Foto (mitte): Courtesy of the Transit Skateboarding Retrospektive / Christian Rothenhagen / Foto (rechts und links): Philipp Boyd

So anders sah die Berliner Skateboard-Szene der 90er aus

Cassidy George

"TransWorld Skateboarding" hat Berlin zum europäischen Mekka für Skateboarder erklärt. Wir werfen einen Blick zurück auf das goldene Zeitalter, um zu verstehen, was die Szene in Berlin so besonders macht.

Foto (mitte): Courtesy of the Transit Skateboarding Retrospektive / Christian Rothenhagen / Foto (rechts und links): Philipp Boyd

Berlin ist mit seinen vielen Subkulturen ein Magnet für junge Menschen aus der ganzen Welt. Das beste Beispiel dafür ist die lebendige Skateboard-Szene der Stadt. Letztes Jahr hat TransWorld Skateboarding die deutsche Hauptstadt als "das neue Barcelona" betitelt und in seine Top 10 der Skate-Paradise aufgenommen. Viele wissen gar nicht, wie sich das Skateboarden in Berlin entwickelt hat und zu dem wurde, was es heute ist. Wir klären dich auf.


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Die Szene wurde in den letzten 30 Jahren genauso stark von dem Kalten Krieg beeinflusst wie der Rest der Stadt. Heute können Skateboarder von Ost nach West fahren, vor 30 Jahren wurden sie noch durch die Mauer abgehalten. Dadurch, dass die Stadt in zwei Hälften geteilt war, entwickelten sich zwei verschiedene Szenen mit unterschiedlicher Geschichte und Stilen, die nebeneinander existierten.

Marco Sladek auf dem Cover von "Freie Welt". Cover: Courtesy of the Skateboard Museum, "Wall Ride"-Ausstellung

Der ostdeutsche Künstler und Skateboarder Christian Rothenhagen hatte beispielsweise in zwei Städten unter zwei politischen Systemen gelebt, ohne jemals umzuziehen. Er wuchs in den 80ern in der DDR auf und hatte hinter dem Eisernen Vorhang nur begrenzten Zugang zu westlicher Kultur. Ost-Berliner wie Christian lebten im Schatten von West-Berlin, der kapitalistischen Enklave inmitten des sozialistischen Ostblocks. Um Fernsehen und Radio aus dem Westen zu empfangen, stellten die Menschen in der DDR Antennen auf. So kam Christian in Kontakt mit der amerikanischen Skateboarding-Szene und baute sich sein erstes Skateboard selbst zusammen: aus einem gebrauchten Brett und alten Roller-Skates. Es dauerte drei weitere Jahre, bis Christian den Mut hatte, sich der kleinen Skateboard-Szene in Ost-Berlin rund um den Alexanderplatz anschließen – der Treffpunkt für die Skateboarder und die Breakdance-Szene.

Foto: Thomas Kalak, Courtesy of the Skateboard Museum Berlin, "Wall Ride"-Austellung Brandenburger Tor

Im Gespräch erinnert sich Christian besonders an den engen Zusammenhalt innerhalb der Szene und natürlich an den berühmtesten Skateboarder der DDR: Marco Sladek. Der brachte ihm an seinem zweiten Tag am Alexanderplatz einen Ollie bei. Marco war der Posterboy der Skateboarder in der DDR. 1988 erschien er sogar auf dem Cover der DDR-Skateboard-Zeitschrift Freie Welt. Die Crews von Christian und Marco verbrachten fast jeden Tag zusammen: Sie tranken Bier, bauten Rampen und verwandelten die graue Betonwüste in einen Skate-Spielplatz. Die West-Berliner Szene unterstützte die im Osten und schmuggelte Bretter, Achsen und sogar Schuhe über die Grenze.

Foto: Courtesy of the Transit Skateboarding Retrospektive via Christian Rothenhagen

Doch die Skateboarder in Ost-Berlin hatten nicht nur mit der Ausrüstung zu kämpfen, sondern auch mit der öffentlichen Wahrnehmung. "Wir waren nicht gerne gesehen. Die Polizei wusste nicht, was sie mit uns machen sollte. Skateboarden war offiziell kein Sport, mit dem man Wettbewerbe gewinnen konnte. Wir passten in keine Schublade und wurden als links und alternativ agestempelt. Dabei waren wir einfach nur Teenager, die Spaß haben wollten", so Christian weiter.

Fotos: Philipp Boyd. Courtesy of the Transit Skateboarding Retrospektive via Christian Rothenhagen. Sami Harithi

Die Stärke der Berliner Szene liegt in ihrem generationenübergreifenden Zusammenhalt, der auch heute noch zu spüren ist. So bewahren die Jüngeren das Erbe und den einzigartigen Geist für zukünftige Skateboarder-Generationen. So auch der Berliner Steffen Grap und seine Crew, der neben seinen romantisch-verträumten Analog-Porträts mit Champagne Towers sein eigenes Modelabel lanciert hat. Christian ist trotzdem dankbar für die 90er und ihre einzigartige Skateboard-Szene, die sich bis heute ihre Authentizität bewahrt hat. Ein Vorbild für viele Städte.

Foto: Courtesy of the Transit Skateboarding Retrospektive via Christian Rothenhagen.
Rollbrett Magazine #2, 1998, Scan von Florian Hofmeister.
Foto: Steffen Grap

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.