Generation Grindr: Schwulensex im 21. Jahrhundert

Schwulensex ist ein absolutes Nicht-Thema in den Mainstreammedien, sagt der Dokumentarfilmer Travis Mathews.

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13 Juli 2015, 9:45am

Travis Mathews wurde mit Interior. Leather Bar einem breiteren Publikum bekannt; der Film, bei dem James Franco mit Regie führte. Als Cruising mit Al Pacino 1980 veröffentlicht wurde, kam eine um 40 Minuten gekürzte Fassung in die Kinos, da die eindeutigen Sexszenen zwischen Männern herausgeschnitten wurden und dann verloren gingen. Interior. LeatherBar ist der Versuch, dieses verlorengegangene Material nachzustellen. Dabei schlüpft ein Schauspieler in die Rolle von Al Pacino: ein Cop, der undercover in der New Yorker Schwulenszene unterwegs ist, um einen Serienmörder zu finden. Mathews' und Francos Film thematisiert das Spannungsfeld zwischen kreativer Freiheit und Zensur.


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Mathews stellt Schwulensex so dar, wie er ist, und behandelt ihn als Selbstverständlichkeit. Sein Film I Want Your Love sorgte bereits vor seiner Veröffentlichung für Schlagzeilen. Die durch das Butt Magazine bekannt gewordene In Their Room-Serie blickt in die Schlafzimmer schwuler Jungs in San Francisco und Berlin und die Darsteller sprechen offen über Sex. Sie liegen im Bett, sie sind nackt oder tragen nur Unterwäsche, sie kuscheln und sie telefonieren. Die Situationen sind angenehm entspannt und haben eine unscripted Natürlichkeit. Das sind Typen, die man auch auf Gayromeo findet. Die Interviewten sind direkt: "Das letzte, was ich hören möchte: 'Kann ich bitte …?'", sagt ein Interviewter. "Ich denke mir nur: 'Was? Steck' einfach deinen Schwanz in meinen Arsch, Mann'." Wir trafen den Regisseur und sprachen mit ihm über Klischee-Schwule in Filmen, über die Generation Grindr und über Slut Shaming.

Wodurch unterscheidet sich die In Their Room-Serie von anderen schwulen Dokumentarfilmen?
Es gibt keine großen Geschichten übers Coming-out, über die Homo-Ehe oder über HIV, was natürlich alles sehr wichtige Themen sind. Die Geschichten haben ihre Berechtigung, aber es ist mal erfrischend, wenn der Fokus darauf liegt, wer diese Männer sind, anstatt sich nur auf irgendwelche Klischees zu fokussieren. Ich wollte mich auch selbst herausfordern und etwas Persönliches machen. Ich war frustriert von Schwulenfilmen, weil ich mich mit keinem der Charaktere identifizieren konnte. In meiner Wahrnehmung war es so, dass etwas fehlte; das Leben, so wie ich es kannte, existierte in Schwulenfilmen nicht.

Was erhoffst du dir durch die Serie?
Die Serie entstand nicht bewusst deswegen, aber mit einigem Abstand betrachtet, wird mir klar, dass ich sie letztlich für mein 16-jähriges Ich getan habe. Als ich 16 war, fühlte ich mich ziemlich isoliert. Es gab nur zwei Typen von schwulen Männern: das AIDS-Opfer oder die Drag Queen. Ich sehnte mich nach etwas anderem. Ich bin ohne Kabelfernsehen und Internet groß geworden. Für mein jüngeres Ich, denke ich, wäre es hilfreich gewesen und hätte mir Hoffnung gespendet, andere Darstellungen von schwulen Männern zu sehen: schwule Männer, die mutig genug sind, solch intime Details aus ihrem Leben mit anderen zu teilen, und Gefühle zeigen. Wenn man merkt, dass jemand echt ist, dann kann man sich mit ihm identifizieren, auch wenn es nicht deine Geschichte ist. Da passiert etwas, was wichtig ist.

Eine Sache haben alle Interviewten gemeinsam: Sie sind definitiv nicht kamerascheu. Sind sie Exhibitionisten?
Ich glaube, dass wir zu einem gewissen Grad alle Exhibitionisten sind.

Wir als Zuschauer sind Voyeure in diesen Episodenfilmen. Siehst du dich selbst als Voyeur?
Wir sind alle Exhibitionisten und Voyeure. Beide Begriffe sind mit Vorstellungen und Assoziierungen überfrachtet. Ich denke, dass jeder beides ist! Ich bin Exhibitionist und Voyeur! Mich interessieren Darstellungen von Leuten in echten und offenen Situationen. Wenn mich das zu einem Voyeur macht, dann bin ich eben einer.

Es gibt ein paar interessante Zitate in den Filmen: "Durch die Apps ist es einfacher und bequemer geworden, eine Schlampe zu sein." Dann sagt er weiter, dass ihm diese kurzweilige Intimität wichtig sei und er redet davon, wie sich zwei Körper berühren und etwas entdecken würden. Das hat mich an das anonyme Cruisen in Parks oder öffentlichen Toiletten in den Jahrzehnten, bevor Schwulenbars legal wurden, erinnert.
Die Apps mit ihrer digitalen Cruising-Kultur haben die Bars ersetzt, aber auch Tabletten wie Truvada und PEP haben unsere Art und Weise, wie wir mit Sex umgehen, verändert. Ich hätte es nie im Leben für möglich gehalten, bare zu vögeln und danach einfach eine Tablette zu nehmen. Ich habe dazu ein zwiespältiges Verhältnis. Es ist ein Hinweis oder das Versprechen auf die sexuelle Befreiung, um die sich so viele meiner Generation und auch die jüngere Generation betrogen fühlen. Ich mache mir auch Gedanken darum, wie eine Zielgruppe zur Zielscheibe eines Medikaments werden kann. Ich weiß, dass es sicher sein soll, aber was ist, wenn wir alle in 15 Jahren Bauchspeicheldrüsenkrebs bekommen?

Wieso geht für manche Schwule so viel Faszination von Sex mit Fremden aus?
Meiner Meinung nach liegt das daran, dass wir alle im Herzen immer noch kleine Jungs sind und das Abenteuer lieben – zusätzlich ist unser Sexualtrieb ausgeprägter. Das klingt fast nach einem Rechtfertigungsversuch für häufigen Sex mit wechselnden Partnern, aber da ist etwas Wahres dran. Wenn schwule Männer einfachen, zwanglosen Sex mit anderen Männern haben, dann ist das wie ein Männerbund mit einer Exklusivität, die nur zwischen schwulen Männern existieren kann. Über den persönlichen Sexaspekt hinaus, glaube ich, dass es uns als Community zu einer Community macht. Wenn du zu jemandem nach Hause gehst, dann geht es um Sexdates. Aber ich habe mich auch schon dabei ertappt, wie mich einfach nur die Welt, in der der andere lebt, interessiert.

Du hast gerade "häufigen Sex mit wechselnden Partner" und vorhin das Wort "Schlampe" benutzt. Unter Schwulen ist das Slut Shaming weit verbreitet, also man beschimpft einen anderen schwulen Mann als Schlampe, weil er mehr Sex als man selbst hat. Sind wir gefangen zwischen dem, wie uns die Gesellschaft gerne hätte, und dem, wie wir uns selbst verhalten wollen?
Ich stelle mich schützend vor alle, die schlampig sein wollen, ob nun schwule Männer oder nicht. Und wenn ich die Worte "Schlampe" und "schlampig" verwende, meine ich sie nicht abwertend. Ich beteilige mich damit an keinem Slut Shaming. Meine einzige Sorge ist – und das geht über den bloßen Sex hinaus –, dass es uns ablenkt. Wir haben unsere Gehirne in einer sehr kurzen Zeit daran gewöhnt, dass wir unsere Bedürfnisse sofort befriedigen können und sobald wir das erreicht haben, können wir schon nach der nächsten Gelegenheit suchen. Sex ist immer und überall verfügbar, zu jeder Zeit.

Das stimmt, wenn man sich die ganzen Dating-Apps anschaut. Wir sind die Generation Grindr, für die Social Media ein sexuelles Medium ist. Ist das eine gefährliche Entwicklung?
Meine Sorge ist nicht, dass die Leute nicht mehr über längere Zeiträume zusammen sind, weil jeder von Sexdates besessen ist, was Langzeitbeziehungen schadet. Mir bereitet eher Sorgen, dass es oberflächliche Begegnungen und Bindungen fördert. Ich glaube generell, dass wir in westlichen Gesellschaften nicht unbedingt sehr viel in Dinge investieren, ob es sich dabei um den Medienkonsum, unsere Zwischenmenschlichkeit oder Beziehungen handelt. Meinen Freunden fällt es schwer, nur mal für 90 Minuten stillzusitzen, ohne das fünfmal angehalten werden muss oder ohne dass mit dem iPhone oder iPad rumgespielt wird. Diese Multitasking-Mentalität wirkt sich auch auf die Art und Weise aus, wie Leute Sex haben, und wie sie mit Intimität umgehen. Meine Angst ist, dass wir alle zu unempfindlich gegenüber tieferen Interaktionen werden.

In Their Room ist im Handel erhältlich.

Credits


Text und Interview: Cliff Joannou mit Material von Michael Sader
Alle Fotos: © [2015] Salzgeber & Co. Medien GmbH