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gareth pugh und carson mccoll über moderne zeiten und moderne liebe

Gareth und Carson sprechen offen über ihre eigenen Erfahrungen mit Diskriminierung und über die Themen und Probleme, die die heutige LGBT-Jugend beschäftigen.

von Georgina Yi Wan
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16 Oktober 2015, 10:40am

Gareth Pugh und sein Lebenspartner Carson McColl trafen sich vor acht Jahren im legendären Londoner Club BoomBox. Vier Jahre - und ein Rat von Michèle Lamy, die mit Ehemann Rick Owens zusammenarbeitet - später starten sie zusammen durch. Wir haben dem kreativen Power-Couple ein paar Fragen über die heutigen LGBTQI-Community gestellt.

Erzählt uns mehr über eure eigenen Coming-out-Geschichten.
Gareth Pugh: Ich habe keine. Ich habe das ganze Drama-Ding immer abgelehnt. Ich war der Meinung, dass die Leute nicht doof sind und es deshalb wahrscheinlich schon selbst wissen. Wenn ich gefragt worden bin, habe ich nicht gelogen. Sie haben mich gefragt, als ich Carson traf. Ich habe es nie als Problem angesehen und ich wollte nie diesen „Ta-da"-Moment.
Carson McColl: In Glasgow, wo ich aufwuchs, gibt es zwei große Fußballvereine, entweder ist man Celtic-Fan oder Rangers-Fan. Mein Vater war Rangers-Anhänger und ich erinnere mich noch daran, als ich mich outete, dass ihn das nicht interessierte, solange ich nicht Celtic-Fan werde. Ich war natürlich weder Celtic- noch Rangers-Fan, aber er hat es gut verkraftet. Meine Mutter kommt aus einer traditionellen, katholischen Familie, das war aber nie ein Problem. Sie steht darüber und sie hat es auch immer, sie war verständnisvoll. Der Rest meiner Familie wusste, dass sie mich nie wiedersehen würden, wenn sie damit ein Problem haben. Mit dem Thema wurde also schon relativ früh umgegangen.

Foto: Nick Knight

Habt ihr euch jemals für eure Sexualität geschämt?
Gareth: Ich glaube nicht, dass es jemals ein Problem in meiner Familie war. Ich denke aber, dass es zu den Dingen gehört, die man in der Schule hört und man wird beschimpft und weiß selbst noch nicht mal, wer man eigentlich ist. Carson kommt aus Glasgow und ich komme aus dem Nordosten Englands, in den Köpfen der Leute dort ist eine bestimmte Machokultur verankert. Die reicht Generationen zurück.
Carson: Ich wurde regelmäßig in der Schule verprügelt. Das war ganz normal. Gareth und ich kommen da aus ziemlich ähnlichen Verhältnissen: Sunderland und Glasgow sind beides postindustrielle Städte. Die Frauen und Männer leben dort ziemlich getrennt - oder haben es zumindest mal. Das hinterlässt Spuren in der Erziehung. Das verbindet uns, wir tragen gemeinsame Narben. Als Kind habe ich ständig mein Verhalten kontrolliert, um zu überleben. Manchmal geht es ums Überleben oder zumindest darum, so lange zu überleben, bis man einen Weg findet, um ‚Fickt euch' sagen zu können.
Gareth: Es ist wichtig zu verstehen, dass die meisten Leute, die aggressiv auf Andersartige reagieren, selbst unsicher sind und Angst haben. Sie verstehen nicht oder sie wollen nicht verstehen, es ist ein sehr komplexes Thema. Nicht für uns, aber für die Leute auf der anderen Seite.

Was liebt ihr am meisten am anderen?
Gareth: Carsons Sinn für Wunder. Manchmal denke ich, dass es aus mir herausgeprügelt wurde. Aber ich habe Dinge gesehen und erlebt, die einen verändern. Ich bin abgehärtet geworden. Ich bin viel zurückhaltender und pragmatischer geworden, als ich ursprünglich mal war. Diese Seite gibt es noch an mir, aber sie tritt nicht mehr so offen zu Tage, wie sie es mal tat.
Carson: Ich liebe Gareths Bodenständigkeit. Ihm sind Wurzeln, ihm ist Heimat wichtig. Dieser Sinn für Wunder, den er beschrieben hat, hindert einen manchmal daran, etwas Bleibendes aufzubauen. Einen Sinn für Wunder zu haben, ist genauso wichtig wie einen Sinn für Heimat zu haben. Die Magie nimmt mich manchmal so gefangen und ende in einem Kreislauf aus Höhen und Tiefen. Wenn ich ein Tief habe, dann gibt es nur eins, womit ich mich besser fühle - wenn er bei mir ist.

Wurdet ihr jemals als Paar auf Reisen diskriminiert? Zum Beispiel weil ihr Händchen gehalten habt?
Gareth: Carson ist kein Händchenhalter. Ich wünschte, er wäre das!
Carson: Ich bin eine sehr körperliche Person, aber ich bin kein Freund von übertriebener Zuneigung in der Öffentlichkeit. Es ekelt mich an. Das liegt sicherlich teilweise an meiner Erziehung. Der Gedanke an öffentliche Zuneigung war beängstigend, als ich jünger war oder er war ein Akt des Widerstandes. Deshalb glaube ich, dass es uns Legitimation verleiht, wenn wir etwas Extremes oder Provokatives - etwas, wo vor wir Angst haben - machen, denn wir machen es für die Leute, die dasselbe erlebt haben.

Gareth Pugh, Michèle Lamy und Carson McColl

Was sind eurer Meinung nach die größten LGBT-Probleme?
Gareth:
Es ist schwierig, es als Ganzes zu betrachten. Es ist erst eine oder zwei Generationen her, dass ein Leben als offener Schwuler akzeptiert wird. Das gilt allerdings nur in westlichen Großstädten. Und Haltungen verändern sich nicht über Nacht.
Carson: Es gibt so viele Entwicklungen, die wir nicht ignorieren dürfen. Nur weil wir es heute gut haben, dürfen wir nicht die Leute vergessen, denen es nicht so gut geht und die immer noch kämpfen müssen. Ich möchte nur daran erinnern, als alle wegen Caitlyn Jenners Vanity Fair-Cover durchdrehten, dass Time ebenfalls eine Titelgeschichte über LGBT-Themen unter dem Titel „Out in Africa" herausbrachte. Beim Lesen des Artikels bekommt man Gänsehaut. Wir haben eine moralische Verpflichtung, nicht zu vergessen, dass in anderen Teilen der Welt immer noch schreckliche Dinge passieren - zum Beispiel in Afrika, in Russland oder im Nahen Osten -, und wir müssen auf jede erdenkliche Art und Weise helfen.
Gareth: Ich finde es immer noch erstaunlich, dass religiöse Leute immer noch solch extremen Ansichten über Sexualität haben. Es ist interessant, dass Religion einerseits Leute verbindet und andererseits der Grund ist, der Leute entzweit.
Carson: Bis zu einem gewissen Maß, liegt es in der Natur des Menschen, sich in Gruppen und Sekten zusammenzuschließen, denke ich. Es war schon immer so und es ist einfach so. Wir kämpfen aber weiter. Als nächstes müssen wir im Westen erreichen, dass sich junge Leute nicht länger als schwul oder hetero identifizieren müssen und einfach einen Freund oder eine Freundin haben und das nicht mehr weiter erwähnenswert ist. Es muss sich keiner mehr über den heteronormativen Scheiß kümmern müssen.

Was können wir dafür tun?
Gareth: Wir sehen es alle als selbstverständlich an, dass wir zur ersten Generation von offen lebenden Schwulen gehören. Um dieses Leben führen zu können, mussten aber so viele so viel durchmachen und das sollten wir niemals vergessen.
Carson: Wir leben gerade in einer sehr selbstbezogenen und materialistischen Zeit. Die Schwulenszene im Besonderen ist so zerstritten und trivial. Ja, ich verstehe es, es macht Spaß. Aber wir müssen trotzdem mobilisieren und politisch aktiv bleiben. Wir sollen auch weiterhin Spaß haben und gleichzeitig dem Establishment den Mittelfinger zeigen, irgendwie müssen wir einen Weg finden, beides zu vereinen.

@garethpughstudio

@mccollywood

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Credits


Text: Georgina Yi Wan