"Frauen sind viel spannender und ästhetischer als Männer"

Aisha Franz zeichnet Frauen in jeder Lebenslage und will, dass sie einen eigenen, neuen Raum für Sexualität und Weiblichkeit schaffen, der den männlichen Blick nicht als Gegner sieht, sondern diesen erst gar nicht braucht.

von Alexandra Bondi de Antoni; illustrationen von Aisha franz
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13 Oktober 2016, 9:40am

Aisha Franz ist uns das erste Mal aufgrund ihrer Arbeit für die Neuköllner Partyreihe Shameless/Limitless aufgefallen, die auf Postern die gesamte Sonnenallee geziert haben. Als wir dann noch ihre Comics, die den Spagat zwischen ziemlich unterhaltsam und unglaublich düster mit einer unvergleichlichen Leichtigkeit spannen, waren wir vollkommen vom Talent der in Berlin lebenden Illustratorin überzeugt.


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Ihre Zeichnungen zeigen Frauen in jeder Lebenslage und wir sind uns ziemlich sicher, dass sich jede Frau da draußen schon mindestens einmal in einer der gezeigten Situationen befunden hat. Nackt oder angezogen, traurig oder glücklich, verwirrt oder selbstsicher, verschämt oder voller Selbstbewusstsein – das Spektrum ist groß so wie das echte Leben eben auch. Was die abgebildeten Frauen aber alle verbindet, ist ein Scheißegal-Attitüde und Stärke, die ihnen ins Gesicht gezeichnet steht. Aisha hat gerade ihr erstes Kind zur Welt gebracht und konzentriert sich erst einmal auf ihre neue Rolle als Mutter, für uns hat sie sich trotzdem Zeit genommen, um ein paar Fragen zu beantworten.

Wie bist du dazu gekommen, Illustrationen anzufertigen?
Ich wusste schon früh, dass ich beruflich irgendwas mit Zeichnen machen will, weil es so ziemlich das Einzige war, was ich wirklich gut konnte. Damals hatte ich aber noch keine Ahnung, was man da alles machen kann. Ich bewarb mich an der Kunsthochschule in Kassel, dort gibt es den Studienschwerpunkt Illustration/Comic und außerdem Trickfilm. Ich dachte, dass das passen könnte und blieb schließlich dabei.

Was fasziniert dich so am Medium Comic?
Ich fing an, Comics zu zeichnen, bevor ich wirklich lesen konnte. Es erschien mir logisch, meinem Drang, Geschichten zu erzählen, mit Bildern statt Text nachzugehen. Schreiben liegt mir nicht besonders. Animation ist mir zu aufwändig. Comics sind spontan und ein sehr intuitives Medium: die Eindrücke und Meinungen zur Welt sammele ich in meinem Hirn, dann werden sie gefiltert und auf einem Blatt Papier wieder ausgespuckt. Funktioniert gut für eine wie mich, die sich schlecht artikulieren kann. Vor allem sind Comics meiner Meinung nach [noch] sehr unprätentiös, sie müssen nur sich selbst genügen und versuchen nicht, mehr oder weniger zu sein, als sie sind.

Warum zeichnest du vor allem Frauen?
Frauen sind im echten Leben aber auch als "Projektionsfläche" viel spannender und ästhetischer als Männer. Und man zeichnet sich instinktiv immer ein bisschen selbst. Ausserdem macht es ja Sinn, dass ich mich als Frau am ehesten mit einer weiblichen Figur identifiziere. Ich habe mir schon oft vorgenommen, eine männliche Hauptfigur zu entwickeln, nur leider werden sie dann immer automatisch etwas bemitleidenswert und asexuell. Ich weiß auch nicht warum, ich habe wirklich nichts gegen Männer, im Gegenteil! Wahrscheinlich könnte man aber die meisten Frauen in meinen Geschichten problemlos durch Männer ersetzen.

Warum denkst du, dass nackte weibliche Körper so oft so schnell sexualisiert werden?
Witzig, dass in der Frage schon impliziert wird, dass ich das denke. Natürlich kann ich dem nichts entgegnen, so ist es [leider] und wird es wohl weiterhin bleiben. Ich denke, es geht eher darum, einen Weg zu finden, wie man sich dieser Tatsache – als Frau oder gender-nonkonformer Mensch – stellen und unabhängig davon leben kann. Es gab in den letzten Jahren eine Vielzahl von Künstlerinnen, die sich im Netz selbst stark sexualisierten, als Statement und um der Sexualisierung durch den Mann zuvor zu kommen. Ich finde das problematisch, denn der Male Gaze lässt sich ja nicht einfach abschalten oder überlisten. Viel wichtiger finde ich, einen eigenen, neuen Raum für Sexualität und Weiblichkeit zu schaffen, der den männlichen Blick nicht als Gegner, sondern gar nicht braucht. Ein befreundeter Comic-Zeichner hat gesagt, ihm fiele an meinen Comics besonders auf, dass er die nackten Darstellungen meiner weiblichen Figuren, sowie die Sexszenen, überhaupt nicht als sexuell empfindet, sondern als völlig nebensächlich und normal. Das ist doch schon mal was!

Wie stehst du zu deinem eigenen Körper?
Das ändert sich jeden Tag, wie wahrscheinlich bei vielen anderen auch. Ich tendiere eher etwas dazu, meinen Körper zu vergessen. Dieses Jahr hat er sich aber laut gemeldet und meine ganze Aufmerksamkeit gefordert, da ich schwanger war und eine Geburt erlebt habe. Ich habe seitdem viel mehr Respekt und Hochachtung vor meinem Körper, obwohl wir uns jetzt erst einmal neu kennenlernen müssen.

Du hast vorher schon den Male Gaze erwähnt. Denkst du, dass es so etwas wie den Female Gaze auch gibt? Wenn ja, wie würdest du diesen beschreiben?
Ja, den gibt es. Er umfasst die weibliche Sicht auf die Welt als Ganzes und beschränkt sich nicht nur auf den Mann als Objekt. Der ist nämlich im Verhältnis zu unwichtig.

Was denkst du, welches Frauenbild du mit deinen Zeichnungen vermittelst?
Das weiß ich nicht. Es ist jedenfalls nicht meine Absicht, ein bestimmtes Frauenbild zu vermitteln. Würde ich das bewusst versuchen, könnte es mich in meinen Themen einschränken.

Handelt es sich immer um die selbe Frau oder verschiedene?
Beides. Es sind immer verschiedene und doch immer Alter Egos von Aisha Franz. Immer ein neues Alter Ego pro aktueller Lebensphase, Stimmung und Interesse.

Was sind deine Pläne für die Zukunft? Woran arbeitest du gerade?
Zur Zeit arbeite ich hauptsächlich als wandelnde Milchbar, konkrete Pläne habe ich somit erst mal nicht. Ich habe Lust, mehr Sci-Fi-Geschichten zu zeichnen, hoffentlich mit einem Mann als Protagonisten!

fraufranz.com