aus dem i-D archiv: raf simons, der visionär

Diese Woche wurde es nun offiziell bestätigt: Raf Simons wird neuer Kreativchef bei Calvin Klein. Aus diesem Anlass haben wir in unseren Archiven gestöbert und präsentieren euch dieses Interview von i-D Gründer Terry Jones mit Raf Simons.

von Terry Jones; Übersetzt von Michael Sader
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Aug. 5 2016, 3:11pm

Raf Simons

Ab und zu gibt es einen Designer, der die Modeindustrie für immer verändert. Dessen Vision so einzigartig und dessen Wille so stark ist, dass er in die Hall of Fame der Mode aufgenommen wird. Raf Simons ist so ein Designer. Bei Jil Sander hat Raf sein Verständnis von Schlichtheit, seine Liebe für gerade, cleane Linien und schicke, moderne Silhouetten unter Beweis gestellt. Seine Leidenschaft für Kunst, Musik und Film hat seinen Arbeiten eine poetische Qualität gegeben, die die junge Generation sofort angesprochen hat. Nach sieben Jahren als Creative Director von Jil Sander, wendet sich Raf nun neuen Aufgaben zu. Mit seiner Berufung zum Artistic Director bei Dior wird er sich von seinem Ruf als minimalistischer Designer verabschieden und sich einer neuen Ästhetik, Disziplin und anderen Kunden zu wenden. Raf wird sein Dior-Debüt bei den Haute-Couture-Wochen im Juli geben. Der Start eines neuen Kapitels für zwei der größten Player in der Modeindustrie. Zu sagen, dass wir uns darauf freuen, ist eine Untertreibung! Für sein erstes i-D Cover hat sich Raf mit seinen guten Freunden—und ebenfalls Visionären—Olivier Rizzo und Willy Vanderperre zusammengetan. Willkommen in einem neuen Zeitalter. Es berichtet der Chefredakteur von i-D, Terry Jones:

Emotion, Emotion, Emotion. Modeschauen sind eigentlich nicht dazu da, um das Publikum zu Tränen zu rühren, aber die Präsentation der Herbst-/Winterkollektion 2012 war mehr als nur ein weiterer, ganz normaler Frühlingstag in Mailand. In der Branche kursierten schon seit Monaten Gerüchte darüber, dass Raf Simons seinen Posten als Creative Director bei Jil Sander verlassen würde. Die offizielle Bestätigung kam dann kaum zwei Tage vor der Womenswear-Show für die Saison Herbst/Winter 2012. Eine deutsche Tageszeitung hat verkündet, dass Jil Sander zu dem Label zurückkehren würde, das sie gegründet hat.

i-D verfolgt die Karrieren beider Designer bereits seit Jahren und Raf wurde zu einem persönlichen Freund. Seine letzte Modenschau für Jil Sander war meisterhaft elegant und hat seine Stellung als einen der wichtigsten Designer der Gegenwart zementiert. Gezeigt wurde in der Mailänder Jil-Sander-Zentrale in einem atemberaubenden, modernistischen Gebäude auf der Foro Buonaparte. Rafs Models zogen ihre Kreise vorbei an Blumenarrangements in Plexiglas-Schalen auf Säulen auf Augenhöhe. Die Blumen wurden nach dem Weggang von Raf in den Schalen gelassen und verwelkten. Das weckte Erinnerungen an eine Installation von Marc Quinn. „Die Blumen waren symbolisch" sagte mir Raf nach der Show. „Es war die abstrakte Idee einer sehr häuslichen Umgebung. Die Idee eines Gartens und von etwas sehr Femininem. Eine Frau in ihrer Umgebung, in ihrem Haus, unter ihrer Familie."

Nach sieben Jahre als Creative Director von Jil Sander ist aus Raf Simons nicht nur ein Menswear-Designer von Weltruf geworden, sondern auch ein visionärer Womenswear-Designer. Zusammen mit seinem talentierten Team, das er um sich aufgebaut hat—eine Fähigkeit, die er während seiner dreijährigen Professur an der Angewandten in Wien gelernt hat—, hat Raf eine etablierte Marke mit seinen Ideen weiterentwickelt, die einerseits verantwortungsvoll mit der Vergangenheit des deutschen Labels umgegangen sind, andererseits hat er aber moderne Schneiderkunst, Materialien und Herstellungsverfahren getestet, verfeinert und perfektioniert.

Bei Jil Sander ging es vor allem um Schlichtheit und Minimalismus. Ja, ich mag Minimalismus sehr, aber das ist nicht das Einzige, das ich mag. Bei Dior hat man diese Beschränkung nicht. Das Haus Dior zelebriert Weiblichkeit, Eleganz und Natürlichkeit. Das wird eine interessante Entwicklung für mich. Ich werde eine größere Struktur haben, um meine Geschichte erzählen zu können.

In den letzten drei Kollektionen für Jil Sander schlug er einen eleganteren Ton an und bot so für viele einen Vorgeschmack auf die Zukunft. Die einfachen, Haute Couture ähnlichen Formen und Präzisions-Cuts erinnerten an Diors New Look ­und zeigten Rafs Begeisterung für die Kunst des Schneiderhandwerks. Wer könnte die kokonhaften Mäntel, Kleider und Kaschmir-Ski-Capes der Herbst-/Winterkollektion 2011 und die Schlichtheit und Eleganz der Frühjahr-/Sommerkollektion 2012 vergessen. In der letzten Kollektion für Jil Sander präsentierte er wunderschöne Kaschmir-Übermäntel mit Laser-Cuts, skulpturale Abendgarderobe und pastellfarbenen Nachtgewänder in Rosa, blassem Mintgrün, Blau und Grau.

„Die Farben waren auf gewisse Weise sehr rein", erklärt mir Raf. „Die Schönheit war sehr natürlich, sehr romantisch. Als ob man durch die Natur wandert. Schönheit ist nicht immer offensichtlich. Du musst danach suchen und das finde ich romantisch."

Raf Simons wird sein Dior-Debüt im Juli zur Pariser Haute-Couture-Modewoche geben. Es wird das erste Mal, dass er offiziell Haute Couture designen wird und die ganze Branche freut sich darauf. „Das markiert den Beginn eines gänzlich neuen und aufregenden Kapitels", so Lulu Kennedy von Fashion East zum Evening Standard. „Rafs bescheidener Charakter wird nach den Ereignissen im letzten Jahr die Wogen für das Haus glätten."

Der neue Look bei Jil Sander ist ein Vorgeschmack darauf, zu was Raf in der Lage ist. Seine Sensibilität für und sein Respekt vor Frauen werden nicht nur seine Mutter, sondern viele Mütter glücklich machen. „Es wird eine Herausforderung", sagt Raf sichtlich begeistert. „Bei Jil Sander ging es vor allem um Schlichtheit und Minimalismus. Ja, ich mag Minimalismus sehr, aber das ist nicht das Einzige, das ich mag. Das ist eines der wenigen Dinge, die ich herausfordernd finde. Bei Dior hat man diese Beschränkung nicht. Das Haus Dior zelebriert Weiblichkeit, Eleganz und Natürlichkeit. Das wird eine interessante Entwicklung für mich. Viele Leute denken, dass es unnatürlich für mich ist, zu Dior zu gehen. Aber Dior bietet mir viel Verantwortung und Reichweite für meine Designs. Ich werde eine größere Struktur haben, um meine Geschichte erzählen zu können. Ich bin nicht die Person, die in der Ecke sitzt und Entwürfe zeichnet. Ich arbeite sehr viel im Dialog mit meinem Team."

Nach der letzten Modenschau für Jil Sander stürmte das Publikum die Bühne. Für viele war es die überzeugendste und wichtigste Kollektion seiner bisherigen Karriere. Die emotionale Reaktion sorgte nicht nur für Tränen in den Augen vieler Modejournalisten, sondern auch bei Raf selbst. Wie haben sich die Standing Ovations für Raf selbst angefühlt? „Das war so emotional. Es ist schwer zu beschreiben", sagt er heute. „Ich wollte nicht hinaus auf die Bühne. Ich wusste nicht, wie ich das machen würde. Es war so schwer. Das kann ich nicht leugnen. Als ich es dann schließlich tat, war es wundervoll. Ich dachte nur: ‚Das war es dann wirklich. Das ist das letzte Mal.'"

Das Drama der Saison hörte aber nicht in Mailand auf. Die Gerüchte, dass Raf zu Yves Saint Laurent geht, erwiesen sich als Luftnummer, als bekannt gegeben wurde, dass Stefano Pilati durch Hedi Slimane als Creative Director ersetzt wird. Slimane sorgte 1997 für Schlagzeilen, als er Kreativchef von Yves Saint Laurent Menswear wurde und 2000 dann zu Dior Homme wechselte.

Suzy Menkes' hat in ihrem sensationellen Artikel für die New York Times unser journalistisches Gieren nach „Breaking Fashion News" und unser fehlendes Verständnis für die Karrieren dieser äußerst sensiblen Individuen verurteilt. „Wir sind alle schuldig für dieses Schlamassel", schreibt sie. „Der gegenwärtige Zustand der Modeindustrie, in dem Designer zu Häusern gelockt werden, wo sie abgelehnt, entfernt und wieder hofiert werden, sorgt für ein mulmiges Gefühl … Es sind die Designer, die in diesem Kreislauf gefangen sind. Sie sind ihrer Natur nach sensible Künstler. Und sie werden wie Ware behandelt. Sie werden von den großen Häusern eingekauft und fallen gelassen, wie es ihnen beliebt." Heute stehen die Designer unter erheblichem Druck des Managements der großen Modeunternehmen, ständig erfolgreiche Kollektionen in immer kürzeren Abständen abzuliefern. Druck gehört heutzutage zum Job. Das Stemmen dieses Drucks kann aber nie alleine gelingen. Hinter vielen erfolgreichen Designer stehen professionelle Management-Teams, die verstehen, dass Designer keine Roboter sind und dass Kreativität nicht nur Erfahrung, sondern auch Zeit und Raum zum Wachsen braucht. „Das ist kein Schachspiel. Das sind Personen aus Fleisch und Blut. Besonders die sensiblen Designer haben es verdient, nicht als Spielfiguren von anderen behandelt zu werden."

Trotz gegenteiligen Gerüchten besteht Raf darauf, dass seine Berufung zu Dior erst nach seinem Weggang bei Jil Sander finalisiert wurde. „Wir haben erst nach der Modenschau mit den richtigen Gesprächen angefangen", sagt er. In einem kurzen Statement, nachdem die Meldung in der Welt war, teilte Dior mit, dass Raf „eines der größten Talente unserer Zeit ist" und sich das Unternehmen außerordentlich darüber freue, dass er Dior ins 21. Jahrhundert katapultieren wird. Auch Raf sprach über seine Berufung: „Mit dem allergrößten Respekt vor seiner unglaublichen Geschichte, dem unvergleichlichen Wissen und seiner Handwerkskunst werde ich Teil des wundervollen Hauses Dior. Ich bin wirklich gerührt und fühle mich geehrt, Artistic Director eines der bekanntesten französischen Modehäuser auf der Welt zu werden."

Mit uns hat er über seine größten Einflüsse, seinen Sommer-Soundtrack und die Inspirationen hinter seiner letzten Jil-Sander-Kollektion gesprochen.

Die Blumen waren symbolisch. Das war die abstrakte Idee einer sehr häuslichen Umgebung. Die Idee eines Gartens und von etwas sehr Femininem.

Du arbeitest schon seit 17 Jahren in der Modeindustrie. Wer hat dich am meisten geprägt?
Zuallererst muss ich da Olivier Rizzo nennen. Ich wollte an der Königlichen Akademie in Antwerpen studieren, um Leute wie Olivier kennenzulernen. Sie haben alle da studiert, deswegen wollte ich auch dahin. Bevor ich in Antwerpen gewohnt habe, habe ich ein Praktikum bei Walter van Beirendonck gemacht. Er hat am Anfang meiner Karriere eine wichtige Rolle gespielt. Zu der Zeit hatte ich in Antwerpen noch keine Wohnung und habe noch bei meinen Eltern auf dem Land gewohnt. Unter der Woche habe ich bei einem Freund in Antwerpen übernachtet. Ich bin neben dem Praktikum bei Walter noch zur Schule gegangen. Einmal im Jahr habe ich Olivier nach den Modeschauen der Akademie gesehen. Das war in den Jahren 1991 bis 1993. Dann hat er seinen Abschluss gemacht und ich habe ihn viel besser kennengelernt. Danach bin ich ganz nach Antwerpen gezogen und für zwei Jahre, bis ich mein eigenes Label 1995 gegründet habe, haben wir uns jeden Tag gesehen: ich, Olivier, David Vandewal, Peter Philips und Ingrid. Wir waren diese Gruppe, die bis vier Uhr morgens in Cafés diskutiert hat. In Antwerpen gab es ein Intellektuellen-Café, wo jeder rumgehangen hat. Einige waren wirklich Künstler, ein paar haben gelesen und wir waren die Modeclique. Die Idee, meine eigene Kollektion zu machen, bestand die ganze Zeit.

Hast du dir jemals vorstellen können, dass dein Label da steht, wo es heute steht?
Ich denke nie über die Größe von etwas nach.

Aber du hattest doch bestimmt einen Ehrgeiz?
Damals wollte ich die Kollektion nicht alleine anfangen. Ich wollte mit jemandem zusammen anfangen. Der einzige Grund, warum ich alleine angefangen habe, war, dass die beiden Mädchen, mit denen ich es machen sollte, abgesagt haben. Die eine hatte schon sehr früh viel Angst und die andere hat Panik bekommen, als die ersten Rechnungen für die Stoffe ins Haus flatterten. Da haben beide begriffen, wie ernst das alles ist. Ich hatte auch Panik bei den ganzen Rechnungen. Ich habe nie daran gedacht, wie groß das Label werden oder welchen Einfluss es haben würde. Ich habe es anfangs einfach wegen der Leute gemacht, mit denen ich rumgehangen habe: Olivier Rizzo, David Vandewal, Peter Philips, Ingrid und ein paar anderen Mädchen. Das Label repräsentierte, was wir über die Mode dachten. Ich dachte, dass ein Label eine Haltung verkörpern kann. Es ging bestimmt nicht, darum ein großes Unternehmen zu gründen und Teil der Modewelt zu werden.

Heute ist die Modeindustrie ganz anders. Das gleiche gilt für i-D. Wir haben das Magazin nicht gegründet, um Herausgeber zu werden. Wir wollten unsere Meinung veröffentlichen, wir wollten darstellen, was damals auf der Straße passiert ist.
Ja, genau. Mein eigenes Label zu gründen, hatte mit mir und meinen Freunden zu tun. Uns hat nicht gefallen, was wir gesehen haben. Das Label war eine Reaktion darauf. Es gab Dinge, die uns gefallen haben und wir wollten sie richtig miteinander kombinieren. Ich war besessen von Martin Margiela und Helmut Lang. Ich konnte mich mit ihren schlichten Silhouetten identifizieren, den knielangen Mänteln und den kleinen Hosen. Aber natürlich war mein Label sehr mit meiner Vergangenheit, mit meinen Erfahrungen verknüpft. Es war nicht kein Corporate-City-Chic wie bei Helmut. Mein Label war schmutziger, dunkler und mehr Untergrund. Der Vibe war Schuljunge und Katholizismus, Dorf und College. Bevor ich meine eigenen Kollektionen entworfen habe, gab es eine Zeit, in der ich nur Klamotten gekauft habe, die der Helmut-Lang-Ästhetik entsprochen haben. Oft war es nur ein Kleidungsstück, aber oft auch nicht mal das, weil ich mir das nicht leisten konnte. Ich wollte Teil dieser Welt werden, weil ich sie für sehr cool empfand. Ich habe darauf geachtet, dass ich so aussah, schon bevor ich mit dem Designen anfing. Martin Margiela ist ein weiterer Designer, der mich sehr inspiriert hat. Martin ist der Grund, warum ich überhaupt Designer werden wollte. Als ich seine Modenschau gesehen hatte, dachte ich: ‚Das nenne ich mal Mode'. Davor habe ich Mode einfach nicht verstanden. Erst nach Margielas Schau habe ich begriffen, wie die Mode beim Publikum Gefühle hervorrufen kann. Es gab Leute im Publikum, die wirklich geweint haben! Für mich war ab diesem Moment klar, dass eine Modenschau nicht mehr dasselbe ist. Ich dachte plötzlich, dass sie etwas Intellektuelles, etwas Fragiles und gleichzeitig auch etwas sehr Radikales und Emotionales haben kann. Das war eine ganz andere Welt. Ich bin in den 60ern geboren und in den 80ern aufgewachsen. Mit Mugler, Montana und Gaultier.

Wir haben uns das erste Mal auf der Fashion and Cinema Biennale in Florenz 1998 getroffen, als du deine Installation präsentiert hast. Du bist keine Kompromisse eingegangen. Damals hattest du eine dunklere Seite an dir. Jetzt fühlt sie sich leichter an.
Ich glaube, es gibt diese dunkle Seite immer noch. Es fällt mir heute aber leichter, mit Leuten zu sprechen. Über die Dinge zu sprechen, die mir Angst machen, die mich nervös machen und bei denen ich mich unwohl fühle. Ein paar meiner engsten Freunde arbeiten in meiner Firma. Sie wissen, bei was ich mich unwohl fühle. Das hilft, denke ich.

Ich habe mehr über deine Ästhetik gesprochen. Du hast früher mit Symbolen wie Schädeln gespielt.
Ich denke, dass jeder eine dunkle Seite hat.

Auf deiner letzten Jil-Sander-Womenswear-Show hast du „Fade into You" von Mazzy Star, „Superstar" von Sonic Youth und „Tonight Tonight" von den Smashing Pumpkins gespielt. Hörst du privat ähnliche Musik oder immer neue Sachen?
Um ehrlich zu sein, höre ich hauptsächlich ältere Musik. Das bedeutet nicht, dass ich neue Musik nicht mag. In letzter Zeit höre ich wieder die Musik, die ich kenne und mag. Klassiker wie Beethoven, Plastikman oder The xx, die ich schon seit Jahren höre.

Deine Herbst-/Winter-Menswear-Kollektion 2012 für Jil Sander hatte einen Berliner Club-Vibe.
Ich bin froh, dass du das erkannt hast. Ich wusste, dass ich mit dieser Kollektion ein Gefühl erzeugen will, damit die Leute ihre eigenen Ideen auf sie projizieren können. Was man in der Kollektion erkennt, spiegelt die eigene Persönlichkeit wider. Mich hat eher überrascht, dass einige etwas ganz Anderes da rein interpretiert haben. Wir haben nie Erinnerungen an eine dunkle Vergangenheit wecken wollen. Wir haben an eine extreme Interpretation eines Geschäftsmanns gedacht, aber gleichzeitig auch an einen extrem sexuell aktiven Mann mit einer dunklen Seite. Der Mann ist vielleicht ein Arbeiter auf der Straße, aber gleichzeitig auch ein Familienvater mit Kindern. Ein Mann, der noch ein Junge ist.

Das Leben eines Bankers nach dem Feierabend?
Ja, ein Büromensch oder ein Vater, auf den zu Hause drei Kinder warten. Vielleicht ist er aber auch nur der Mann, der nie erwachsen geworden ist und immer noch Dinosaurier in seiner Wohnung zu stehen hat. Wir haben nicht eine Sekunde an Armee, die Polizei oder die dunkle Seite gedacht. Deswegen hat es mich überrascht, solche Bezüge in den Kritiken zu lesen. Die Tür auf dem Catwalk sollte die Assoziation daran wecken, dass sich dahinter ein Club verstecken könnte. Eine New Yorker Straße mitten in der Nacht.

Die Show hatte auch einen Comicbuch-Vibe. Tim und Struppi treffen auf Will Eisner.
Das war auch eine Idee. Wir wollten einen klassischen Gentleman porträtieren, der auch seine dunklen Seiten hat.

Das hat mir schon immer an dir gefallen: Bei deinen Arbeiten geht es um so viel mehr als nur um die bloße Kleidung.
Besonders was mein eigenes Label angeht. Mit eigenen Ideen muss man sich selbst nicht limitieren. Ich spiele sehr oft mit Ideen herum, von denen ich schon weiß, dass daraus nicht viel wird. Die Mode ist nicht dazu da, um dich zu erziehen, sondern um dich herauszufordern. Ich unterhalte mich oft mit jungen Leuten und ich merke, dass sie eine andere Sichtweise haben. Aber das Interesse ist da. Deshalb entwerfe ich Mode, um einen Dialog zu starten und die Leute zusammenzubringen.

Mehr aus dem i-D Archiv findest du hier.

Credits


Text: Terry Jones
Fotos: Willy Vanderperre
Styling: Olivier Rizzo
Übersetzung aus dem Englischen: Michael Sader
Fotoassistenz: Romain Dubus, Tine Claerhout
Produktion: Mindbox
Blumen: Mark Colle
Besonderen Dank an Henri Coutant at D'Touch und Stephanie Jaillet at Janvier Paris
Raf Simons wears all clothing Raf Simons.
[The Lights, Camera, Action Issue, No. 319, Summer 2012]