird. Wenn ich zeigen würde, wie tief sie mit ihrem Kopf in toten Körpern versunken ist und Gehirne isst, würde man von Anfang nichts für sie empfinden. Die Zuschauer wären desensibilisiert und es gäbe keine Effekte. Deswegen hasse ich offene Gewalt, weil man nichts fühlt. Man gewöhnt sich daran, sagt nichts und denkt sich: „OK, das habe ich gesehen, was kommt als Nächstes?".

Credits


Text: Wendy Syfret
Fotos: über die Regisseurin