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A face to a name. Als Suzy Menkes den Margiela-Designer preisgab

Suzy Menkes’ Entscheidung, die Identität des Designers hinter Maison Martin Margiela zu verraten, schockierte die Branche. Aber was bedeutet das für die Mode selbst?

von Anders Christian Madsen
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30 Oktober 2014, 8:59am

In einem Artikel für die britische Vogue zu den Fashion-Shows diese Saison hat Suzy Menkes OBE die Identität des mutmaßlichen MMM-Chefdesigners verraten - Matthieu Blazy. Für ein Modehaus, dessen emeritierter Gründer sich persönliche Publicity verbat und jegliche Anerkennung seinem Team zurechnete, ist das schon eine ziemlich miese Aktion von Menkes gewesen. So mies, dass es die Story bis in die Seitenleiste der Daily-Mail-Website geschafft hat. (Sechs Millionen Leser werden sich gefragt haben: Martin-wer?) Das Haus Margiela gab daraufhin ein Statement ab - wahrscheinlich, um nach Menkes' Enthüllung überhaupt einmal auf die schier unendlichen Interviewanfragen für Blazy zu antworten - in dem sie die Presse an ihr strenges Anonymitätsprinzip erinnern und darum bitten, es gut sein zu lassen. „Bei uns am Haus hat sich nichts geändert und MMM gibt zu einzelnen Mitgliedern des Kollektivs keine Auskünfte. Unsere Arbeiten entstehen im Team und sind als solche eben diesem Kollektiv zuzuschreiben."

Ich war keiner von denen, die ein Interview mit Blazy angefragt haben, aber super neugierig auf die Gründe hinter Menkes' Geheimnisverrat, gerade nach der Men's-Show-Saison in Paris, wo gerade ein anderes Gerücht die Runde machte - in diesem Fall über einen sehr beliebten Londoner Designer, der sich angeblich dem Maison-Menswear-Team angeschlossen habe. (Aus Respekt vor den Designern und den Margiela-Prinzipien hier jetzt keine Namen.) Menkes hat Blazys Identität nicht aus Mangel an Respekt dem Modehaus gegenüber preisgegeben, sondern weil man, so schreibt sie, „so ein Talent nicht unter Verschluss halten kann". (Und vielleicht, weil Menkes zu der Modejournalisten-Generation gehört, die den Old-School-Tugenden der Berichterstattung treu bleibt und sich nicht, wie wir Youngsters, vom Fashion-System korrumpieren lassen, das die Selbstzensur in einem hochkommen lässt.)

Wir alle kennen und schätzen Margielas Regeln, aber wir wissen auch, dass jedes Team einen Anführer braucht und Anführer wiederum zu Idolen werden. Ich habe diese Kolumne eingeführt, um das Fandom-Phänomen zu diskutieren - ob in der Mode oder anderswo - und nichts führt einem das Verlangen nach Idolen im Fashioncircus so schön vor Augen wie die Reaktion auf Menkes' Artikel. Trotz der selbstauferlegten Anonymität des ehemaligen Kopfes hinter MMM hatte man mit Martin Margiela wenn schon kein Gesicht, dann wenigstens einen Namen, den man verehren konnte. Wenn man zu seinen Shows ging und begeistert war, wusste man: Der Mann selbst ist backstage, selbst wenn er herauskommen und sich verbeugen würde, und das war auch in Ordnung so. Er war da, auch wenn er nicht da war, so ein bisschen wie Jesus. Als Margiela sein Unternehmen verließ, löste die Abwesenheit des Idols irgendwann eine Frust-Lawine aus. Es besteht eine Art Notwendigkeit, jemanden zu haben, dem die Fans ihre Zuneigung entgegenbringen können. Das Resultat fünf Jahren später: Menkes' Story über Blazy.

Als ich einem Freund von dem gerüchteweisen Einstieg dieses Menswear-Designers bei Margiela erzählte, kam es mir so vor, als würde er die Spring-Summer-Menswear-Kollektion fürs kommende Jahr irgendwie noch mehr mögen. (Die war übrigens wirklich sehr gut. Ravy.) Und das wirft eine interessante Frage auf: Wie sehr gefällt uns Fashion dafür, wer sie gemacht hat, und wie sehr einfach deshalb, weil sie uns eben gefällt? Maison Martin Margiela ist da post-Margiela selbst eine interessante Fallstudie. Für die letzten paar Saisons liebten die Leute seine Designs, ohne zu wissen, wer dahintersteckte. Ich behaupte sogar, dass einige Fans seine Stücke umso mehr mochten, gerade weil die streng gehegte Anonymität der Designer und die irgendwie sozialen Team-Prinzipien dem Ganzen einen intellektuellen Geschmack verpassen. Was interessanterweise keine kalkulierte Absicht ist, sondern einfach zur Tradition des Labels gehört, wo eben schon der Gründer kein Fan von Personenkult war.

Nicht nur die Fashionindustrie braucht das, zum Namen ein Gesicht zu bekommen, beziehungsweise den Namen zur Marke. Wer weiß, ob Banksy zu dem Phänomen geworden wäre, das er heute ist, hätte er seinen Namen nicht unter seine Arbeiten gesetzt, sondern sie anonym stehen gelassen. Als er immer berühmter wurde und Gerüchte aufkamen, dass eine ganze Horde von Künstlern die Stadt in seinem Namen bemalt, haben Leute sofort angefangen, zwischen dem echten und Fake-Banksys zu unterscheiden. Aber gibt es da nicht auch etwas, das für Geheimhaltung spricht? Wenn man in der Modebranche arbeitet, dann hat man zwangsläufig einen, wenn nicht einige Designerfreunde, die irgendwann schon einmal im Margiela-Team gearbeitet haben - schließlich ist es nicht einfach, eine langfristige Anstelling geheimzuhalten. Aber manchmal wäre es einem lieber gewesen, man hätte es nicht erfahren. Unter Margiela selbst pflegte das Haus diesen geheimnisvollen Nimbus ob seiner scheuen Art durchgängig, und als er ging, behielt das gesichtslose Team seine Form der Zurückhaltung bei. Sie ließen einen im Dunklen.

Ich verurteile Menkes' Entscheidung nicht, Matthieu Blazy zu outen, und ich bin mir sicher, dass er von ihren ganzen Superlativen sogar ziemlich geschmeichelt war. (Der Rest des Teams vermutlich weniger.) Doch in einer Branche, die davon besessen ist, ihre Anerkennung den Chefdesignern statt deren Teams auszusprechen - das eine entscheidende Rolle in der Entstehungsgeschichte unserer Lieblingskollektionen spielt - sind das Prinzip und die Philosophie bei MMM eine ziemlich gesunde Alternative. Fandom ist das Beste. In der Mode macht es den Designer vom Handwerker zum Rockstar und die Industrie wäre um einiges langweiliger ohne ihre Superstars. Trotzdem kann durch die Idealisierung ein gefährliches Ungleichgewicht zwischen echter und gespielter Bewunderung entstehen. Wobei die letztgenannte schnell in dieser leider branchentypische Verlogenheit resultieren kann, die wir alle verabscheuen: Dass man auf Sachen steht, weil es andere tun. Ich freue mich schon, dass wir Blazys Namen und Gesicht jetzt mit der Marke Margiela zusammenbringen können, hoffe aber sehr, dass la Maison ihre clevere geheimnisvolle Art bewahren wird.

Credits


Text: Anders Christian Madsen
Fotos: Mitchell Sams