Dieser queere Coming-of-Age-Film ist die neue Obsession des Internets

Junge Super-Fans von "Call Me by Your Name" haben uns verraten, warum sie einen Film lieben, den die meisten von ihnen noch gar nicht gesehen haben.

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Nov. 3 2017, 10:08am

Screenshot aus dem YouTube-Video "Call Me By Your Name (2017) - Official Trailer" von SonyPicturesClassics

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.

Machen wir uns nichts vor: trotz all seiner Fehler ist das Internet ein ziemlich guter Ort. Es ist eine Langeweile tötende Quelle ewiger Unterhaltung und zu einem unverzichtbaren Werkzeug in zeitgenössischem politischem Aktivismus geworden. Und nicht nur das, nein, die sozialen Netzwerke haben auch die fantastische Angewohnheit, Leute zusammenzubringen, eine moderne Version des guten alten Fanclubs. Auf Twitter und Tumblr sind Horden von Usern unterwegs, die eine schräge Vorliebe für so ziemlich alles haben: von Justin Bieber bis zu Twilight mit Bella und Edward. Diese Bewunderer aus der Generation Millennials werden "Stans" genannt, also Super-Fans.

Wenn du dachtest, dass die Welle an Nischen-Memes, die Flut an Herzaugen-Emojis und die unzähligen Hashtag-Kampagnen nur für die Elite der Popkultur reserviert sind, dann lagst du falsch. Die Horde von Stans hat ein neues Objekt der Begierde, auf das man erstmal kommen muss: Eine queere Liebesgeschichte verpackt in einem Arthouse-Film hat die Herzen der liberalen und Social Media affinen Jugend erobert und sorgt für digitale Ohnmachtsanfälle.


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Call Me by Your Name ist der Film von Regisseur Luca Guadagnino mit den Hollywood-Mädchenschwärmen Armie Hammer und Timothée Chalamet, der gerade die Twitter-Account und Tumblr-Feeds auf der ganzen Welt flutet. Zum ersten Mal hat der Film beim Sundance Film Festival im Januar für Begeisterungsstürme gesorgt und wurde mit fünf Sternen bewertet. Ein Kritiker hat den Film sogar als lebensverändernd bezeichnet. Seitdem ist aus dem Film ein globales Phänomen geworden, dessen Publikum weit über die üblichen Arthouse-Liebhaber hinausreicht.

Der Film erzählt die Geschichte des 17-jährigen Elio, der den Sommer mit Schwimmen, Transkribieren und Abhängen in der Villa seines Vaters irgendwo in Norditalien verbringt. Das gechillte Dolce Vita wird aber auf den Kopf gestellt, als plötzlich Oliver auftaucht: der unglaublich gutaussehende, 24-jährige neue Assistent seines Vaters, der Professor ist. Innerhalb von nur wenigen Wochen verlieben sich die beiden ineinander und leben ungehemmt ihre Zuneigung unter der heißen mediterranen Sonne aus. So weit nichts Spektakuläres. Das hört sich nach einer Geschichte an, die deine Mutter im Urlaub am Pool lesen würde. Eine Geschichte voller Lust und sexueller Grenzen, die überschritten werden. Die Sache ist nur die, dass die Geschichte die jungen Leute, die sich gut mit der Internet-Kultur auskennen und den lieben langen Tag im Netz unterwegs sind, gefesselt hat.

Die Super-Fans, oder Stans, von Call Me by Your Name erkennt man sofort. Ihre Social-Media-Profile, garniert mit vielen Film-Gifs von den bewegendsten Szenen und Armie-Hammer-Memes, sind regelrechte Schreine. Und meistens zieren auch Pfirsich-Emojis die Nicknames, das ebenfalls eine Filmreferenz darstellt: die berühmt-berüchtigte Szene, in der Elio das Kernobst ins gemeinsame Liebesspiel einbaut und zum samengefüllten Snack für seinen Lover umfunktioniert.

Welche Personen verkünden in den sozialen Netzwerken, und somit vor aller Welt, ihre Obsession mit einer queeren Indie-Romanze, die im Italien der 80er spielt? Kluge und liberale junge Menschen sind das.

Der Durchschnitts-Fan von Call Me by Your Name ist die respektvollere, wenn auch verspieltere Version eines Stan und hat nichts mit der infantilen Hysterie um Filme wie Twilight oder Die Tribute von Panem zu tun. "Um ehrlich zu sein, diese Franchises können damit nicht mithalten", antwortet die 19-jährige Stan Latoria auf die Frage, ob sie schon mal so verliebt in ein fiktionales Werk war. "Ich hatte damit keine emotionale Beziehung wie ich sie bei Call Me by Your Name spüre; ich habe weder die Bücher mehrmals gelesen noch jedes Wort analysiert." Melanie, ein junger Armie-Hammer-Fan aus Florida ist auf ähnliche Weise gefesselt. "Etwas an dieser Story löst etwas in mir aus, das ich vorher noch nie gefühlt habe, auch wenn ich den Film noch gar nicht gesehen habe. Ich weiß es einfach."

So geht es den meisten in der Call My by Your Name-Fangemeinde. Aufgrund des Festival-Erfolgs sind viele Fans wegen eines Films aus dem Häuschen, den sie noch nicht gesehen haben. Stattdessen müssen sie mit ein paar Trailern, Clips und Mitschnitten von Pressekonferenzen vorliebnehmen, die es online gibt. Daraus haben sie ihre eigene Welt gesponnen und nehmen das Verhältnis der Schauspieler als Mittel, um die bisher unbekannte Chemie zwischen den Film-Figuren zu entschlüsseln.

Matthew, ein 26-jähriger Stan aus Los Angeles, ist einer der wenigen, der den wirklichen Film gesehen hat, sechs Mal um genau zu sein. Er war auf der Premiere während des Sundance-Filmfestivals (wo er ihn zwei Mal gesehen hat) und hat ihn vier weitere Male gesehen: auf der Berlinale, beim Toronto Film Festival und beim San Diego Film Festival. Ein wahrhaft transatlantischer Film-Fan, der lieber nicht wissen will, was ihn das gekostet hat: "Ich versuche immer noch, nicht darüber nachzudenken", gibt er zu. Rosie aus England hat den Film beim London Film Festival gesehen und "auf dem Nachhauseweg drei Stunden durchgeweint."

Elio und Olivers Beziehung bewegt Melanie noch viel tiefer und persönlicher, durch die Art und Weise wie durch das gleichgeschlechtliche Pärchen Bisexualität dargestellt wird. "Ich kann mich mit ihrem Verlangen identifizieren", sagt sie mir. "Weil sie wissen, dass es Dinge gibt, die größer als sie sind; dass sie nicht wissen, wie sie ein gebrochenes Herz reparieren oder wie sie aus einer flüchtigen Sommerromanze etwas Langlebiges machen. So eine Geschichte ist eine Offenbarung, die man nicht so leicht vergisst."

Latoria ist besonders von Elios Geschichte begeistert. Sie hat noch nicht das Gefühl gehabt, dass sie schon ihre erste Liebe erlebt hat und sieht viel von sich in der Figur des 17-Jährigen. "Mit seiner Art und Weise, wie er jedes Wort und jede Geste überanalysiert, habe ich das Gefühl, dass ich meine eigenen Gedanken über eine Erfahrung lese, die ich selbst noch nie hatte."

Ihre Verbundenheit mit Elio und Olivers Geschichte hält die Stans nicht davon ab, aus ihrer Liebe für den Film einen guten Internet-Witz zu machen. Es geht dabei nicht darum, dass etwas viral geht. Die Leute, die nicht selbst Teil des Call Me by Your Name-Universums sind, verstehen die Kreationen nicht. Auf die Frage, welche Tweets und Memes über den Film sie persönlich am besten finden, kommen immer andere Antworten: von der unschuldigen Fassade von Elio über die Reinkarnation von Gretchen, ein brasilianischer Meme-Star, der in Katy Perrys Musikvideo zu "Swish Swish" mitgewirkt hat, als Call Me by Your Name-Superfan.

Stans und weniger obsessive Fans gleichermaßen betrauern den Verlust von @armiedancingto – ein Account, der Anfang Oktober für das erste richtige und erfolgreiche Meme aus dem Film gesorgt hat. Oliver tanzt in der Szene unbeholfen zu Musik von The Psychedlic Furs. Der Witz bestand darin, dass die ursprüngliche Musik entfernt wurde und Oliver jetzt zu LGBT-Hymen wie Carly Rae Jepsens "Cut to the Feeling" oder Madonnas "Like a Virgin" tanzt. IndieWire und Entertainment Weekly haben über den Account noch berichtet, bevor er aufgrund von Urheberrechtsverletzungen gesperrt wurde. Das ist das perfekte Beispiel dafür, wie geeky, isoliert und erfrischend unbekümmert solche Fan-Communities sein können. Sie entstehen aus dem Nichts und kreieren mit den besten Absichten ihren eigenen viralen Content.

Die Liebe für Call Me By Your Name ist ein wunderschönes Zeichen dafür, wie sehr sich die Zeiten für queere Geschichten geändert haben. Wenn dieser Film vor 30 Jahren veröffentlicht worden wäre, zu der Zeit, in der die Handlung spielt, wäre es nur schwer vorstellbar, dass die Fans in aller Öffentlichkeit über jedes kleine Detail diskutieren würden. Damals war das Interesse an dieser Art von Geschichten verschwindend gering. Man stellte sich damals noch die Frage, ob man wirklich LGBT-Charaktere im Film haben möchte. Falls doch stand die Frage im Raum, wie ihre Sexualität versteckt werden kann. Das Internet ist heute das Mittel, um die nächsten Generationen aufzuklären und ihnen zu zeigen, dass es noch andere queere Geschichten als die der Mainstream-Medien gibt. Dank des Internets können Filme wie Call Me By Your Name faszinierend und universell zugleich sein. Sie müssen sich nicht irgendeinem Mainstream-Publikum anbiedern, sie müssen nicht erst ihr Publikum finden. Es ist bereits da.

Die 19-jährige Latoria hätte ohne das Internet womöglich nie von dem Film erfahren. Was ist es im Kern, dass sie so an der Liebesgeschichte fesselt, frage ich sie zum Schluss. "Man muss nicht haargenau die gleichen Erfahrungen gesammelt haben, um von der Geschichte berührt zu werden", antworte sie. "Man muss einfach nur ein Mensch sein."

Call Me by Your Name läuft ab dem 01. März 2018 in den deutschen Kinos.