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links: Phoebe Jane Barrett, rechts: Annika Weertz

"New masculinity" erkundet eine neue Art der Männlichkeit fernab von Stereotypen

Juule Kay

Juule Kay

Die neue Ausstellung des Berliner Künstler-Kollektivs Curated By GIRLS versammelt die Arbeiten vier junger Fotografen, die mit gängigen Vorstellungen von Geschlechterrollen brechen wollen. Wie haben sie uns im Interview verraten.

links: Phoebe Jane Barrett, rechts: Annika Weertz

Am Mittwoch wurde in Deutschland der Beschluss zur Einführung eines dritten Geschlechts durchgesetzt, der einen großen und bedeutenden Schritt für all die Menschen darstellt, die sich als nicht-binär identifizieren. Als nicht-binär bezeichnen sich Menschen, die sich weder dem männlichen noch weiblichen Geschlecht zugehörig fühlen. Auch wenn sich gerade viel tut, liegt in Bezug auf die Aufklärung über Genderklischees noch viel Arbeit vor uns. So müssen sich die meisten von uns immer noch tagtäglich mit der Stereotypisierung ihres Geschlechts auseinandersetzen. Männern wird beispielsweise vermittelt, keine Gefühle in der Öffentlichkeit zeigen zu dürfen – "Boys don't cry" heißt es nicht nur in einem der bekanntesten Hits von The Cure, sondern auch im gleichnamigen Film von Kimberley Peirce aus den späten 90ern, in dem die Geschichte eines transsexuellen Teenagers erzählt wird.


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Auch die neue Ausstellung New Masculinity des Berliner Künstler-Kollektivs Curated By Girls hat sich der Stereotypisierung von Männlichkeit gewidmet. Vier Fotografen aus Deutschland, England und Schweden erkunden eine neue und andere Darstellung von Maskulinität in der Gesellschaft. Gefunden haben sich die jungen Kreativen – wie sollte es auch anders sein – über das Internet und haben schnell gemeinsam beschlossen, sich auf kreative Weise mit der Frage auseinanderzusetzen, wie jeder einzelne von uns mit gängigen Vorstellungen von Gender-Normen brechen kann.

Phoebe Jane Barrett, 22

Wie bist du zur Fotografie gekommen?
Ich glaube nicht, dass ich unbedingt realisiert habe, dass ich Fotografin werden möchte. Für mich hat es viel mehr etwas Meditatives. Wenn ich eine Kamera in der Hand habe, kann ich abschalten und mich nur auf den Menschen, das Licht und alles um mich herum konzentrieren.

Was bedeutet New Masculinity für dich?
Maskulin zu sein nochmal zu definieren. Die Welt wäre so ein besserer Ort, wenn sich Maskulinität durch Empathie, Mitgefühl und Respekt auszeichnen würde.

Wie würdest du die gängigen Schönheitsideale beschreiben und wie kann mit ihnen gebrochen werden?
Ich glaube nicht, dass es unbedingt ein vermeintliches, männliches Schönheitsideal gibt, sondern dass Schönheit von jedem komplett anders wahrgenommen wird. Falls das aber doch existieren sollte, ist der einzige Weg, damit zu brechen, indem du dir selbst treu bleibst und dir die Frage stellst, warum du so denkst, wie du denkst, und ob deine Wahrnehmung von äußeren Faktoren wie den Medien beeinflusst wird.

Wann hast du dich das letzte Mal maskulin gefühlt?
Maskuline und feminine Eigenschaften sind sehr fließend. Ich kann mich nicht wirklich daran erinnern, wann ich mich zuletzt komplett maskulin gefühlt habe. Ich glaube, ich fühle mich alles in allem sehr weiblich.

Welche Botschaft steckt in deiner Serie?
In erster Linie möchte ich Männer fotografieren, weil sie nicht so oft fotografiert werden wie Frauen und weil ich finde, dass es wichtig ist, sie auf eine verletzlichere und intimere Art und Weise zu porträtieren.

@softestmorning

Annika Weertz, 26

Wie bist du zur Fotografie gekommen?
Ich fotografiere seit gut zehn Jahren. Nach dem Abitur habe ich die Möglichkeit, Fotografie zu studieren, sehr schnell verworfen, weil ich dachte, das wäre keine sichere Bank. Während meines Studiums drängte sich dann die Fotografie immer mehr in den Vordergrund. Ich weiß jetzt, was ich außer der Fotografie noch alles beruflich machen könnte, aber irgendwie interessiert es mich als langfristige Lösung nicht besonders. Manchmal wünschte ich, ich hätte es studiert, da es als Autodidakt schwieriger ist, aber vielleicht habe ich durch meinen langen Weg zur Fotografie auch eine ganz besondere Bindung.

Was bedeutet New Masculinity für dich?
Für mich bedeutet es, dass sich Männer nicht verstecken oder Dinge verschweigen müssen, weil das Rollenklischee es von ihnen verlangt, besonders stark zu wirken. Männlichkeit zeigt sich in allen Facetten sowie Weiblichkeit auch.

Wie würdest du die gängigen Schönheitsideale beschreiben und wie kann mit ihnen gebrochen werden?
Die Schönheitsideale des Männer kreisen vermehrt darum, die innere, mentale Stärke nach außen zu tragen. Also sind Männer muskulös und haben einen Bart. Kleine, dünne Männer werden oft einfach als "Hemdchen" abgestempelt – wie oft hat man das schon aus seiner Elterngeneration gehört. Ich denke auch hier kann man sich gegen die Normen wehren, indem man sich so akzeptiert, wie man ist und selbstbewusst dazu steht.

Wann hast du dich das letzte Mal maskulin gefühlt?
Ich fühle mich selten bis überhaupt nicht männlich. Auch wenn ich mich in meinem weiblichen Körper sehr wohl fühle, bedeutet das für mich nicht gleichzeitig, dass ich mich ständig besonders weiblich fühle.

Welche Botschaft steckt in deiner Serie?
Kein Mensch, beziehungsweise Mann, sollten sich dazu verpflichtet fühlen, dem Archetyp seines Geschlechts zu entsprechen. Es gibt viele Varianten von Männlichkeit, die alle ihre eigene Form von Anziehung ausüben. Zum Glück ist unser Schönheitssinn individueller geworden.

@annikaweertz

Joseph Barrett, 25

Wie bist du zur Fotografie gekommen?
Ich habe schon früh angefangen, mit Standfotos und Videokameras herumzuspielen. Erst im letzten Semester meines Fotografie-Abschlusses habe ich angefangen, ernsthaft darüber nachzudenken, Fotograf zu werden. Das war vor zwei Jahren. Seitdem hat sich auch die Richtung und der Stil meiner Arbeiten extrem verändert. Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich nie so richtig bei der Sache war und keine wirklich persönliche Verbindung zu dem Ganzen hatte. Als ich das realisiert habe, hat es mich nur umso mehr gepusht, ein wohl überlegteres und kuratierteres Portfolio zu kreieren.

Was bedeutet New Masculinity für dich?
Es ist eine nicht-binäre Definition für mich. Die Veränderlichkeit ist das, was sie von der alten Definition von Maskulinität unterscheidet.

Wie würdest du die gängigen Schönheitsideale beschreiben und wie kann mit ihnen gebrochen werden?
Für mich würde dazu gehören, groß zu sein, eine ausgeprägte Kieferknochen-Partie und einen muskulösen Körper zu haben – das typische Model aus der Fitnesswerbung eben. Und daran ist auch überhaupt nichts falsch. Jeder sollte einfach das machen, was sich natürlich für ihn anfühlt.

Wann hast du dich das letzte Mal maskulin gefühlt?
Ich war mir ehrlich gesagt noch nie wirklich über dieses Konzept bewusst oder habe mich so gefühlt, als ob ich mich als maskulin identifizieren müsste.

Welche Botschaft steckt in deiner Serie?
Für mich ist es wichtig, in der Lage zu sein, sich mit jedem Thema unvoreingenommen zu befassen. Ich hoffe, dass die Leute von der Ausstellung mitnehmen, dass ein Gefühl der Freiheit darin existiert, maskulin zu sein.

@josephbarrett

Liam Warton, 27

Wie bist du zur Fotografie gekommen?
Wahrscheinlich kurz nachdem ich vor fünf Jahren meine erste Kamera gekauft habe. Ich habe damals in London gelebt und gearbeitet und mir eine alte Olympus SLR Kamera auf dem Brick Lane Market für meine Reise nach Irland gekauft. Mein Bürojob langweilte und deprimierte mich, deswegen habe ich dringend nach einer Möglichkeit gesucht, mich kreativ auszudrücken.

Was bedeutet New Masculinity für dich?
Maskulinität und Weiblichkeit sind soziale Kosntrukte, eine Möglichkeit, das Verhalten von Männern und Frauen zu kategorisieren. Die stereotypische Darstellung von Maskulinität (hegemoniale Männlichkeit) ist eine der Dominanz, Stärke und Überlegenheit. New Masculinity hat dagegen mit Gender Equality und damit zu tun, einen offeneren und ehrlicheren Maßstab zu finden, was es bedeutet, ein Mann, eine Frau oder nicht-binär zu sein. Traditionelle Männlichkeit entmutigt Männer zum Beispiel, eine Reihe an Emotionen wie Verletzlichkeit, Angst, Schmerz oder Verzweiflung zu zeigen. Das hat dazu geführt, dass weniger Männer offen über ihre Probleme sprechen, weil sie Angst haben, diese Gefühle zu offenbaren. Und diejenigen, die davon abweichen, werden oft diskriminiert und als "Pussies" oder "Schwuchtel" bezeichnet. New Masculinity hinterfragt und verändert unsere Einstellungen und Erwartungen darüber, wie wir Männer, Frauen und nicht-binäre Menschen wahrnehmen. Was idealerweise zu weniger Diskriminierung und Sexismus in der Gesellschaft führen sollte.

Wie würdest du die gängigen Schönheitsideale beschreiben und wie kann mit ihnen gebrochen werden?
Was als schön gilt, unterscheidet sich sowohl historisch als auch kulturell gesehen. Heutzutage konzentriert sich die männliche Schönheit auf körperliche Stärke, einen extrem athletischen Körper. Natürlich trifft diese veraltete Vorstellung von Männlichkeit nicht auf jeden zu. Nur, weil etwas der Norm entspricht, heißt das aber nicht gleich, dass es von Natur aus negativ ist – Schönheit liegt im Auge des Betrachters.

Wann hast du dich zuletzt maskulin gefühlt?
In einem stereotypen Kontext und weil Männer dominanter und repräsentativer in der Gesellschaft sind, fällt es schwer, die Auswirkungen stereotypischer, maskuliner Gender-Konstruktion nicht tagtäglich zu sehen. Ich merke zum Beispiel oft in einem Restaurant, dass sich der Kellner eher zu mir als zu meiner Freundin dreht, wenn es darum geht, die Rechnung zu bezahlen. Ein anderes Beispiel ist die Umkleidekabine im Fitnessstudio: Ich fühle diesen inneren Druck, nicht zu lange vorm Spiegel stehen zu dürfen, um mir zum Beispiel meine Haare zu machen, weil es üblicherweise als etwas Feminines angesehen wird.

Welche Botschaft steckt in deiner Serie?
Mein Ziel ist es, die Norm noch einmal zu überdenken. Diese eindimensionale, stereotype Darstellung von Männern, bei der sie stark, sexuell und mächtig sein sollen. Es ist eine Alternative, Männlichkeit darzustellen.

@liamwartonphoto

"New Masculinity" von Curated By GIRLS kannst du dir am 11. und 12. November im Blender Studio in Berlin ansehen. Alle Informationen findest du hier.