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j.w. anderson ist der aufregendste und faszinierendste designer unserer generation

Seine Berufung zum Creative Director des spanischen Luxuslabels Loewe im Jahr 2013 hat seinen Ruf als Shootingstar der Mode zementiert. Unsere Chefredakteurin Holly Shackleton traf den visionären Designer zum Interview.

von Holly Shackleton
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29 April 2015, 8:40am

2015 wird das Jahr des J.W. Anderson. Seitdem er im September 2013 zum Creative Director von Loewe berufen wurde, besteht sein Leben aus Meetings, Reisen und Kollektionen, er mag es aber so. Als wir ihn in seinem Studio - ein sonnendurchflutetes Warenlager im Osten von London - besuchen, trägt er seine Markenzeichen: blaue Jeans und Converse. In unserem Gespräch wird klar, dass er durch die hohen Anforderungen, die mit der Arbeit bei zwei erfolgreichen Labels einhergehen, aufblüht. „Schritt für Schritt habe ich gelernt, mich selbst zu disziplinieren, wie es ein Sportler tun würde", verrät er. „Ich habe es noch nicht geschafft, mit dem Rauchen aufzuhören, aber ich stehe jeden Tag um 6 Uhr morgens auf und gehe ins Fitnessstudio. Außerdem habe ich auch gelernt, mich nicht nur von Kit Kats und Kaffee zu ernähren, weil ich ständig Energie brauche und auf Zack sein muss."

Auf Zack sein ist vielleicht die beste Art, um Jonathan zu beschreiben. 2008 betrat er mit einem Knall - seine Debüt-Menswear-Kollektion - die Bühne der internationalen Modeszene und seitdem arbeitet er unablässig daran, sich als Designer einen Namen zu machen. Mittlerweile gehören seine Shows auf der London Fashion Week zu den mit Spannung erwarteten Präsentationen und zusätzlich hat er es geschafft, das spanische Luxuslabel Loewe wieder zurück auf das Moderadar zu holen, und das obwohl er bei dem Label erst noch am Anfang steht. Das alles hat die Rolle des britischen Modedesigners als Schlüsselfigur in der internationalen Modeszene zementiert.

Ich musste das Logo ändern und die Marke wieder auf ihren Kern fokussieren. Ja, Loewe ist ein Leder-Haus, aber es kann nicht nur um Leder gehen.

Seine Zeit teilt er zwischen London, wo er an seinem eigenen Label arbeitet, und Paris, wo er für Loewe arbeitet. „Als Designer kannst du keinen schlechten Tag haben", sagt er. „Du musst bei jedem Team und bei jedem Meeting voll da sein. Du musst positiv bleiben. Das schiere Arbeitspensum erfordert Selbstdisziplin." Beide Labels führen Menswear- und Womenswear-Kollektionen, daneben bringt sein eigenes Label J.W. Anderson Pre- und Resort-Kollektionen auf den Markt, das sind sagenhafte 10 Kollektionen pro Jahr. Das sind genügend Kollektionen, um selbst den erfahrensten Designer zum Schwitzen zu bringen - aber nicht Jonathan. „Schon als Kind habe ich Langeweile nicht ertragen können", gibt er zu. „Ich liebe das Adrenalin. Vielleicht werde ich es in zehn Jahren nicht mehr lieben, aber gerade macht es mir wirklich Spaß, ich liebe die Herausforderungen. Mein Kopf wird ständig gefüttert, das ist toll!"

Wie alles in Jonathans Welt erforderte die Position des Creative Director bei Loewe einen Alles-oder-nichts-Ansatz. „Ich habe mir die Formeln angeschaut, die vorher bei Loewe existierten, und was ehemalige Designer gemacht hatten, und ich dachte, dass ich brutaler sein muss", sagt er. „Ich musste das Logo ändern und die Marke wieder auf ihren Kern fokussieren. Ja, Loewe ist ein Leder-Haus, aber es kann nicht nur um Leder gehen."

Ich weiß genau, wo das Haus in fünf Jahren stehen soll. Ich weiß, in welche Richtung wir uns entwickeln.

Er berief die legendären Mathias Augustyniak und Michael Amzalag von M/M (Paris) zu Art Directors und hauchte der spanischen Marke neues Leben ein, angefangen beim Logo. Inspiriert von einer Schriftart des deutschen Typografen Berthold Wolpe, ist das neue Logo modern und ikonisch zugleich, ohne irgendetwas von seiner spanischen Seele einzubüßen. Es ist ein geniales Stück Design. „Es ist sehr ausdrucksstark", stimmt Jonathan zu. „Es ist cool und fühlt sich modern an, aber nicht zu modern; es gibt eine Balance."

Nachdem er das neue Logo kreiert hatte, verbrachte Jonathan das erste Jahr damit, der Marke seine Handschrift zu verleihen. Er verlegte das Kreativstudio von Madrid nach Paris, rekrutierte neue Mitglieder für das Designteam und verbrachte Stunden in den Archiven, um die DNA des Hauses besser zu verstehen. „Es gab eine Menge Leute, die ich involvieren wollte, viele Designer, die ich schon länger einstellen wollte", sagt er. „Es war toll, dass ich mein Dreamteam zusammenstellen konnte. Ich glaube an Loewe zehntausendmillionen Prozent. Ich weiß genau, wo das Haus in fünf Jahren stehen soll. Ich weiß, in welche Richtung wir uns entwickeln."

Jonathans Stärke liegt darin, neue Wege der Interaktion und neue Erlebniswelten mit Mode zu schaffen.

Jonathans klare Vision wird nirgends deutlicher als in der fantastischen Bildersprache, die er dem Haus verpasst hat. Von den Werbekampagnen über Lookbooks, in nur einem Jahr hat er eine klare Identität des Loewe-Boys und des Loewe-Girls geschaffen und wir sind begeistert! Für seine erste Loewe-Werbekampagne arbeitete Jonathan mit Steven Meisel zusammen und sie mixten Bilder von einem alten Meisel-Fotoshooting für die italienische Vogue von 1997 mit Amber Valleta und Maggie Rizer mit zeitgenössischen Aufnahmen. „Ich bin sehr stolz auf diese Kampagne", sagt der Designer. Und er hat allen Grund dazu. „Ältere Fotos nehmen zu können und das mit ihnen machen zu können, ist eine fundamental andere Herangehensweise an Werbung und Modefotos." Auch für seine eigene Frühjahr-/Sommer-15-Menswear-Kampagne holte er sich den Altmeister der Fotografie ins Boot. Das Bild zeigt den legendären Fotografen wie er einen anderen Mann küsst.

Jonathans Stärke liegt darin, neue Wege der Interaktion und neue Erlebniswelten mit Mode zu schaffen. Zusammen mit dem Stylisten Benjamin Bruno und dem Fotografen Jamie Hawkesworth präsentierte er seine Debüt-Herrenkollektion für Loewe in Form einer gebundenen, limitierten Buchausgabe. Unnötig zu erwähnen, dass es sofort zu einem Sammlerstück avancierte. „Es ging um eine neue Art von Garderobe, das sollte sich auch in einer neuen Präsentation der Herrenkollektion widerspiegeln", erklärt er seine Entscheidung, keine traditionelle Catwalk-Show abzuhalten. „Für mich war es nur folgerichtig, ein Buch herauszubringen, weil es letztendlich darum geht, die Männergarderobe zu manipulieren."

Jonathan präsentierte seine Debüt-Damenkollektion für Loewe im Pariser Sitz der UNESCO am 26. September 2014. Die Spannung war geladen, als die Gäste in Isamu Noguchis Skulpturengarten ihre Plätze einnahmen. i-D Covergirl Julia Nobis eröffnete die Show mit einem Look aus einem Kalbwildleder-Patchwork-Kleid, zusammengenäht mit Gold. Die Röcke waren diagonal von der Hüfte abwärts aufgeschlitzt und machten den Blick auf den darunterliegenden ausfransenden Stoff frei und Halter-Tops erinnerten an den Stil der antiken japanischen Kunst des Kinbaku. Der Schwerpunkt lag auf Strukturen: roh, organisch, sinnlich und majestätisch ausgefranst. Das waren Kleider, die man anfassen wollte. Es gab Lederhosen mit weitem Bein in Schwarz, Rot, Pink, Orange, Gelb und Blau und eine Serie von Seiden-T-Shirts mit den traditionellen Jagdszenen aus dem Loewe-Archiv. Es war ein wunderschönes und passendes Debüt, das für Lust auf mehr sorgte. „Das war ein Anfang", sagt Jonathan schüchtern. „Es dauert fünf Jahre, die Loewe-Frau herauszuarbeiten. In der einen Saison ist es extrem organisch, dann kann es auch wieder ein bisschen härter sein und dann gibt es überhaupt kein Leder und dann ist alles aus Baumwolle. Die Kunden wollen heutzutage herausgefordert werden; sie wollen etwas Neues sehen, weil letztendlich das Neue der Schlüssel ist."

Wir sprachen mit dem Modedesigner darüber, ob die Arbeit für eine Marke der LVMH-Gruppe seinen Designprozess verändert hat, wie er den gegenwärtigen Zustand der Industrie beurteilt und welchen Einfluss die digitale Welt und die Modekritik auf Designer heutzutage hat.

Liest du Kritiken?
Ja. Ich las anderthalb Jahre keine, weil ich nicht genau wusste, wessen Standpunkt ich Glauben schenken konnte. Ich verfolge jetzt einen Zen-Ansatz, für zwei oder drei Tage lesen wir alle Kritiken. Wenn eine Kritik gut geschrieben, genau und konstruktiv ist, dann verstehst du, was die Leute von einem wollen. Wenn der Artikel auf narzisstische Weise geschrieben ist und es mehr um den Autor geht, dann fällt es schon sehr schwer zu verstehen, was sie eigentlich wollen. Es gibt Gutes und Schlechtes in allem, manchmal vergessen wir das.

Ist Kritik wichtig in der Modebranche?
Kritik ist extrem wichtig, weil es das einzige Korrektiv ist, besonders in einer Welt, die von der Werbung bestimmt wird. Für mich ist gute und schlechte Presse gleichermaßen wichtig. Manchmal sind die Shows, die vernichtende Kritiken bekommen, tatsächlich unsere besten Shows, weil sie zu dem Zeitpunkt noch keinen Sinn machen, was toll ist. Ich liebe Suzy Menkes, weil sie einen Standpunkt hat. Es gibt nichts Aufregendes, als eine Kritik von jemandem zu lesen, der schon lange dabei ist. Wir brauchen mehr Modejournalisten, die bei renommierten Publikationen arbeiten. Ja, Mode gehört auf den Laufsteg, es geht um das Image und die Kollektionen, aber letztendlich geht es um das Geschäft. Es ist keine Kunst.

Ist die Vorstellung von Mode als Geschäft etwas, das dir durch die Arbeit mit LVMH bewusster geworden ist, oder ist das eine Einstellung, die du von Anfang an hattest?
Ich wäre gerne Künstler, aber das bin ich nicht. Ich entwerfe Gegenstände - Taschen, Schuhe und T-Shirts - und alle haben ein Preisschild und alle verlieren an Wert. Ich muss dir den Traum verkaufen und ich muss erreichen, dass du dich gut fühlst.

Wenn wir nach vorne blicken, welche Rolle wird die digitale Welt für die Modebranche spielen?
Ich habe die digitale Welt schon immer mit offenen Armen begrüßt. Die digitale Welt im Internet entzieht sich der herkömmlichen Kontrolle der Unternehmen, weil das Internet ein organisches Medium ist. Das Tolle daran ist, dass die Leute die Macht haben. Das liebe ich.

In vielerlei Hinsicht hat das Internet den Stellenwert der Magazine geschmälert, weil Designer ihre Message nun einfach selbst nach außen kommunizieren können.
Das ist toll. Ich möchte mit meinen Kunden interagieren. Wenn ich ihnen etwas verkaufe, dann müssen sie auch an mich glauben können. Schließlich ist es doch so, wenn du dich entscheidest, Designer zu werden, dann verfalle nicht dem Glauben, dass du in einem abgeschlossenen Raum irgendwo sitzen wirst. So ticken junge Leute nicht. Sie wollen wissen, worum es dir geht. Es wird schwieriger, da mit zu halten. Mein Leben hat sich in den letzten anderthalb Jahren komplett geändert. Mein Terminkalender ist schon bis Ende des Jahres durchgetaktet - auf die Stunde, auf den Tag.

Macht dir das Angst?
Nein, weil ich mich darum nicht kümmern muss. Leute sagen mir, wo sie mich haben wollen und ich werde da sein. Manchmal muss ich mich kneifen, um mich daran erinnern, wo ich bin.

Ich kann mir vorstellen, dass du heutzutage mehr sein musst als nur ein Designer, du musst auch ein Showman und das Gesicht deiner Marke sein.
Der Druck ist ziemlich groß. Ich fliege nach Japan und ich gebe 20 bis 30 Interviews hintereinander. Dann gibt es eine Woche, in der ich 12 Shows mache oder 12 Porträts. Es geht bei diesem Job nicht nur um London, ich bin auf der ganzen Welt unterwegs: Taiwan, Lateinamerika, Nordamerika, Kanada und so weiter. Du musst allen Ländern dasselbe geben. Ich würde niemanden etwas vorenthalten, nicht in einem Interview oder in einem Foto. Aber nach einer Weile gibt es Momente, in denen du nicht mehr weißt, wer du bist.

Was ist mit Fashionshows? Sind die noch relevant?
Ich hatte Momente, wo ich dachte, dass die Fashionshow tot sei. Es ist ähnlich wie beim Theater. Nur weil es auf einmal Filme gab, wurde das Theater nicht verdrängt. Die Fashionshow wird in der digitalen Welt noch wichtiger, weil der Content, der dadurch kreiert wird, so groß ist. Es gibt die Magazine, die kommentieren; es gibt die Bilder auf sozialen Plattformen und es gibt die Street-Style-Features. Nach dem Ende einer Show gibt es überall Millionen Bilder, die Show wird einfach technisch wichtig.

Macht es dir eigentlich noch Spaß, eine Fashionshow auf die Beine zu stellen?
Es macht mir schon noch Spaß, weil es einen Abschluss darstellt. Durch ein Video finde ich das nicht, aber wenn eine Show endet, dann ist sie zu Ende; du bist mit der Kollektion fertig und kannst mit der nächsten beginnen.

Was ist der größte Irrtum über dich als Designer?
Die Modewelt rückt sich ein bestimmtes Bild von deiner Persönlichkeit zurecht. So denken die Leute zum Beispiel, dass ich extrem schwierig bin, aber das macht mir nichts aus. Ich weiß, wie ich bin. Einige denken, dass ich von Gender besessen bin, bin ich aber nicht. Nichts ist langweiliger als die Vorstellung dessen. Mir gefällt das Konzept des Banalen - dass es einfach nur um Kleidung geht. Ich hasse Androgynität. Das ist etwas, was mich wirklich stört.

Wenn du etwas an der Branche ändern könntest, was wäre das?
Ich würde gerne mehr jüngere Leute in der Industrie sehen. Ich hätte gerne, dass meine Generation aufsteigt. Wir brauchen neue Ansichten. Die Welt hat sich geändert. Die Art und Wiese, wie Menschen miteinander kommunizieren, hat sich verändert. Bei Mode geht es um Kommunikation. Die nächste Generation, die bald Geld ausgeben wird, kommuniziert ganz anders als die Generation davor. Ihre Orientierungspunkte sind andere. Wenn die Redakteure und Modedesigner diese Generation nicht auf die richtige Art und Weise ansprechen, dann funktioniert das nicht. Es wird Zeit für einen Generationswechsel. Keiner wird 12-Jährige ans Ruder lassen, aber man denkt doch, dass 30-Jährige schon mal ein Anfang wären. 

Credits


Text und Interview: Holly Shackleton