paris is burning

Die legendäre Dokumentation „Paris is burning" wird 25. i-D Contributor Colin Crummy erklärt, warum der Film das Prädikat besonders wertvoll verdient hat.

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Jan. 22 2015, 7:58am

Als die Regisseurin Jenny Livingston noch Studentin in New York war, sah sie im Park ein paar queere Kids beim Vogueing. Das war der Startschuss ihrer Reise in die Harlemer Drag-Ball-Kultur, aus der die Dokumentation Paris Is Burning entstanden ist, die nun mit dem Legacy Award von Cinema Eye, eine Organisation für nicht-fiktionales Filmemachen, geehrt wurde. Für eine Weile sah es aber so aus, als ob das Erbe nicht weiter leben könnte.

Das Schicksal der kleinen, feurigen Transsexuellen Venus Xtravaganza nahm die Zuschauer am meisten mit. Die verletzlichste Protagonistin des Films wollte ein verwöhntes, reiches und weißes Mädchen sein und war sich für wenig zu schade, um sich eine Geschlechtsumwandlung zu finanzieren. Noch vor Filmende wird Venus erwürgt unter einem Hotelbett aufgefunden.

Harlems Ball-Kultur, Gegenstand von Paris is Burning, war zum Zeitpunkt des Filmstarts auch schon am Ende. Die homosexuellen und transgender Voguer, Poser und Drag Queens aus der afro-amerikanischen und Latino Community mit ihren Kostümen und Masken waren ebenfalls auf einem tragischen Pfad unterwegs.

Die Drag Balls, selbstorganisierte Tanz- und Kostümwettbewerbe, haben ihren Ursprung in Harlem der 1920er. Sie sind das Produkt einer schwulen, nicht-weißen Unterschicht, die ihre unerreichbaren Fantasien über privilegierte Leben von Yale College Kids, Wall-Street-Managern und Models auf diese Art ausleben konnten. Erst mit dem Kinostart 1991 wurde diese Subkultur einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. 

Unter der Überschrift „Paris has burned" erschien 1993 ein New York Times-Artikel über das Verschwinden der Szene und seiner Hauptakteure. Der Mainstream berichtete, dass die Subkultur sich schon wieder auflöste. Die Houses, Bezeichnung für konkurrierende Gruppen bei den Balls und unter der Führung einer Mother oder einem Father, die als bissige Beschützer agierten, wurden von der Aids-Epidemie heimgesucht. Der Korrespondent der NYT war bei der Beerdigung von Angie Xtravaganza, Mother des „House of Xtravaganza", anwesend, die leider eine von Vielen war, die an Aids starben. 

Schon vor der Veröffentlichung des Films haben Malcolm McLaren und Madonna die Sprache und die Tanzbewegungen der Ball-Kultur kopiert, um „Vogue" an ein internationales Mainstream-Publikum zu vermarkten. Dieser Ritterschlag für die Drag-Ball-Kultur war eine bittere Ironie, gerade weil der Mainstream die Ball-Teilnehmer ausgeschlossen hatte. Die zahlreichen Kategorien, in denen die Teilnehmer gelaufen sind, - von Butch Queen bis Schoolboy/Schoolgirl Realness und Town and Country - waren Wettbewerbe, die in einem bestimmten gesellschaftlichen Kontext stattfanden, der LGBT Afro-Amerikaner und Latinos aufgrund ihres Geschlechts, Politik, Sexualität und Hautfarbe ausgeschlossen hatte.

Die weise alte Drag Queen Dorian Corey brachte es auf den Punkt: „Im realen Leben bekommst du keinen Job in einer Führungsposition ohne den Bildungshintergrund und die Chancen. Der Fakt, dass du kein Manager bist, liegt einfach an der sozialen Hierarchie. Schwarze haben es schwerer und die es schaffen, sind meistens hetero."

Doch nicht einmal das neue Rampenlicht, brachte den Protagonisten des Films mehr Chancengleichheit. Als die Dokumentation an den Kinokassen zum Renner wurde, versuchten einige Darsteller die Filmemacher zu verklagen - ohne Erfolg. Lediglich der Voguer Willi Ninja machte sich außerhalb der Ball-Szene einen Namen, modelte für Jean Paul Gaultier und trat im landesweiten Fernsehen auf. In der Mainstream-Kultur wurde der Drag-Ball-Style zum Renner. RuPaul, die aus der Downtown Manhattan Drag-Szene und nicht Harlems Ball-Kultur kommt, machte Kostümieren in der US-Popkultur populär, während Madonna so tat, als ob Vogue ihre Erfindung wäre. 1993 beschrieb der NYT-Journalist Jesse Green, wie die Erfinder im Regen stehen blieben: „Sobald Mainstream-Amerika damit begann, diese Subkultur zu kopieren, die wiederum Mainstream-Amerika kopierte, verlor das breitere Publikum an der Underground Bewegung selbst das Interesse und die neuen Chancen für die Pioniere versickerten sofort wieder."

Dennoch bleibt der Film eine wertvolle ikonografische Quelle in der modernen Popkultur. Von Zebra Katz bis Azealia Banks, wurde er unzählige Male nachgeahmt und in Musikvideos zitiert. Künstler wie Beyonce und Ciara nehmen in ihren Texten Bezug auf die queeren Kids und ihre Häuser. Selbst 2015 bleibt der Film eine wichtige Studie für die Queers von heute, die ihre Inspirationen in zeitgemäße Balls einfließen lassen, auch wenn sie ihre Tanzschritte auf YouTube gelernt haben und ihre Looks für Instagram optimiert sind.

Es wäre falsch, die popkulturellen Copycats der ikonischen Tänze, Arbeiten und Style von Paris einfach aus ästhetischen Gründen abzulehnen. In Paris is Burning steckt echte Queer-Power, die auch die heutige LGBT-Jugend anspricht, die sich an die Zeit der Verfolgung gar nicht mehr erinnern kann. Es gibt immer noch den Wunsch nach dieser Identität, wie der stetig wachsende Erfolg von RuPaul's Drag Race zeigt. Verstehen kann man die Sendung aber nur, wenn man weiß, wie viel sie der Drag-Ball-Kultur verdankt. Drag-Ball-Jargon half Drag Race sich in der queeren Szene einzuprägen - „to throw some shade", jemanden niedermachen. Obwohl Drag Race im seichten Reality TV läuft, führt es die politische Arbeit von Paris is Burning weiter. Trotz seiner Komik ist es grundsätzlich politisch, es stellt die Subkultur von aufgrund ihrer Sexualität, Geschlecht, Hautfarbe und Politik oftmals verlachten Personen ins Rampenlicht und erzählt ihre Geschichten.

„Wir zeigen Leute, die die Gesellschaft ausgeschlossen hat und die sich ein Leben aufgebaut haben, unabhängig davon, was andere von ihren Entscheidungen halten", sagte RuPaul letztes Jahr in einem Interview mit dem Guardian. „Das zeigt, wie zäh der Mensch ist, und damit kann sich jeder Zuschauer identifizieren. Wir feuern sie an. Ich denke, dass ist es, was uns so fesselt, zu sehen wie diese wunderschönen Geschöpfe es hinbekommen haben, sich nicht unterkriegen zu lassen."

25 Jahre später sind es diese wunderschönen Geschöpfe, die Paris is Burning immer noch leuchten lassen.

Credits


Text: Colin Crummy