„unsere musikvideos sind abstrakte montagen."

The Factory beliefern Rap-Größen wie Kollegah, Genetikk, Haftbefehl und auch Künstler wie Lary oder Newmen mit ausdrucksstarken Musikvideos. Im Interview mit Markus und Michael Weicker, den kreativen Köpfen hinter The Factory, haben wir uns über neue...

von Jan Wehn
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08 Februar 2016, 11:20am

Wenn man über die Musikvideos der deutschen Rap-Szene redet, dann muss man von The Factory sprechen. Markus und Michael Weicker liefern seit einiger Zeit Videos, die mit einer gänzlich eigenen Bildsprache und überpräziser Komposition ihresgleichen suchen. Dabei haben die Zwillinge nicht nur Videos für Rap-Größen wie Kollegah, Genetikk und Haftbefehl gedreht, sondern auch Künstler wie Lary und Newmen mit beeindruckenden Bewegtbildern beliefert. Wir haben sie zum Interview getroffen und uns über neue Impulse, die richtige Bildkomposition und ihre Leidenschaft für deutschen Rap unterhalten. 

Wie seid ihr dazu gekommen, Regie zu führen und The Factory zu gründen?
Michael: Ich habe schon recht früh angefangen, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Mit 14 habe ich meine ersten Videos geschnitten. Natürlich alles auf einem sehr einfachen Level. Markus ist erst einmal in eine ganz andere Richtung gegangen und hat Architektur studiert, war aber ebenfalls schon immer von Bewegtbild fasziniert. Es war nur eine Frage der Zeit, bis wir uns zusammentun würden. Irgendwann mit 20 hatten wir über einen Freund die Möglichkeit, in Singapur und Kuala Lumpur für diverse Technokünstler drehen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt brauchten wir eine Plattform, über die alles laufen sollte. Damit war uns klar, dass wir The Factory gründen und weitere Strukturen schaffen müssen.

Warum produziert ihr in erster Linie Videos für HipHop-Künstler? Wie ist da euer eigener Bezug?
Markus: Das ist nur ein kleiner Teil unserer Arbeiten, aber eben derjenige, der am meisten in der Öffentlichkeit steht. Wir verfolgen deutschen Rap schon seit den späten Neunzigern. So gut wie jedes für uns relevante Album der gesamten Deutschrap-Historie steht bei uns im Schrank als Vinyl. Das geht von Eins Zwo über Curse bis hin zu aktuellen Artists wie Hiob oder Kamp. Auch wenn wir uns in ganz verschiedenen Genres bewegen, bleibt Rap unsere erste Liebe. Obwohl man nicht mehr so viel Zeit wie früher hat, versuchen wir, doch so gut wie jedes Release und den ganzen Gossip zu checken. In unserer Jugend waren wir fasziniert von Rap-Videos, seien es die Klassiker aus Amerika oder die Sachen, die Specter in Deutschland gemacht hat. Gerade die Romantisierung der Straße und die damit verbundene Ästhetik haben schon immer einen großen Reiz auf uns ausgeübt.

Was hat euch an deutschen Rap-Videos andersherum gestört oder dafür gesorgt, dass ihr euch gesagt habt, dass ihr das nun auch mal machen wollt? 
Michael: Uns ist oft eine gewisse Diskrepanz zwischen der Qualität der Musikproduktionen und den dazugehörigen Musikvideos aufgefallen. So ging es uns bei sehr vielen Künstlern. Das visuelle Potenzial der Musik war oft vorhanden, nur wurde es selten wirklich genutzt. In den Hochzeiten des Berliner Rap-Hypes gab es sicherlich eine Menge Videos, die sehr stark waren, nur kam danach unserer Meinung sehr wenig Neues in der Szene. Oftmals waren wir überrascht, dass starke visuelle Tracks einfach schwache Videos bekamen. Jetzt die Chance zu bekommen, die Videos mit den zum Teil höchsten Budgets in diesem Genre drehen zu können, ist natürlich toll.

Wie wichtig ist die Bildkomposition für eure Videos?
Markus: Als wir unsere ersten eigenen Drehs hatten, waren es eigentlich immer die Bilder, die unsere Videos von anderen abgehoben haben. Man kann teilweise auf sehr einfacher Technik drehen, wenn man eben die richtigen Shots macht. Das haben wir uns anfangs auch zunutze gemacht. Wir haben uns nie groß mit der Theorie hinter all dem beschäftigt. 
Michael: Ich denke, es wurde uns wahrscheinlich einfach in die Wiege gelegt. Wir fühlen einfach, was eine gute Komposition ist, ohne viel darüber nachdenken zu müssen.

Bei Noisey kannst du dir das Video von The Factory für Genetikk anschauen.

Neben Musikvideos dreht ihr auch Imagefilme und Werbung. Was ist der Unterschied zu Musikvideos?
Michael: Musikvideos erlauben es uns, dass wir uns kreativ sehr frei bewegen können—im Gegensatz zu Werbespots oder Imagefilmen, bei denen jedes Detail mit vielen Leuten abgesprochen werden muss. Dort ist man oftmals limitiert und muss in Strukturen arbeiten, die einfach sehr kompliziert sind. Unsere Musikvideos sind meistens abstrakte Montagen ohne den Anspruch auf korrekte Anschlüsse. In der Werbung dagegen geht es nur um den Inhalt. Wir sind Verfechter der These „Schönheit vor Logik" und können uns bei Musikvideos komplett austoben. Wir lieben die Energie, die eine gute Musikmontage erzeugen kann, welche dann ebenfalls den Einfluss eines Tracks um ein Vielfaches vergrößert.

Warum eigentlich der Name The Factory?
Michael: Am Anfang war der Name an Warhols berühmte Räumlichkeiten in New York angelehnt.
Markus: Wir fanden die Idee eines Raumes spannend, in dem man sich vollkommen kreativ ausleben kann, ohne an herkömmliche Normen gebunden zu sein. Aber irgendwie geht es auch um unsere Arbeitsmoral. Wir sind wirkliche Workaholics. Deswegen spielte auch der Gedanke einer Manufaktur oder Fabrik mit in den Namen rein.
Michael: So eng würde ich das inzwischen nicht mehr deuten. Unsere Videos sind heute sicherlich mehr Maßanfertigungen als Fließbandarbeit. [Lacht]

Auch schon mal darüber nachgedacht, Fotos zu machen?
Michael: Ich würde behaupten, dass Markus und ich recht gute Fotografen sind, nur haben wir das nie großartig verfolgt. Ab und zu haben wir schon mal eine Kamera dabei oder schießen Promotion-Fotos für befreundete Künstler. Oftmals sind wir bei unseren Drehs auch gleichzeitig Directer of Photography—die Fähigkeit, Bilder und Bildkompositionen richtig einzuschätzen und zu gestalten, ist an sich extrem wichtig. Es gibt auch Videos von uns wie zum Beispiel Weit Entfernt von Döll, die komplett über eine Fotoästhetik funktionieren.

Was bei Musikvideos oft fehlt, sind die prominent platzierten Credits der Regisseure. Stört euch das?
Markus: Dass man, wie wir, ab und zu Credits an den Anfang eines Videos setzen kann, ist eher die Ausnahme. Meistens findet man auf den großen Plattformen und Release-Formaten keine großen Informationen zu den Personen hinter der Produktion. Szeneintern findet man aber sowieso meistens alle Infos über diverse Portale. Wir konnten uns damit schon eine kleine Fangemeinde aufbauen, was uns eigentlich aber gar nicht so wichtig ist. 
Michael: Letzten Endes fühlen wir uns im Musikgeschäft ganz wohl. Personen zu sein, die im Hintergrund agieren, gefällt uns wesentlich besser, als im Rampenlicht zu stehen. Die Leute, die einen Plan haben und sich aktiv mit der Materie auseinandersetzen, bekommen sowieso mit, wer für welche Produktion verantwortlich war.

Könntet ihr euch auch vorstellen, mal einen Kurz- oder gar Spielfilm zu drehen?
Michael: Wir schauen schon viele Filme—vor allem in diversen Genres, die man vielleicht gar nicht so von uns vermuten würde. Sofia Coppolas Lost in Translation ist zum Beispiel einer meiner Favoriten. Sie hat einfach ein unglaublich gutes Händchen für Situationen und Timing. 
Markus: Vielleicht ergibt es sich in naher Zukunft, dass wir mal einen Kurzfilm drehen—so etwas kostet aber eine Menge Zeit und braucht extrem viel Vorbereitung. Es ist eben eine ganz andere Herangehensweise als an Werbung oder Musikvideos. Ein ernstes Mi­li­eu­dra­ma im Stil von La Haine mit Cameos aus der Rap-Szene könnte ich mir vorstellen. Da gibt es eine Menge gute Charaktere, wenn ich an Leute wie Der Plusmacher denke.

thefactoryroom.com

@thefactoryroom

Credits


Text: Jan Wehn 
Foto: Peter Bruder

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