in „emocean" gehen fenster auf eine psychedelische traumreise

Fenster, die unglaublich sympathische Band aus Berlin, haben einen Film gedreht. „Emocean" ist ein auf alten Camcorders gedrehter, psychedelischer Ausflug in eine zweite Dimension, in der Emotionen verboten sind und in der die eine oder andere sehr...

von Alexandra Bondi de Antoni
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04 September 2015, 11:05am

Fenster sind Johnny, Lucas, JJ und Will. Die vier leben und arbeiten in Berlin und machen seit einigen Jahren schon zusammen Musik. Zwei Alben, deren Sound man als experimentellen Dream-Pop beschreiben kann, haben sie bereits aufgenommen. Wie es bei vielen Bands nun einmal so ist, kommt irgendwann die Krise und man hinterfragt, wo man mit seiner Musik eigentlich hin will. Die meisten würden sich nun wahrscheinlich zurückziehen und verbissen an einem neuen Album oder neuen Richtung arbeiten, aber nicht so Fenster. 

Sie entschlossen sich, einfach mal so einen Film zu drehen, der als Aus- und Endpunkt für die neue Platte dienen sollte und ihnen den nötigen Freiraum geben würde, um sich weiterzuentwickeln und zu experimentieren. Herausgekommen ist ein fast ausschließlich instrumentales und sehr atmosphärisches Album und ein Film, der ein Trip in eine andere Welt ist und bei dem man sich fragt, ob man nicht unabsichtlich Halluzinogene zu sich genommen hat.

Warum nur ein Album produzieren, wenn man einen ganzen Film drehen kann? Genau diese und mehr Fragen haben wir dem Quartett nach der Premiere letzte Woche gestellt.

Wieso habt ihr den Film macht? Und wieso gerade jetzt?
Unser Film Emocean entsteht aus einem Witz heraus. Was wäre, wenn wir einen verrückten Science-Fiction-Film drehen würden, in dem wir in eine andere Dimension vordringen, in dem abgefahrene Sachen passieren und für den wir die Filmmusik schreiben? Wir haben den Witz sehr weit getrieben - sehr weit. Letztlich wollten wir ein Album aufnehmen, ohne den üblichen Druck und damit verbundenen Zwänge. Da kamen wir auf die Idee, dass uns ein Filmsoundtrack die nötige Freiheit zum Experimentieren und Ausprobieren gibt. Ich glaube, die Idee hat funktioniert. Aber wir haben es in umgekehrter Reihenfolge gemacht. Wir haben zuerst die Songs geschrieben und dann den Film gedreht. Wir hatten aber eine Geschichte im Hinterkopf, als wir die Musik aufgenommen haben. Es war viel Arbeit, aber das Ergebnis ist die Mühe, den Schweiß und die Tränen wert. 

Erzählt mir mehr über den Entstehungsprozess.
Das Album haben wir im März aufgenommen - gleichzeitig zu den Drehvorbereitungen. Wir haben zusammen das Drehbuch in unseren Wohnungen geschrieben. Tag ein und Tag aus. Wir hatten bereits eine Crew organisiert, die Requisiten bestellt, das Equipment zusammengestellt, die Kostüme in Auftrag gegeben und nach Locations gesucht, damit wir dann alles zusammen hatten, um Mitte April loslegen zu können. Weil es so viele Welten innerhalb des Films gibt, gab es beim Dreh verschiedene Phasen. Für alles, was in real life gedreht wurde, waren der logistische Aufwand und die Vorbereitung immens. Wir hatten eine kleine Crew aus einem Kamerateam, Kostüm- und Make-up-Team, Producern, Set Design, Catering, persönliche Assistenten und so weiter. Unser Freund Martin Ducret kam aus Frankreich, um den Großteil des Films innerhalb von sieben Tagen an verschiedenen Locations in und um Berlin Mitte April zu drehen. Während dieser Zeit haben wir kaum geschlafen und Adrenalin hielt uns wach. 

Wie lief der Dreh ab? 
Unser erster Drehtag lief ungefähr so ab:
4:00 Uhr: Wir drehen barfuß in einem Wald in der Nähe von Kyritz und treten auf Brennnesseln in der Dunkelheit.
6:00 Uhr: Eine Szene mit zwei Booten in einem Wildwasserkanal, die perfekt mit dem Sonnenaufgang abgestimmt werden musste.
8:00 Uhr: 60 Leute mit Zügen und Shuttle auf eine Insel 150 Kilometer nördlich von Berlin bringen.
12:00 Uhr: Die genannten 60 Schauspieler spielen gleichzeitig und erhalten Regieanweisungen. 
16:00 Uhr: Drehen einer auschoreografierten Szene mit einer Kameradrohne, die fliegen musste, nicht ins Wasser fallen oder Bäume beschädigen durfte, und gleichzeitig muss sichergestellt werden, dass alle glücklich, warm und zufrieden sind. 
19:00 Uhr: Die gesamte Insel muss gesäubert werden und jeder wieder nach Berlin gebracht werden.
23:00 Uhr: Mit den ganzen Requisiten und der Ausrüstung auf dem Weg zurück nach Berlin. Dann drei Stunden schlafen, bevor es mit dem Dreh weitergeht.

Nach sieben Tagen Dreharbeiten vor Ort, haben wir als nächstes in einem provisorischen Greenscreen-Studio in Lucas' Wohnung gearbeitet. Diese Szenen haben wir hauptsächlich selbst gedreht und entwickelt, dabei hatten wir Unterstützung von unserem zweiten Kameramann Giulio Rasi. Den dokumentarischen Teil des Films drehten Yannis Papé und Giulio Rasi in unserem Studio und in Berlin mit der Band, unserem Produzenten vom Album E.T. und unserer Agentin Amande, die am Ende einen kleinen Gastauftritt hat. Die Post-Produktion übernahmen dann nur wir drei (JJ, Johnny und Lucas), die wie verrückt den ganzen Sommer lang auf unseren beschissenen Laptops unter Zeitdruck und mit technischen Schwierigkeiten gecuttet haben. Weil wir so wenig Zeit hatten, haben wir den Film aufgeteilt und jeder hat dann seinen Abschnitt alleine geschnitten. Zum Schluss haben wir dann den finalen Schnitt zusammen gemacht. Dann mussten wir lernen, das ganze Album live und synchron mit dem Film zu spielen, was ja letztlich unser Ziel war. Und letzten Mittwoch war es dann soweit im Berghain. War keine große Sache.

Wer sind die Leute, die im Film mitspielen?
Wir führten ein offenes Casting durch und hatten dann eine interessante Mischung aus Freunden, aus Leuten, die die Band durch Konzerte kannten oder uns interviewten, und aus professionellen, erfahrenen Schauspielern und Komparsen. Ich glaube, dass es jedem Beteiligten Spaß gemacht hat. Wir sind von jedem, der bei dem Film mitgewirkt hat, begeistert. Natürlich sind wir drei auch selbst im Film. Keiner von uns ist Schauspieler, aber wir hatten Spaß daran, uns auszuprobieren und mit den schrägen Ideen zu experimentieren, die wir in unseren Köpfen hatten. Es war eine surreale Erfahrung. Unser Schlagzeuger Will Samson ist der Star des Films. Als wir die Idee für den Film hatten, war seine Reaktion eher nüchtern und er hielt uns für verrückt. Irgendwie haben wir ihn dann überzeugen können. Will ist eine sehr schüchterne und reservierte Person. Dass wir ihn dennoch dazu bringen konnten, so zu tun, als ob er in violetten Leggins mit Samt-Handschuhen und einer Lederjacke durch die Luft fliegt und uns die Mittelfinger zu zeigen, zeugt davon, dass Will sich aus seiner persönlichen Komfortzone geradezu herauskatapultiert hat. Danke Will! Bitte hasse uns nicht!

Ihr habt mit alten Camcordern gedreht. Wieso?
Wir wollten einen einfachen Film machen und uns nicht allzu viele Gedanken um das Licht und Formatierungen machen. Deshalb entschieden wir uns für diese Ästhetik. Was die Handlung angeht, sollte diese „alternative Dimension" auch eine ganz andere visuelle Ästhetik haben als die HD-Welt des dokumentarischen Teils. Dafür war die gute alte VHS-Technik gut geeignet. Außerdem sind Camcorder wirklich günstig und einfach zu bedienen. Aber am Ende hatten wir dann doch ein paar doofe Formatprobleme wie den Datentransfer und Dateiformate.

Wie lange hat die Realisierung des Projekts gedauert?
Vom Anfang bis zum Ende - einschließlich Musikproduktion und Post-Produktion - im Prinzip acht Monate, Februar bis September 2015. Wir stecken gerade mitten in der Finalisierungsphase und arbeiten an den DVD-Extras wie Outtakes, das muss bis Ende des Monats aber fertig sein. Es fühlt sich wie eine Never-Ending-Story an. Aber wir hatten eine gute Zeit, als wir an diesem Monstrum saßen, trotz der ganzen Arbeit, dem Stress und allem. Wir sind weit über das hinausgegangen, was wir für möglich hielten. Es geht immer darüber hinaus und wieder darüber hinaus.

Im Interview mit Noisey sprechen Fenster drüber, was sie als Kinder werden wollten.

Habt ihr eine Lieblingsszene? Was hat am meisten Spaß gemacht beim Drehen?
Johnny: Eine meiner Lieblingsszenen ist Samsons Körper. Das war die erste Szene, die ich gecuttet habe. Es war wirklich bizarr, diese Welt zu entwerfen und sich in ihr zu verlieren. Ich bin mit dem Endergebnis zufrieden.
Lucas: Zu meinen Lieblingsszenen gehören das Verhör und die Szene, in der die Cops tanzen. Der Dreh hat Spaß gemacht und sie sind witzig.
JJ: Ein Tag im Leben von Bürgern und die Fashionshow-Szenen waren intensive Drehs, aber letztlich sind sie so gespenstisch geworden, wie ich es mir anfangs in meinem Kopf gedacht hatte. Der Schnitt dieser Szenen war super befriedigend; einfach zu sehen, wie die realen und surrealen Elemente auf so starke und psychedelische Art und Weise verschmelzen, war fantastisch.

Der Soundtrack zum Film ist als Album erschienen. Gab es eine andere Herangehensweise an dieses Album als an eure vorherigen Platten?
Es gab definitiv eine andere Herangehensweise an dieses Album als an die ersten beiden Alben. Der Umstand, dass wir entschieden, Filmmusik zu machen und kein drittes Album aufzunehmen, hat uns psychologisch und musikalisch befreit, um Unerwartetes und Überraschendes zu schaffen. Wir hatten viel Spaß, als wir die Songs geschrieben haben. Praktisch alle Songs entstanden in Jam-Sessions zwischen mir, Johnny, Lucas und auch Will, als er noch da war. Diese gemeinschaftliche Herangehensweise ans Songwriting war auch neu für uns und war sehr inspirierend. Wir haben versucht, nicht zu viel nachzudenken und einfach nur Spaß zu haben. Das war das Wichtigste an diesem Projekt, weil das zweite Album eine schwierige Geburt und stressig war.

Würdet ihr sagen, dass sich die Musik anders anhört?
Ja und nein. Da es sich um Filmmusik handelt, sind die meisten Song auf dem Album instrumental (außer zwei) und atmosphärischer als die Songs auf unseren ersten beiden Alben, die doch eher mit klassisch schrägem Pop aufwarten. Aber das sind wir auch, sogar im selben Proberaum, wo wir auch den Großteil der beiden Alben mit denselben Instrumenten aufnahmen. Man kann also sagen, dass sich das Album so anhört, als wenn wir die Filmmusik zu einem Science-Fiction-Abenteuerfilm gemacht haben.

@fenster

Fensters Emocean Berlin Special Screening findet am Sonntag, den 06. September bei Insel, Alt-Treptow 6, 12435 Berlin statt. Mehr Informationen findest du hier.

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Credits


Interview: Alexandra Bondi de Antoni 
Bilder: Stils aus Emocean 

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