wie feministisch ist japan eingestellt?

Japan ist bekannt für seine automatisierten Toiletten und seinen Hang zur Exzentrik, aber der Feminismus des Landes erscheint für viele im Westen befremdlich. Wie viel Wahrheit steckt hinter dem Klischee der unterwürfigen Frau?

|
Okt. 26 2015, 11:30am

Es ist mein dritter Besuch in Japan und mir wurde die Aufgabe übertragen, ein Kunstwerk für das 21st Century Museum of Contemporary Art in Kanazawa anzufertigen, einer der größten japanischen Kulturinstitutionen. Neben all dem üblichen, komisch langem Händeschütteln mit den Zeitungsfotografen und bizarren Fernsehauftritten, in denen mir die Moderatoren „WOW! Sushi!" entgegenschrien, stellte ich mit Enttäuschung fest, dass meine westlichen Ansichten über die Geschlechterungleichheit in diesem Land bestätigt wurden.

Im sogenannten Gender Gap Index des Weltwirtschaftsforums belegt Japan den 104. Platz von 142 untersuchten Ländern (Deutschland belegt Platz 12) und weißt einen Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen von 64 Prozent auf, der höchste Wert in den Industriestaaten. Da wusste ich, dass ich etwas über Gender machen musste, also fing ich an, mit Frauen aus ganz Japan über ihre Erfahrungen zu sprechen.

Wenn man versucht, in Japan über Feminismus zu reden, dann sind die Reaktionen oft verwirrend. Viele der Frauen, mit denen ich gesprochen habe, identifizieren sich weder selbst als Feministinnen noch sehen sie Feminismus als etwas Nützliches an. Eine Kuratorin hat mir erzählt: „Ich glaube nicht, dass es wichtig ist, laut zu sagen, dass Frauen gleich sind - Frauen haben besondere Kräfte, die Männer nicht haben."

Eine andere junge Japanerin sagte mir, dass „sie keine laute Feministin ist, in Japan ist es oft beschämend, eine Feministin zu sein." Sie hat recht. Die japanische Entsprechung von Sandi Toksvig - die Politikerin Nobuko Iwaki - trägt immer einen rosafarbenen Anzug und wird öffentlich für ihre Ansichten verspottet. Wieso sollte sich als jemand als Zielscheibe für Hohn und Spott zur Verfügung stellen und sich als Feministin outen?

Die aktuelle japanische Regierung unternimmt auch kaum etwas, um das zu ändern. Yoshihide Suga, der oberste Regierungssprecher, sagte vor Kurzem stolz im Fernsehen: „Ich hoffe, dass Mütter ihren Beitrag leisten und das Gefühl entwickeln, noch mehr Kinder haben zu wollen. Bitte haben sie viele Kinder." Taro Aso, Vizepremier, schlug in dieselbe Kerbe: „Viele haben dazu beigetragen, dass die Älteren für die steigenden Sozialausgaben verantwortlich gemacht werden, aber die Weigerung, Kinder zu gebären, ist ein ernsthafteres Problem." Wenn man in Japan über Frauenrechte spricht, dann sprechen Männer über Reproduktion.

Masayo, eine Künstlerin aus Tokio, bestätigt mir gegenüber, dass diese Haltungen auch im Privaten ihren Niederschlag finden: „Freunde meiner Mutter sagen, dass eine frühe Heirat eine gute Sache ist. Ich bin überrascht, wie viele Leute sich Gedanken um mein Privatleben machen." Chycca aus Osaka fügt hinzu: „Als ich 25 wurde, fragte mich meine Familie ‚Wo ist dein Ehemann? Wo ist dein Baby?'. Entvölkerung macht dem Patriarchat Angst und der prognostizierte Bevölkerungsrückgang um 30 Prozent bis 2060 wird den Frauen angelastet. Die Gebärmutter wird als nicht ausreichend genutzte Ressource angesehen, mit der alles gelöst werden kann. Ein männlicher Journalist in Kanazawa sagt mir während meiner Recherchen: „Wir wissen bereits, dass Frauen nicht gleichberechtigt sind - was ist aber mit der Bevölkerung?". Ich argumentiere, dass die Welt bereits ausreichend bevölkert ist und erkläre ihm, dass die Arbeit, die ich kreiere, nicht von mir handelt. Ich nutzte diese Tätigkeit als weißer Cis-Mann, um eine Plattform für japanische Frauen zu schaffen, damit ihre Stimmen gehört werden - und die Menschen schalten auf Durchzug.

Mit all diesen Gedanken steige in den Zug. In den öffentlichen Verkehrsmitteln in Tokio gibt es Waggons nur für Frauen, damit Männer nicht heimlich Fotos von ihnen machen können, man kann der Geschlechterungleichheit in Japan nicht entkommen. Upskirting wurde zu so einem Problem, dass in Japan nur noch Handys mit einer Kamera verkauft werden dürfen, bei denen die Kamerageräusche nicht deaktiviert werden können. Ich frage eine Freundin, die in Tokio lebt, ob diese Maßnahme das Problem gelöst hat. „Leider nicht. Jetzt kann man in Sexclubs dafür bezahlen, Frauen in Waggon-Attrappen zu befummeln." Wenn Japan eines gut kann, dann aus einem Fetisch Kapital schlagen.

Aber herrscht Untergangsstimmung in Japan? Nein. Es wäre unfair zu behaupten, dass japanische Frauen im Mittelalter leben, und es trifft auch nicht zu, dass alle Japanerinnen antifeministisch eingestellt sind. Es gibt die Geschichte der japanischen Frauenwahlrechtsbewegung, die ich in diesem Artikel aussparen musste, und die Dinge beginnen langsam, sich schneller zu verändern.

Die Künstlerin Rokude Nashiko fordert mit Arbeiten Mainstream-Einstellungen zu weiblicher Sexualität heraus. Nach Abdrücken ihrer Vagina entwirft sie Spielsachen. Mithilfe eines 3D-Druckers hat sie ein Boot nach dem Abdruck ihrer Vagina produzieren lassen. Aber wie das japanische Sprichwort sinngemäß lautet: „Der Pfahl, der zu weit nach draußen guckt, wird umgenietet." Rokude Nashiko wurde verhaftet und sitzt wegen Gesetzesverstößen gegen den öffentlichen Anstand und Sitte im Gefängnis.

Trotz des Klimas der Angst, das durch Fälle wie der von Rokude Nashiko geschaffen wird, beginnen Frauen auf sehr japanische Art und Weise, ihre sexuelle Freiheit zu genießen. Boys' Love heißt ein Genre Animes und Mangas, die von Frauen für Frauen gemacht geschrieben, und oft berühmte Fernsehstars, wie aus der BBC-Serie Sherlock, bei homoerotischen Handlungen zeigen. Ich habe in Tokio bereits erlebt, wie Mütter und Töchter gemeinsam auf der Suche nach der neuesten Ausgabe ihres Lieblings-Boylove-Animes waren. Japan ist voller toller Widersprüche.

Gelangweilt von männlich-dominierter Macht, verlassen viele Girls ihre echten Partner und suchen sich Ersatz im Internet. Webkare ist eine Dating-Simulationsplattform, auf der alle Boys sanft, freundlich, fürsorglich und aus Pixeln sind. Die Website ist so erfolgreich, dass sie jeden Tag 3,5 Millionen Besucher hat. Vielleicht liegt es auch an dieser Website, dass ein neuer Typ Mannentstand - bekannt als Soshoku Danshi oder „Herbivore Men" (dt.: Pflanzenfresser-Männer). Das sind Männer im Alter zwischen 20 und 29, die keine traditionellen Erwartungen an ihre Partnerinnen haben und an die Gleichstellung von Frau und Mann glauben. Das ist eine Generation an Männern, die Japan zu einer gleichberechtigteren Gesellschaft machen könnte.

Ist Japan nun also weniger feministisch als der Westen? Glücklicherweise muss ich das nicht entscheiden und das ist auch keine zielführende Frage. Japanischer Feminismus ist anders. Die japanische Form von Feminismus ist weniger auf individuelle Autonomie als viel mehr auf eine kollektive, soziale Harmonie ausgerichtet. Auch wenn es vielleicht für westliche Vorstellungen nicht laut oder radikal-aktivistisch genug ist, vielleicht muss es das auch gar nicht so sein?

@scotteeisfat

Das könnte dich auch interessieren:

Credits


Text: Scottee