Intime Porträts von einem Pärchen, das zum ersten Mal in einem Liebeshotel absteigt

Die niederländische Fotografin Mila van der Linden hat eine Schwäche für Neonlichter und sexuelle Tabus. Deshalb hat sie die beiden in einem Tokioter Liebeshotel fotografiert.

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Nov. 15 2017, 3:32pm

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der niederländischen Redaktion.

Auf Grund ihrer Fotoserie über Stripperinnen in L.A. und ihren aktuellen Fotografien in japanischen Liebeshotels kann man leicht zu der Überzeugung kommen, dass die Sexindustrie bei der niederländischen Fotografin Mila van der Linden im Fokus steht. Tatsächlich steckt aber viel mehr dahinter. Sie interessiert sich viel mehr für die Tabus, die das Thema menschliche Sexualität umgeben und mit ihren Arbeiten möchte sie genau diese brechen. Deshalb fotografiert sie in anonymen und diskreten Orten, in Welten, die nur hinter verschlossenen Türen existieren. Oft entstehen dabei auch neue Freundschaften, die über das Shooting hinausreichen. So hat sie sich eng mit den Stripperinnen des Cheetah Strip Clubs aus L.A. sowie mit einem jungen japanischen Pärchen angefreundet, die sie in einem Geschäft in Tokio getroffen und in einem der Liebeshotels der Stadt fotografiert hat. In dieser Art Hotel kann man sich ein Zimmer für die gewissen Stunden mieten und sie sind nur ein Beispiel dafür, wie groß die Sexindustrie in Japan ist.


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Ihr fotografischer Ansatz ist spontan und impulsiv. Oft lernt sie ihre Models auf der Straße kenne, unterhält sich mit ihnen und meistens macht es sofort Klick. So war es auch bei diesem japanischen Pärchen. Sie entschied sich, ein Zimmer in einem dieser Liebeshotels zu mieten und sie nach einer langen Partynacht zu shooten. Herausgekommen ist eine wunderschöne, unbearbeitete und intime Fotoserie – und das in einer Stadt, die – laut ihrer Aussage – voller sexueller Widersprüche steckt. Wir wollten mehr wissen und haben mit Mila van der Linden über ihre Fotografien, die in Zusammenarbeit mit Morrison Schiffmacher entstanden sind, gesprochen.

Was findest du so faszinierend an Japan?
Das Phänomen Liebeshotels interessiert mich seit Jahren. Als wir durch Tokio gelaufen sind, haben wir die enormen Widersprüche sofort bemerkt, wenn es um Sex geht. Sex gilt als Tabu, gleichzeitig springt es einem auch die ganze Zeit ins Gesicht. In Tokio gibt es zig Liebeshotels und Cosplay-Restaurants. Sex ist omnipräsent, aber die meisten jungen Japaner, die ich getroffen habe, können nur schwer darüber sprechen. Wie zum Beispiel Hiroyuki und Maina, das Pärchen auf den Bildern: Die beiden waren vorher noch nie in einem dieser Liebeshotels. Das Erste, woran Morrison und ich dachten, als wir dann im Zimmer standen, war, dass so ein Zimmer der perfekte Ort für eine Afterparty mit Freunden wäre. Aber ich glaube, die Japaner sehen das anders.

Wie hast du Hiroyuki und Maina kennengelernt?
Ich habe die beiden in einem Laden in Shibuya getroffen und fand sie sehr interessant. Wir sind ins Gespräch gekommen und es hat sofort Klick gemacht, trotz der Sprachbarriere. Mit Maina lief es lange Zeit nach dem Motto "Lost in Translation", aber durch Zufall haben wir eines Tages alle eine goldene Namenskette getragen – und wir konnten alle darüber lachen und das Eis war gebrochen. Ich konnte ihr meine Ideen nicht erklären, wie ich es normalerweise mit Models tue, aber die Ergebnisse sind wirklich gut geworden. Wir lagen komplett auf einer Wellenlänge und hatten viel Spaß während des Shootings. Danach sind wir essen gegangen und haben uns betrunken.

Begegnest du häufiger den Leuten auf der Straße, die du dann fotografierst?
Wenn du auf Instagram nach Models scoutest, dann triffst du dich meistens am Tags des Shootings zum ersten Mal, das funktioniert bei mir aber nicht und ich arbeite auch nicht gerne so. Man sieht der Fotografie sofort an, was für eine Beziehung ich zum Model hatte, deshalb ist eine persönliche Verbindung für mich so wichtig. Ich möchte die Leute kennenlernen, die vor meiner Linse stehen. Deshalb changiert mein Stil auch so zwischen Mode- und Dokumentarfotografie. Mit den Stripperinnen in L.A. bin ich immer noch befreundet. Es geht mir nicht nur um das eine schöne Foto, es geht mir um den Charakter, der dahintersteckt.

Warum interessiert dich die Sexindustrie so sehr?
Ich bin daran interessiert, die unterschiedlichen Aspekte der menschlichen Sexualität in meinen Arbeiten zu zeigen, ganz besonders wie die Perspektiven in anderen Ländern aussehen. Sex wird noch viel zu oft als Tabu gesehen, während es doch so ein großer Teil der Gesellschaft ist. Und ich liebe Neonlichter, das Verruchte daran und dass Neonlichter in der Sexindustrie so beliebt sind.