was bedeutet die verpflichtung des ersten männlichen plus-size-models?

Nachdem die Schlagzeilen über die Entscheidung von IMG Models, eine eigene Plus-Size-Abteilung für Männer einzurichten, abgeebbt sind, fragen wir uns, ob das wirklich ein Schritt hin zu mehr Gleichheit und Vielfalt in der Menswear ist.

von Jake Hall
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05 April 2016, 2:10pm

Jetzt nun also auch Gucci. Nach Burberry, Vetements und Tom Ford vereinigt das italienische Modehaus auch die Women- und Menswear-Fashionshows, wie heute bekannt wurde. Dass Menswear für die Modeindustrie dadurch noch mehr an Bedeutung gewinnt, spiegelt sich auch in dieser Entscheidung wider. Während bei den Frauen schon länger über Body-Positive-Bewegung und eine größere Repräsentation unterschiedlicher Körpertypen gesprochen wird und mit Ashley Graham und Tess Holliday Models auch jenseits klassischer Modelmaße erfolgreich als Models unterwegs sind, sieht es bei den Männern noch anders aus. Doch allmählich ändert sich auch auf diesem Gebiet etwas.

Im Februar wurde IMG Brawn lanciert, eine Abteilung der weltweit tätigen Modelagentur IMG Models für männliche Plus-Size-Models. Begleitet wurde der Start von der Ankündigung, dass Schauspieler, Comedian und das ehemalige Model für die US-Supermarktkette Target, Zach Miko, das erste Model der neuen Abteilung sein würde. Damit wurde er zum ersten männlichen Plus-Size-Model der Welt. Weniger überraschend war, dass IMG die erste Mainstream-Agentur wurde, die sich ganz der Body-Positive-Bewegung verschrieben hat. Bei der Agentur stehen Ashley Graham, die Geschichte geschrieben hat als erstes Plus-Size-Model auf dem Cover der Swimsuit Issue von Sports Illustrated, Hari Nef und Jillian Mercado unter Vertrag. IMG Models sorgt aktiv dafür, dass die Modewelt alle Facetten menschlicher Schönheit abbildet.

Die stetig wachsende Beliebtheit von Menswear steht sinnbildlich für eine neue Generation von Männern, die sich zunehmend mehr Gedanken um ihre äußere Erscheinung machen. Wie Ivan Bart, CEO von IMG, zum Launch von IMG Brawn richtigerweise gesagt hat: „Die Body-Positive-Bewegung und eine Vielfalt an unterschiedlichen Körpertypen sind Themen, die auch weiterhin die Debatte bestimmen werden. Wir müssen auch die Männer mit einbeziehen". Einer aktuellen Studie der Chapman University zufolge ist die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper ein Problem, das viele Männer betrifft. 20 bis 40 Prozent der befragten 116.356 Männer haben angegeben, dass es ihnen aufgrund ihres Aussehens an Selbstbewusstsein mangelt. Zwar wird body-positive in der Womenswear immer mehr gefördert (auch wenn noch viel gesagt und getan werden muss), ist das Thema in der Menswear kaum präsent. Es wird einfach als selbstverständlich angesehen, dass sich Männer mit ihrer Erscheinung wohlfühlen und stark sind. Doch statistisch gesehen, ist das nicht immer der Fall. Das macht die neue Abteilung zu so einem Durchbruch.

Die Aussagen von Ivan Bart, die zum Launch darüber hinaus zu lesen waren, werfen allerdings die Frage auf, wie revolutionär der Schritt wirklich ist. „Brawn steht für Body-Positivity. Brawn bedeutet körperliche Stärke", sagte er zu WWD. Im Interview sagte er außerdem noch, dass er sich selbst als „muskulösen, kräftigen Typen" und sich selbst nicht als „krankhaft übergewichtig" sehe. Diese Aussagen stehen exemplarisch dafür, warum Agenturen der Bezeichnung „Plus-Size" so reserviert gegenüberstehen. Letztlich haben die Kunden, die großen Unternehmen, Angst vor dem Vorwurf, dass sie Übergewicht fördern würden. Zack Miko zum Beispiel hat einen Taillenumfang von 101,6 Zentimeter (40 Inch), ist aber auch 1,98 Meter groß, sein Hüftumfang ist somit ungefähr proportional zu seiner Körpergröße. Frauen werden oft als „Plus-Size" bezeichnet, während Männer „groß und kräftig" sind. Das impliziert, dass Männer nicht übergewichtig sind, sondern einfach nur fülligeren Körper haben.

Dazu kommt, dass Miko einfach extrem attraktiv aussieht. Er trägt einen Bart, hat Tattoos und eine muskulöse Statur. Das sind Merkmale, die gemeinhin als attraktiv bei Männern gelten, auf den Laufstegen bisher unterrepräsentiert waren. So jedenfalls ist der Tenor vieler Reaktionen auf die IMG Brawn. Besonders erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang die Überschrift der amerikanischen Cosmopolitan, in der Miko als „totaler Hottie" bezeichnet wird. Dass Miko attraktiv ist, ist an sich nicht überraschend, er ist schließlich Model. Aber dadurch, dass er das repräsentiert, was die Gesellschaft gemeinhin als attraktiv und maskulin ansieht, ist seine Verpflichtung als „Plus-Size"-Model weniger bahnbrechender Schritt als das Einrennen von offenen Türen.

Außerdem wirft die Fokussierung auf das Maskuline ein weiteres Problem auf, wie die Ergebnisse der Umfrage der Chapman University zeigen. Männer, die medizinisch gesehen als „übergewichtig" gelten, sind größtenteils zufrieden mit ihrem Aussehen. Ein Wissenschaftler erklärt sich diesen Zusammenhang folgendermaßen: „Männer stehen unter Druck, stark und mächtig zu sein. Zusätzliche Körpermasse führt nicht notwendigerweise zu einer Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper." So lässt sich die Entscheidung von IMG, in der Kommunikation auf Stärke und Kraft zu setzen, erklären. Doch dahinter verbirgt sich eine Botschaft: Männer dürfen ruhig übergewichtig sein, solange sie groß, stark und nicht zuletzt maskulin sind. Wenig überraschend, kommt die Umfrage außerdem zu dem Ergebnis, dass schwule Männer weniger zufrieden mit ihren Körpern sind und statistisch gesehen liegt bei ihnen die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie beim Sex Körperstellen verdecken, es vermeiden, oberkörperfrei in der Öffentlichkeit aufzutreten und über plastische Schönheitschirurgie nachdenken. Indem die Modelagentur Männlichkeit zum bestimmenden Ideal erhebt, werden die Männer, die diesen Idealen nicht entsprechen, weiter in die Ecke gedrängt und totgeschwiegen, was ansonsten eine große Zielgruppe sein könnte.

In der Womenswear gehört die Body-Positive-Bewegung schon länger zu einem der wichtigsten Themen. Ganz vorne mit dabei ist die Aktivistin Tess Holliday, die letztes Jahr Geschichte schrieb. Sie ist das Model mit der größten Konfektionsgröße, das je bei einer Mainstream-Agentur unter Vertrag genommen wurde. Holliday ist mehr als ein Feigenblatt. Sie tritt mit ihrer Social-Media-Kampagne unter dem Hashtag „effyourbeautystandards" für Veränderungen an und stärkt damit Frauen, die vorher von der Mehrheitsgesellschaft negiert wurden, weil sie nicht gewisse Schönheitsideale erfüllten. Auch wenn sie wunderschön ist und ihre Bekanntheit als Plattform nutzt, um den Leuten etwas Positives zu zeigen, ist sie schon mehrmals zur Zielscheibe von Artikeln geworden, in denen sie regelrecht fertiggemacht wurde. Sie wurde schon mehrmals gezwungen, darauf hinzuweisen, dass sie regelmäßig Sport macht. Ihr wird vorgeworfen, ein schlechtes Vorbild zu sein und Übergewicht zu fördern. Vorwürfe, die wieder einmal beweisen, dass Frauen häufiger als Männer von der Gesellschaft für ihr Aussehen runtergemacht werden. Ihre Social-Media-Kanäle nutzt sie trotzdem weiterhin, um auf Fat-Shaming aufmerksam zumachen, und auf Vorwürfe, die gegen sie erhoben werden, zu reagieren. Sie ist ehrlich und zugänglich—und das macht sie einem wichtigen Vorbild. Das soll nicht heißen, dass die Menswear ein Äquivalent zu Holliday braucht, es zeigt allerdings die Doppelmoral auf. Dieselben Leute, die Holliday vorwerfen, sie sei ein schlechtes Vorbild, sind diejenigen, die Miko für sein gutes Aussehen und ihn für (zumindest nach Cosmo) seinen „Hottie"-Status akzeptieren.

IMG Brawn beweist vor allem, dass Marken immer noch Angst vor dem Vorwurf haben, Übergewicht zu fördern, und dass weibliche Plus-Size-Models, wenn sie Erfolg haben wollen, für jeden erreichbar sein und sich täglich gegen Vorwürfe verteidigen müssen. Nichtsdestotrotz stellt Brawn aber ein Novum dar und ist ein wichtiger Schritt für die Menswear. In diesem Bereich ist Vielfalt bisher kaum vorhanden und es wird immer noch unverhältnismäßig viel Wert auf Männlichkeit gelegt. Wer diesen Idealen nicht entspricht, wird weiterhin ignoriert. Die Ironie dabei ist, dass nach der Umfrage diejenigen, die durch die neuen männlichen Plus-Size-Models repräsentiert sind, mit ihrem Aussehen bereits zufrieden sind. Miko und IMG sind ohne Zweifel machen erste Schritte in der Diversifizierung der Menswear, aber auch nicht mehr.

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Credits


Einleitung: Michael Sader
Text: Jake Hall
Foto via IMG Models

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